Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Virginia Bolowski  Headshot

Die hohe Kunst des Stillens oder „Hilfe, mein Kind verhungert"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2016-05-27-1464362865-5277199-Flasche.png

Ich konnte mich nicht entscheiden, wie ich diesen Beitrag nennen soll. „Ein Hoch auf den medizinischen Fortschritt - Lebensretter Babynahrung", „Die Komplexität des Stillens", „Warum klappt es bei mir nicht - bin ich zu doof zum Stillen?" oder „Was will Mutter Natur mir damit sagen: wenn der Milchfluss ausbleibt" usw. usw...

Eigentlich wollte ich auch gar keinen Beitrag zu diesem Thema schreiben, denn in diversen Foren und Blogs, sowie auch Fachzeitschriften wird dieses Thema immer wieder bis ins unermessliche diskutiert und analysiert.

Ich kann selbst dazu schon nichts mehr lesen, aber da es mir jetzt zum zweiten Mal passiert ist und ich keine Lust mehr auf endlose Diskussionen mit Müttern haben, die mich dabei „erwischen", wie ich eine Flasche zücke und mein Baby damit in der Öffentlichkeit „vergifte" schreibe ich jetzt doch meinen Senf dazu. In Zukunft brauche ich dann nur auf kritische Äußerungen zu antworten: Schau auf meinen Blog, da steht alles dazu.

Der Mensch ist ein Säugetier

Man sollte meinen, die Natur richte schon alles so ein, wie es sein soll und es hat auch den Anschein danach. Die Frau bekommt zwei Brüste geschenkt, mit denen sie ihr Baby nach der Geburt säugen kann. Der Mensch ist eben ein Säugetier und nicht nur der Säugling, der so heißt, weil er ordentlich saugen kann, weiß ab der Geburt, was er tun muss, sondern auch die Brüste.

Sie fangen an Milch zu produzieren, mit Hilfe des Hormons Oxytocin, um das Überleben des Säuglings zu gewährleisten. Wäre ich also, sagen wir vor sechshundert Jahren irgendwo im Wald, hätte ich, rein theoretisch, meine Kinder ganz intuitiv geboren, gesäugt und aufwachsen sehen, denn so hat es die Natur anatomisch eingerichtet.

So weit die Theorie, in der Praxis wäre ich tot und meine Kinder ebenso. Klingt hart, ist aber so. Mal davon abgesehen, dass ich schon vor der Schwangerschaft gestorben wäre, da ich vor einigen Jahren Gallensteine hatte und die Gallenblase entfernt werden musste.

Beim ersten Kind, gab es unter der Geburt Schwierigkeiten mit dem Sauerstoffgehalt meines Ungeborenen und nur ein Notkaiserschnitt konnte uns beide retten. Das Stillen, also das Ernähren meines Kindes, klappte nach sechs Wochen immer noch nicht, da keine Milch kam. Bei der zweiten Geburt lief alles bestens natürlich bis zu dem Punkt des Stillens, denn auch hier, kam nach wochenlangem Probieren nicht genug Milch.

Ich konnte meine Kinder also nur mit industriellem Pulverzeug groß bekommen. Fazit: Ohne den medizinischen Fortschritt, hätte die Natur mich kläglich scheitern lassen. Ich frage da schon gar nicht mehr nach dem Sinn und der Berechtigung des Lebens. Es ist deprimierend.

Stillen, ein elementares Thema für alle Mütter

Davon abgesehen ist ein elementares Thema, bei so unendlich vielen Müttern, das Stillen. Ich kenne sehr wenige, bei denen es von Anfang an geklappt hat. Manchmal frage ich mich schon, ob die Unfähigkeit Milch zu produzieren vererbbar ist.

Bei meiner Mutter klappte es mit zwei Kindern nicht und bei meinem beiden Omas ebenso nicht. Alle Frauen in meiner Familie wurden also mit Flaschen groß gezogen. Und ja, sie sind auch groß geworden, aber die Frage ist ja, was wäre anders, wenn es die natürliche Muttermilch gewesen wäre.

Weniger Krankheiten? Weniger Allergien? Vielleicht ein bisschen mehr Grips? Man weiß eben nicht, was die alternative Entwicklung gewesen wäre und deshalb ist der Spruch „sie sind auch mit Flasche groß geworden" so leer, wie meine Milchdrüsen.

Ratschläge werden umgesetzt

Als nicht-stillen-könnende Mutter macht man es sich schwer damit zu leben. Sämtliche Ratschläge von Hebammen, Krankenhauspersonal und in der Verzweiflung dann auch von „Dr. Google" werden mit Geduld umgesetzt.

Auch ich habe beim ersten Kind sechs Wochen lang versucht zu stillen, bis einfach keine Milch mehr kam. Beim zweiten Kind wollte ich es dann umso mehr. Die Voraussetzungen waren diesmal ideal. Eine natürliche Geburt, Bonding (das Auflegen des Kindes auf den Körper nach der Geburt), sofortiges Anlegen, gemeinsames Kuscheln und stundenlanges Beisammensein im Wochenbett und sofortiges, permanentes Anlegen des Kindes bei Verlangen.

Das Lehrbuch spricht von „Angebot und Nachfrage", d.h. hat das Kind Hunger muss es angelegt werden, damit der Körper abschätzen kann, wie viel Milch benötigt wird und dementsprechend produziert werden kann. So weit, so gut. Auch hier eine schöne Theorie. In der Praxis kam dann auch beim zweiten Kind, nach vier Wochen nur die Vordermilch und nicht die fettreiche und notwendige Hintermilch.

