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Gehorsam oder Kooperation? Wie erziehen wir Kinder zeitgemäß?

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KIDS OBEDIENCE
Jamie Grill via Getty Images
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Wer Kindern mit Würde begegnet, statt mit Dominanz, ermöglicht dem Nachwuchs, wirklichen Respekt und Empathie zu entwickeln. Doch das geschieht nicht von alleine. Genau wie Gehorsam, das Erziehungsziel vergangener Generationen, will auch Kooperation erlernt sein.

Ein Co-Referent während eines Elternkongresses empfahl als Erziehungsmethode, Kinder situativ auch mal einzusperren. Natürlich: Für Eltern ist der Alltag mit ihren Kindern, neben aller Freude, immer auch eine Herausforderung - vor allem, wenn es zu Konflikten kommt. Lange Zeit galt es als Aufgabe der Eltern, im Streitfall den eigenen Willen konsequent durchzusetzen, notfalls auch mit Gewalt.

Prügel, Strafen und auch Erniedrigungen, um Kinder gefügig zu machen, gehörten damals einfach dazu. Doch ist das Einsperren von Kindern im 21. Jahrhundert immer noch bzw. wieder der Weisheit letzter Schluss?

In den letzten Jahrzehnten hat sich die allgemein anerkannte Vorstellung dessen, was eine gute Erziehung ausmacht, stark gewandelt. Strafen sind heute sehr umstritten, nicht zuletzt weil inzwischen erwiesen ist, wie negativ sich diese auf die Entwicklung von Kindern auswirken. Unklar ist jedoch für viele Eltern nach wie vor, wie sie gut mit Konflikten umgehen.

Die Rolle der sozialen Kompetenz

Bislang viel zu wenig Beachtung findet in diesem Zusammenhang die Entwicklung der sozialen Kompetenz des Kindes. Unter sozialer Kompetenz wird eine Kombination aus Konfliktfähigkeit und Kooperationsbereitschaft verstanden. Das bedeutet, dass ein Kind lernt, für sich selbst einzustehen und zugleich bereit ist, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen -- also genau das, was viele Eltern sich für ihre Kinder wünschen.

Diese wichtige Fähigkeit entwickelt sich nicht von selbst, sondern muss von den Bezugspersonen erlernt werden. Nur wenn Eltern soziale Kompetenz vorleben, kann ein Kind diese erlernen. Das erklärt auch, weshalb viele Eltern keinerlei Probleme haben, ihr Kind auch ohne Strafen zu vernünftigem Verhalten zu bringen, andere jedoch sehr wohl.

Lernt ein Kind weder Gehorsam noch Kooperationsfähigkeit wird es tatsächlich zu einem sehr unangenehmen Zeitgenossen. Oft kann es dann tatsächlich nur durch Strafen und Sanktionen zu einigermaßen akzeptablem Verhalten gezwungen werden. Doch das ist anstrengend und die Beziehung leidet unweigerlich darunter. Viel besser ist es, frühzeitig in die Entwicklung sozialer Kompetenz zu investieren, in dem bewusst mit Konflikten umgegangen wird und dem Kind ein konstruktiver Umgang vorgelebt wird.

Die Grenzen des Gehorsams

In einer Erziehung, die auf Gehorsam setzt, wird den Kindern früh beigebracht, dass ihre Bedürfnisse im Konfliktfall weniger wichtig sind als die der Eltern. Sie sollen lernen, sich unterzuordnen. Weigern diese sich, wird mit Strafen oder Belohnungen versucht, das gewünschte Verhalten zu erzeugen.

Leider geht dieser Ansatz oft nach hinten los: schon bald tut das Kind nur noch etwas, wenn eine Belohnung in Aussicht gestellt wird oder wenn eine Strafe droht. In Situationen, wo Strafen schlecht umzusetzen sind, läuft das Verhalten schnell aus dem Ruder -- der berühmte Wutanfall vor der Supermarktkasse ist ein solches Beispiel. Hinzu kommt, dass diese Erziehungsform sehr anstrengend ist und die Beziehung zum Kind unweigerlich Schaden nimmt.

Mindestens genauso problematisch ist die Tatsache, dass Kinder hier sehr unschöne Lektionen über Beziehungen und Konflikte lernen: der Stärkere setzt sich durch, Nachgeben ist Schwäche und auf die Bedürfnisse Schwächerer muss ich keine Rücksicht nehmen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Diese Lektionen waren früher durchaus wichtig. Damals wurden Kinder auf eine Berufswelt vorbereitet, die streng hierarchisch organisiert war und in der tatsächlich vor allem Unterordnung oder Durchsetzungsvermögen von ihnen erwartet wurde. Heute zählen im beruflichen Alltag Kooperationsbereitschaft, Teamfähigkeit und die sogenannten Soft Skills zu den Schlüsselkompetenzen, ein Trend der sich vermutlich noch verstärken wird.

Keine Angst vor Konflikten

Niemand mag Konflikte. Sie sind unangenehm, zeitraubend und enden oft in einem Machtkampf, der für beide Seiten schmerzhaft ist. Doch Konflikte sind im Zusammenleben zwischen Menschen unvermeidbar, auch zwischen Eltern und Kindern. Neutral betrachtet ist ein Konflikt eine Situation, wo die Bedürfnisse zweier Menschen nicht zusammenpassen.

