Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Virginia Bolowski  Headshot

Schlechtes Gewissen vs. absolute Hingabe - wenn das Erstgeborene seine Position verliert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2016-06-21-1466490094-6163853-schwester.png

Der Titel dieses Beitrags beschreibt eine unglaubliche Erfahrung die ich machen musste und mit der ich nicht allein bin. Ein anderer Blogbeitrag zeigt die Gefühle einer Mutter, die in eine extreme Richtung gehen (via Der Stillzwerg) und in der Mami-Community zur Zeit viel kommentiert wird:

Mein Erstgeborener - Ich vermisse Dich, ich vermisse Uns, Uns beide mit jedem Tag

Als ich das gelesen hatte, dachte ich, dass es mir genauso ergeht. Ich vermisse die Zeit mit meinem Erstgeborenen, die Aktivitäten die wir beide vorher zusammen erlebt haben und die von heute auf morgen verschwinden.

Die Aufmerksamkeit und Liebe die so unendlich schien vor der Geburt des zweiten Kindes. Doch letztendlich ist es kein Vermissen, sondern das Abfinden mit der Gegebenheit, dass sich jetzt alles auf einen neuen, liebenswerten Menschen fokussiert. Nicht ein schlechtes Gewissen dem ersten Kind, sondern eine absolute Hingabe dem Zweiten gegenüber sind das Entscheidende.

Während der Schwangerschaft hatte ich mich des öfteren gefragt, wie wird die Natur das einrichten? Wie werden die Empfindungen gegenüber dem ersten Kind sein, wenn das Zweite da ist? Ich hatte zwischendurch Heulanfälle, weil ich mir nicht vorstellen konnte, die Liebe zum ersten Kind plötzlich teilen zu müssen oder es gar weniger zu lieben als bisher.

Andererseits hat das zweite Kind genauso eine Berechtigung auf die gleiche „Portion" Liebe, wie damals das Erste, als es allein war. Wie genau regeln die Hormone das also?

Meine Empfindungen waren auf einmal nüchtern

Eine Lösung der Natur hierfür gab es dann und sie war erschreckend. Noch im Krankenhaus, als das große Kind mich und das „neue" Kleine zum ersten Mal besuchen kam, waren meine Empfindungen plötzlich ganz nüchtern. Ich betrachtete die Große tatsächlich als „die Große". Keine Babygefühle mehr ihr gegenüber, kein „och bis du süß", kein „du bist meine Kleine", denn die war jetzt jemand anderes.

Auch im Alltag zeigte sich schnell, dass die Große immer mehr wie eine Erwachsene behandelt wurde, obwohl sie selbst noch ein Kleinkind war. Von heute auf morgen verlangte man von ihr absolute Selbstständigkeit. Sie stand nicht mehr im Mittelpunkt, denn ich brauchte all meine Energie für das Baby.

Rund um die Uhr Stillen und absolute Fürsorge und Aufmerksamkeit, genau wie damals beim Ersten. Das ist wohl Gleichberechtigung und Notwendigkeit um das Überleben des Neugeborenen zu gewährleisten. So richtet die Natur das also ein. Zumindest bei mir.

Plötzlich übernimmt der Papi alle Aktivitäten allein, die auch ich vorher mit der Ersten gemacht habe: Kindergarten hinbringen und abholen, im Zimmer spielen, Ausflüge und das abendliche Ritual des Zubettbringens. Alles ohne Mami.

Und plötzlich geht die Große zum Papi kuscheln, nicht mehr zur Mami. Eine tolle Erfahrung für den Vater, eine grausame für die Mutter. Mami wird ignoriert. Die liegt ja sowieso nur den ganzen Tag mit dem Geschwisterkind im Bett, mit dem man ebenfalls noch nichts anfangen kann, da es nur schreit oder schläft.

Das Suchen nach Aufmerksamkeit

Aber nicht nur das, auch andersherum ist es grausam. Die Große kam plötzlich vermehrt zu mir mit selbst gemalten Bildern und Geschenken - ein Versuch, die Stellung bei Mami wieder zu gewinnen. "Schau mal Mami, hab ich für Dich gemacht".

Herzzerreißend - früher, jetzt brauchte ich wirklich Ruhe, denn Stillen ist ein Prozess, der kompliziert und frustrierend sein kann, dazu kamen noch Schmerzen von Geburt und Verletzungen. Ich wies die Große mehrere Male ab. Einfach so - ohne Skrupel. Im Nachhinein tut es mir leid, aber in dem Moment stand das Zweite an erster Stelle und ich konnte die Aufmerksamkeit nicht immer genau teilen.

Es ist anstrengend bewusst an die Sache ran zugehen und sich um gleiche Aufmerksamkeit zu bemühen. Am Ende geht es einfach nicht. Die Erstgeborene ist jetzt die Große, ganz plötzlich, automatisch. Sie muss da durch, ich muss und musste als Erstgeborene da durch. Den Heulkrampf habe ich heute nicht mehr deshalb, weil ich nicht weiß, wie ich meine Liebe teilen soll, sondern wegen meiner Abgebrühtheit der Situation gegenüber.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V." möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen."Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Video:Familie: 10 Dinge, die Eltern gerne gewusst hätten, bevor sie Kinder bekommen

Lesenswert: