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Graf Engelbert beabsichtigt einen Umzug und schreibt Oberbürgermeister

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BOCHUM
Lutz Leitmann/Stadt Bochum, Presseamt
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Werter Herr Thomas von Eiskirch, oberster Bürgermeister zu Bochum,

ich, der ehrenwerte Graf Engelbert III von der Mark stehe seit Jahr und Tag auf dem Platze am Kerkwege, im Volksmund auch Engelbertbrunnen genannt. Über Jahrzehnte habe ich über den Platz geblickt und es gab ein vergnügliches Wasserspiel zu meinen Füßen.

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Foto: Lutz Leitmann/Stadt Bochum, Presseamt

Doch seit ein paar Jahren hat man mich verbannt an einen verloren Ort direkt an den Kerkwege, von dem ich nichts Interessantes zu erblicken vermag. Kamen früher Kinder, Ehrenleute und Familien zu mir, um mich zu sehen, den Grafen, dessen Vater Eurem Bochum die Stadtrechte verliehen hat, der den Schützen aus Bochum jedes Jahr einen Maibaum stiftete aus dem Bockholt von Harpen für ihre Hilfe bei der Dortmunder Fehde, so kommt heute kaum jemand mehr. Man übersieht meine Wenigkeit, ich fühle mich verloren. Nur die Maischützen halten mir die Treue und besuchen mich im Laufe jeden Jahres einmal.

Wertester Thomas, es wurde mir angetragen, Ihre Zeit sei kostbar, denn sie eilten mit Ihrem Spaten tagtäglich von Eröffnung zu Eröffnung. So wollte ich zunächst mein Anliegen im Bürgerbüro vorbringen, jedoch waren mir die Zeiten des Wartens auf einen Termin dann doch zu lang, so dass ich mir nunmehr erlaube, Sie mit meiner Bitte höchstpersönlich zu behelligen. Ihnen, dem obersten Sachverwalter der Stadt, möchte ich gnädigst den Vorschlag unterbreiten mich aus der Verbannung zu entlassen und an einen anderen Platz umzuziehen zu lassen.

Dort, wo ich stehe, macht mir der Verkehr schwer zu schaffen. In meinem Alter ertrage ich schlechte Luft und Lautes schwer. Auch vermisse ich die Wasserspiele zu meinen Füßen sehr, die mir lange große Freude bereitet haben.

Ich erinnere überdies an das Versprechen der hochwohlgeborenen Ottilie von der Scholz, der Vorgängerin in ihrem Amte, die für den neuen Platz bereits einen neuen Brunnen in Auftrag gegeben hatte, an dem sie mir zugesichert hatte zukünftig zu stehen. Leider konnte der Brunnen nicht errichtet, werden. Das schon gefertigte Pumpwerk war zu schwer. Der Kran, der es auf den Platz schaffen sollte, wäre aufgrund des übermäßigen Gewichtes in den Tunneln der U-Bahn versunken. So musste auf den Brunnen schweren Herzens verzichtet werden und ich wurde in eine öde Ecke des Platzes verbannt.

Dieses Possenspiel erregte die Bürger der Stadt zwar sehr, gleichwohl geschah aber bisher nichts weiter. Ich hoffe, die Verantwortlichen für das unwürdige Spiel wurden ihrer gerechten Strafe zugeführt. Zu meiner Zeit wären im Mindesten ein paar Tage Kerkerhaft angemessen gewesen. Als Erzbischof des Erzbistums Köln hätte ich dazu noch erwogen die Exkommunikation der Schuldigen zu verfügen.

Später dann wurde zu meinem größten Bedauern für 30.000 Eurotaler auch noch der Name Engelbertbrunnen aus der Bezeichnung der Haltestelle auf meinem Platz getilgt. Diese heißt nun Musikforum, benannt nach einem Konzerthause, über dessen Sinnhaftigkeit die Bürger mächtig streiten. Als großer Freund der Minnedichtung will ich dazu noch anmerken, dass auch ich dem Bau eines hohen steinernen Stadtturms zur Verehrung der Liebsten in der obersten Kemenate mit prächtigsten Gesängen den Vorzug gegeben hätte.

Ich, der ehemals mächtige Graf von der Mark, fühle mich gedemütig, entrechtet und entmachtet. Dort, wo ich dereinst auf dem Platze stand, stehen heute Tische, an denen gemundet und gebechert wird. Gerne würde ich mich dazu gesellen und dort den ein oder anderen Rebensaft mittrinken. Doch ich bitte zu verzeihen, dass mir die neumodischen Getränke, mit denen das junge Volk heute seinen Durst löscht, nicht zusagen. Die Milch des roten Bullen verursacht mir heftigste Darmbeschwerden.

Gnädigster Thomas, daher wäre ich auch bereit an einen gänzlich neuen Platz umzuziehen. Sehr beschaulich könnte ich an dem Platz stehen, wo sich Große-Beck- und Untere Marktstraße heute kreuzen. Nicht weit von dem Orte, wo dereinst das Große-Beck-Tor den Zugang der Stadt bewachte. An dem Hause, wo damals der Gasthof Rietkötter war, bei dem auch ich schon vor Jahrhunderten auf ein paar Schoppen eingekehrt bin, direkt an der schönen Propstei-Kirche, wo in längst vergangenen Zeiten von mir selbst höchst unterhaltsame Inquisitionsgerichte abgehalten wurden.

Dort, auf diesem neuen Platze, könntet ihr auch die Bürger mit einem neuen Wasserspiel erfreuen und bei dem Einweihungsfeste euren bürgermeisterlichen Spaten zum Einsatz bringen.

So habe ich nun mein dringliches Gesuch vorgebracht und hoffe, verehrter Thomas, auf Ihr Mitgefühl, für meine missleidige Lage. Ich bin mir der Unterstützung der treuen Bürger Bochums, besonders der ehrenhaften Maischützen, gewiss, die mich auch heute wie dazumal in meinen Anliegen ergeben unterstützen.

Es wäre mir ein Angang nach Dortmund übersiedeln zu müssen, wo mir die Stadtoberen einen Platz auf dem Alten Markt in Aussicht gestellt haben, sofern ich mich bereit fände, die alte Fehde auf ewig ruhen zu lassen. Was ich eigentlich nur über meine Leiche, also eines Abgangs im Schmelzofen, zu tuen gedenke.

In Erwartung auf ein baldiges Antwortschreiben verbleibe ich Ihr, Ihnen gnädigst verbundener Graf Engelbert III von der Mark

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