Ich wollte trotzdem nicht aufgeben, nicht schon wieder. Bis dann aber die Hebamme Alarm schlug und meinte, dass nach vier Wochen jetzt aber langsam das Geburtsgewicht wieder erreicht sein muss (Babys verlieren nach der Geburt bis zu 10% ihres Geburtsgewichts). Da die gefürchtete Waage aber jede Woche weniger Gewicht anzeigte, trotz stundenlangem Stillen und Nuckeln an der Brust, waren nun auch wieder körperliche Beeinträchtigungen des Kindes nicht auszuschließen, also musste zugefüttert werden.

Am schwersten machen es einem stillende Mütter

Am schwersten machen es einem aber die Mütter, die stillen können und deshalb auch der Beitrag. Mütter, bei denen sofort oder nach einiger Zeit der Milcheinschuss und Milchreflex funktionieren und mir dann auch immer schön erzählen, dass ihr Kind nach 10 Minuten die Brust leer getrunken hat und satt und zufrieden ist, können sich gar nicht vorstellen, was für ein Aufwand der wochenlange Versuch sein kann.

Wenn das Kind einfach nicht satt wird, schreit es ununterbrochen. Es trinkt eine Stunde an der Brust, schreit nach Hunger, trinkt weiter etc. Die Folge, es schläft nicht und die Mutter kann sich weder um das Geschwisterkind noch um sonst irgend etwas nebenbei kümmern. Die Brustwarzen brennen wie Feuer und sind wund.

Allein der Gedanke, das Kind wieder anlegen zu müssen, treibt einem die Tränen in die Augen, aber man tut es, immer und immer wieder. Angebot und Nachfrage müssen doch irgendwann im Gleichgewicht sein. Bis die Notbremse gezogen werden muss.

Als ich meinem Kind dann das erste Mal eine Flasche mit Babynahrung gab, es diese in einem Zug austrank und nach Wochen das erste Mal seelenruhig und mit einem Gesichtsausdruck auf meinem Arm einschlief, der verriet „Mama, ich bin endlich satt, danke sehr", musste ich einsehen, dass ich den Kampf mit der Natur verloren hatte. Wieder einmal.

Ich wollte diesmal stärker sein und denken: Ok, dann ist das eben so, aber ich kann es nicht. Wieder kamen Schuldgefühle und Gefühle des Versagens auf. Die natürlichste Sache der Welt, ein Säugling zu ernähren, ich bekomme es einfach nicht hin und eine neue Chance bekomme ich nicht. Und wieder bleibt die Frage, warum nicht.

Was ist anatomisch nicht korrekt, was läuft psychisch nicht richtig, wo bleibt das berühmte Hormon, warum kapiert mein Körper das Angebot-und-Nachfrage-Spiel nicht? Und es bleiben wieder die kritischen Blicke der Mütter, die in der Krabbelgruppe die Brüste statt die Flaschen raus packen und die glorreichen Kommentare wie: „Also meine Hebamme hat gesagt, sechs Wochen muss man es schon mindestens probieren, dann klappt es auch." Genau, und dass das Kind nebenbei verhungert und kein Unterfett anlegt ist dann auch egal.

"Stillen ist das Beste für Ihr Kind"

Aber nicht nur die Mütter, auch weitere im Umfeld wissen es besser. Heute soll die Flaschennahrung schon sehr der Muttermilch entsprechen. „Stillen ist das Beste für Ihr Kind", so fängt die Werbung an und auch diverse Aufklärungskampagnen von Regierung und Vereinen weisen immer wieder darauf hin, dass man doch bitte sein Kind stillen soll, es gäbe einfach keine bessere Alternative.

Als wenn wir Frauen das nicht wüssten! Es entsteht immer wieder der Eindruck, als wollen viele Frauen nicht stillen, dabei behaupte ich, dass die Mehrheit es nicht kann. Ich kenne keine Frau, die sagt, sie wolle ihre schönen Brüste behalten und keinen Hängebusen bekommen, deshalb lässt sie das von vornherein mit dem Stillen.

Ich frage mich dann immer, wer sollen diese Frauen sein? Vielleicht gibt es noch andere Motivationen für eine solche Entscheidung, aber selbst wenn, glaube ich, dass selbst die geistig beschränktesten Frauen (z.B. die, die vor ihrem Kind rauchen), sozial schwache oder reiche körperfixierte Frauen den Instinkt haben müssen, ihr Kind mit Milch aus der Brust zu ernähren.

Aber vielleicht versagt der natürliche Instinkt auch hier, genau wie bei mir die Milchproduktion. Der Druck auf Frauen, die stillen wollen und es nicht können, wird durch solche Kampagnen jedenfalls nicht geringer.

Am Ende muss ich mich damit abfinden. Ich habe zwei Flaschenkinder und ja, sie werden irgendwie schon groß, trotzdem bin ich unendlich traurig darüber, dieses zufriedene Gesicht, eines satten und schlafenden Babys auf dem Arm nicht selbst und durch eigene Muttermilch hervorrufen zu können


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V." möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen."Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Als er das neue Baby das erste Mal riecht: Hund muss sich wegen Nachwuchs übergeben

Lesenswert: