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„Wie, Ihr wisst nicht was es wird?" - Wie exotisch die Unwissenheit über das Geschlecht sein kann

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In meiner zweiten Schwangerschaft habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: Die Unwissenheit über das Geschlecht des ungeborenen Kindes. Trotz Ultraschalltechnik (Sonografie) war es bei mir nicht möglich, das Geschlecht eindeutig zu identifizieren. Ein merkwürdiges Gefühl. Am Anfang schien es noch kein allzu großes Problem. Es kamen ja noch mehrere Untersuchungen und umso größer das Kind, umso höher die Wahrscheinlichkeit etwas zu erkennen. Aber dem war nicht so.

Der Anspruch auf Ferndiagnostik

Seit einiger Zeit haben Frauen nur noch einen Anspruch als Kassenleistung auf eine sogenannte Feindiagnostik, wenn ein Risikoverdacht besteht. Das kann zum Beispiel sein, wenn die werdende Mutter über 35 ist oder wenn Auffälligkeiten wie zu viel Fruchtwasser etc. auftreten. Bei der Feindiagnostik, wie es auch bei meiner ersten Schwangerschaft der Fall war, kommt ein hochauflösendes Ultraschallgerät mit 3D Technik zum Einsatz.

Das ist sehr kostenintensiv und privat nicht zahlbar. Spätestens hier sehen aber dann die meisten Eltern, um was es sich da im Bauch geschlechtsbezogen handelt. Ich bekam diesmal aber keine Überweisung zur Feindiagnostik, was natürlich auch beruhigend ist, denn das bedeutet, dass es keine Auffälligkeiten gab. Es soll Frauenärzte geben, die ihren Patientinnen mit Absicht irgendwas aufschreiben, damit sie das Baby „hochauflösend" betrachten können.

Die weiteren normalen Ultraschalluntersuchungen ergaben kein eindeutiges Ergebnis und so hieß es dann, ganz wie früher, abwarten und überraschen lassen. Interessant fand ich nun die verschiedenen Reaktionen und Gefühle zu dieser Situation.

In der damaligen DDR wurde die Ultraschalluntersuchung bei Schwangeren erst Mitte der 80er Jahre eingeführt. Das heißt, bis vor 30 Jahren war es also völlig normal nicht zu wissen, welches Geschlecht das Kind haben wird. Mittlerweile scheint diese Information aber so wesentlich und allgemein zugänglich zu sein, dass das Nichtwissen exotisch und unnormal erscheint. Mal davon abgesehen, dass sich Paare natürlich auch freiwillig entscheiden, diese Information nicht zu erhalten, wobei hier jedoch eine ganz andere Philosophie hinter steckt.

Die Reaktionen im Umfeld

Die Reaktionen im Umfeld waren überwiegend überraschend und nach jedem Arzttermin kam die Frage: „Und was ist es denn nun?" und „Wie, ihr wisst es immer noch nicht?". Als wenn dieses Defizit an Information den ganzen Sinn der Schwangerschaft in Frage stellt.

Für die Natur selbst scheint die Beantwortung der Frage während der Schwangerschaft keine evolutionäre Rolle gespielt zu haben. Die Wahrscheinlichkeit beider Geschlechter liegt nahe bei 50/50 und somit ist das natürlich relevante Gleichgewicht, auch ohne vorherige Anzeichen oder Symptome gesichert.

Die Vorteile daraus, das Geschlecht vor der Geburt zu wissen, scheinen in Industrienationen eher trivial zu sein. Die vorherige Farbauswahl der Babysachen oder Wandfarbe des Kinderzimmers sind nicht wirklich entscheidend. In vielen Ländern der Erde werden auch heute noch Kinder geboren, ohne das vorher Sonografien möglich sind.

Allein aus der gesundheitlichen Vorsorge heraus und der Möglichkeit, die Kindersterblichkeit zu senken, ist dies ein bedauernswerter Zustand. Und was können wir mit dem Wissen um das Geschlecht denn überhaupt beeinflussen? Mögen wir ein Ungeborenes weniger, weil es nicht das „richtige" Geschlecht hat? Würden wir eine Schwangerschaft gar aufhalten wollen? Die Stammhalterfrage sollte in unseren Kreisen keine Rolle mehr spielen dürfen.

Am Anfang konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, das Geschlecht nicht vor der Geburt zu wissen. Mittlerweile hat sich diese Ansicht geändert, denn so bleibt nach der unberechenbaren Naturgewalt Geburt, ein kleiner Augenblick, der einem wieder bewusst macht, was neues und unangetastetes Leben bedeutet.

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