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Warum wir Flüchtlingskindern so viele Kitaplätze wie möglich geben sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEE CHILDREN IN GERMANY
Michaela Rehle / Reuters
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Die Flüchtlingszahlen steigen wieder. Diverse Medien berichten darüber und auch in der Politik wird fleißig diskutiert. Es scheint: Alle sind von dieser Entwicklung überrascht. Das finde ich seltsam, denn dass diese Situation erneut auf uns zukommt, war schon lange abzusehen. Es wurde nur gekonnt ignoriert.

Große Teile Nordafrikas sind destabilisiert. In einigen westafrikanischen Ländern wie Nigeria und Guinea herrschen weiterhin Terrororganisationen - lokale Wirtschaft und Gesundheitssysteme existieren quasi nicht mehr. Kein Wunder also, dass viele Menschen ihr Land verlassen - und nach einer langen Binnenflucht ein Teil von ihnen schließlich in Richtung Europa aufgebrochen ist.

Ein großer Teil der Fliehenden sind Familien mit Kindern. Von Januar bis Ende Mai 2016 wurden in Deutschland insgesamt 100.000 Asylerstanträge für Minderjährige gestellt. Das ist ein Drittel der Gesamtanträge im gleichen Zeitraum.

Familien zu integrieren klappt nur, wenn die Kinder gut integriert sind

Wenn wir all diese Kinder gut integrieren wollen, müssen sie so schnell und so früh wie möglich in unsere Krippen, Kindergärten und Schulen gehen. Ohne langwierige Wartephasen.

Die Kita ist der erste Bildungsort für Kinder. Wenn man ganze Familien in die Gesellschaft integrieren will, geht das nur, wenn auch die Kinder gut integriert sind. Gerade Flüchtlingsfamilien haben eine hohe Bildungserwartung an Deutschland. Sie hoffen, dass sie ihren Kinder hier eine bessere Zukunft schenken können als in ihrer Heimat.

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Wenn wir Deutsche es nicht schaffen, Flüchtlingskinder über Bildungszugänge gut zu integrieren, erschaffen wir eine verlorene Generation. Und wenn die Integration dieser Kinder scheitert, dann scheitert auch die Integration der Eltern.

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Das stellt pädagogische Fachkräfte vor eine riesige Herausforderung. Aber: Deutschland hat alle Möglichkeiten, um diese Kinder aufzunehmen. Unsere Kitas sind gut darauf ausgelegt, mit so einer Situation umzugehen. Wir können Kinder verschiedenster Kulturen aufzunehmen. Das haben wir bereits gezeigt.

Ich spreche ständig mit pädagogischen Fachkräften und Eltern, die unsicher sind, was da auf sie zukommt. Manche wissen nicht, wie sie mit muslimischen Männern umgehen sollen. Oder mit schwer traumatisierten Kindern.

Doch sobald den Fachkräften klar wird, dass sie mit den Vätern muslimischer Kinder genauso sprechen können wie mit anderen Vätern auch, sind sie meist erleichtert. Dazu verdeutliche ich weiblichen Fachkräften in Gesprächen immer, dass sie selbstverständlich Respekt und Anerkennung erwarten und auch einfordern können.

Die deutschen Eltern haben Angst, ihre Kitaplätze zu verlieren

Geht es um traumatisierte Kinder, sage ich immer, dass auch Kinder, die hier aufgewachsen sind, traumatische Erlebnisse mitbringen können. Misshandlungen, Todesfälle, Scheidungen - auch diese Erlebnisse können Traumata auslösen. In solchen Fällen hat jede Kita eine bestimmte Vorgehensweise, welche man auch bei Flüchtlingskindern anwenden kann.

Am meisten besorgt sind jedoch die Eltern, denn sie fürchten ihre kostbaren Kitaplätze zu verlieren. Wie alle anderen Kinder in Deutschland haben Flüchtlingskinder ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz.

Doch laut eines Berichts des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nutzen Kinder von Geflüchteten Kitas in einem leicht geringerem Umfang. Ab dem Alter von drei Jahren besuchen 80 Prozent der geflüchteten Kinder eine Kindertageseinrichtung.

Bei den in Deutschland lebenden Kindern sind es 95 Prozent. Insbesondere Krippenangebote für Kinder unter drei Jahren werden von geflüchteten Familien deutlich weniger angenommen, als dies einheimische Eltern in Anspruch nehmen. Dies ist schade, denn frühkindliche Bildungsprozesse erfolgen bereits in den ersten Lebensjahren!

Wir müssen so viele Plätze wie möglich schaffen

Grund zur Entwarnung ist das nicht. Es muss uns Anliegen sein, so viele Plätze wie möglich zu schaffen. Wenn wir es nicht schaffen, die rund 100.000 Flüchtlingskinder in die deutsche Gesellschaft einzugliedern, scheitert die Integration.

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Die Zeit in der Kita ist für diese Kinder ein Geschenk. Denn sie gewinnen ein Stück Kindheit zurück. Auch wenn ihr Aufenthalt begrenzt ist, weil sie womöglich wieder abgeschoben werden, ist es keine verlorene Zeit. Denn sie erfahren hier etwas, das sie lange nicht mehr hatten: Vertrauen, Zuwendung, Struktur und Sicherheit.

Wenn diese Kinder nach Deutschland kommen, wissen nur die wenigsten, was eine richtige Kindheit überhaupt ist. Sie betreten in der Kita eine heile Welt, die sie entweder lange nicht mehr hatten oder noch nie kennengelernt haben. Dafür lohnt sich jede Mühe.

Von Volker Abdel Fattah, Kita-Experte und Autor von dem Buch Flüchtlingskinder in der Kita.

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Der Beitrag wurde von Katharina Hoch verfasst.

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