Ein klassisches Beispiel: Die Eltern freuen sich auf einen ruhigen Abend zu zweit, doch das Kind möchte noch Zeit mit den Eltern verbringen oder mit den Geschwistern spielen. Wie mit solchen Situationen umgegangen wird, entscheidet, was ein Kind erlernt: Gehorsam oder Kooperation.

Bedürfnisse klären und würdigen

Voraussetzung dafür, dass ein Konflikt kooperativ gelöst werden kann, ist, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten klar sind. Nur dann kann eine Lösung gefunden werden, die diese würdigt -- und nur dann kann das Kind lernen, auch auf die Bedürfnisse der Eltern Rücksicht zu nehmen.

Eltern verstecken die eigenen Bedürfnisse oft hinter dem absoluten Ausspruch „Kinder müssen früh ins Bett". Wenn Eltern den Schritt wagen, sich nicht mehr hinter absoluten Aussagen zu verstecken, sondern mit den eigenen Bedürfnissen herauszurücken, bemerken sie, dass eine Vielzahl von Bedürfnissen hinter dem Anspruch stecken können, die Kinder früh ins Bett zu schicken. Bei den einen ist es tatsächlich der Wunsch nach Zweisamkeit, andere wollen noch in Ruhe was für die Arbeit vorbereiten, wiederum andere möchten vor allem am nächsten Morgen kein Gezeter beim Aufstehen.

Doch nicht nur die eigenen Bedürfnisse werden ausgeblendet, auch die des Kindes bleiben oft unsichtbar. Warum will es nicht ins Bett? Hatte es nicht genug Zeit mit den Eltern? Ist es noch gar nicht müde? Ist das Spiel gerade an einem besonders spannenden Punkt? Die Bandbreite möglicher Bedürfnisse ist groß und oft von Tag zu Tag verschieden.

Verbindende Lösungen entwickeln

Eine verbindende Lösung berücksichtigt die Bedürfnisse aller Beteiligten bestmöglich - darin unterscheidet sie sich von einem Kompromiss, der oft als „faul" empfunden wird, da niemand bekommt, was er will. Wenn die Bedürfnisse aller Beteiligten erst klar auf dem Tisch sind, gibt es eine viel größere Bandbreite möglicher Lösungen.

Sicherlich ist dann eine dabei, mit der alle gut leben können. Vielleicht verbringt das Kind noch eine Stunde spielend in seinem Zimmer oder darf selbst ausprobieren, ob es nach nur acht Stunden schlaf ohne Murren aufstehen kann.

Je nach Alter des Kindes, sollte dieses bei der Lösungsfindung auch miteinbezogen werden. Dann bemerkt es bald, wann es schwierig ist, die Bedürfnisse aller zu würdigen - und wie schön es ist, wenn es gelingt. Es entwickelt Mitgefühl für andere und lernt am Vorbild der Eltern Rücksichtnahme, wenn diese die eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellen.

Keine Angst vor Gefühlen

Für Kinder ist es existentiell wichtig zu wissen, dass die Eltern ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Deshalb gehen viele auf die Barrikaden, wenn ihre Bedürfnisse übergangen werden. Wenn ein Wunsch nicht erfüllt wird, kann das starke Gefühle auslösen, nicht nur bei Kindern. Auch Erwachsene werden wütend oder traurig, wenn ihnen etwas nicht passt, das ist normal und sogar gesund.

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Wut hilft uns, für uns einzustehen und Dinge zu verändern. Trauer hilft uns anzunehmen, was gerade nicht zu ändern ist. Kinder brauchen Situationen, in denen sie diese Gefühle erfahren können, um zu starken Persönlichkeiten heranzuwachsen. Wichtig ist, dass das Kind mit diesen Gefühlen nicht alleine gelassen wird. Es braucht jetzt Mitgefühl und Klarheit, zum Beispiel: „Ich weiß, dass du es dir so gewünscht hast, und es tut mir total leid, dass es gerade nicht geht".

Jeder darf mal "Nein" sagen

Die Fähigkeit, sich abzugrenzen und auch mal nein zu sagen, ist für Menschen in jedem Alter sehr wichtig. Eltern müssen und dürfen „nein" sagen, wenn etwas gerade für sie nicht stimmig ist - Kinder brauchen diese Möglichkeit auch. Die Angst, dass Kinder dadurch zu Tyrannen würden, ist unbegründet.

Echte Rücksichtnahme und Kooperationsbereitschaft kann sich nur auf einem Fundament bedingungslosen Respekts entwickeln. Es ist an den Erwachsenen, diesen Respekt vorzuleben. Die Kinder werden sich an ihnen ein Beispiel nehmen, wenn ihnen die Gelegenheit dazu gegeben wird.

So entwickeln Kinder soziale Kompetenz: Sie lernen die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und artikulieren. Sie erkennen die Bedürfnisse anderer an. Sie lernen, gemeinsam verbindende Lösungen zu entwickeln.

Buchtipp:

Vivian Dittmar: „Kleine Gefühlskunde für Eltern: Wie Kinder emotionale und soziale Kompetenz entwickeln". edition est, TB, 228 Seiten, € 17,50

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

Vivian Dittmar, selbst Mutter von zwei Söhnen, ist Referentin, Seminarleiterin und Autorin. Um Impulse für einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel zu geben, hat sie die Be the Change-Stiftung gegründet.

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