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Friedemann Karig: Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie<

Um es vorweg zu sagen, bei dem Buch "Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie" von Friedemann Karig bin ich parteiisch. Nicht nur, weil ich vielem inhaltlich zustimme. Sondern vor allem, weil meine Liebste, Véronique, und ich dafür interviewt wurden.

Zum Buche selbst

Friedemann Karig schreibt dicht und flüssig. Die ersten Kapitel sind ein fulminanter Abriss der Geschichte der menschlichen Sexualität von der Vorzeit bis heute. Hier, wie in den anderen Sachkapiteln, liefert Karig gut zu lesen den wissenschaftlichen Hintergrund zum Thema.

Dazwischen finden sich Interviews mit Menschen, die ungewöhnliche Beziehungen leben: Liebesgeschichten, Lustgeschichten, Leidensgeschichten, alles in einem, wie das Leben selbst.

"Der Verstand verleugnet die Vagina"

Der obige, aus dem Buch geliehene Satz von Karig macht deutlich, dass die Geschichte der Zivilisation stark von dem Versuch geprägt wurde, die Sexualität zu beherrschen. Insbesondere die weibliche Sexualität. Denn unsere Sexualität ist ganz anders, als es uns so lange schon als natürlich dargestellt wird. Bei Frauen ... und bei Männern.

Die Forschung der letzten Jahrzehnte insbesondere auf den Feldern der Biologie und Genetik hat gezeigt, dass sexuelle Monogamie weder im Tierreich noch bei Menschen besonders oft vorkommt und keineswegs natürlich ist.

Wie fast alle Tiere, so sind auch wir Menschen von der Natur für Sex mit oft wechselnden Partnern gemacht. Und unsere Vorfahren lebten als Jäger und Sammler wohl genau so, mit viel Sex in der eigenen Gruppe. Und traf man ausnahmsweise eine andere Gruppe, schlug man sich nicht unbedingt die Köpfe ein. Eher trieb man es wohl miteinander.

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Doch irgendwann vor rund achttausend Jahren änderten zum ersten Mal seit Anbeginn der Welt die Menschen ihre Lebensweise. Sie wurden sesshaft und begannen, Felder zu bestellen. Und zu dieser Zeit begann auch die Monogamie, und mit ihr entstand ein neues Verhältnis der Geschlechter: Sex und Treue gegen Versorgung.

Vermutlich aus reiner Notwendigkeit, denn wenn der Mann auf dem Felde schuftet, damit alle satt werden, dann will er, dass die Kinder, die er versorgt, auch wirklich seine sind.

Der Wechsel war schwierig, da müssen sie nur die Bibel lesen. Und das Fundament der neuen Ordnung "...stärken kann nur eine Sexualmoral, die alles außerhalb der Kernfamilie verbietet. Wenn jeder herumhurt, wie er oder sie will, hat die Obrigkeit weniger Kontrolle, muss sie mehr Lebensformen anerkennen, kommen die Bürger womöglich noch auf die Idee, sonstige Freiheiten einzufordern.

Wenn die Obrigkeit aber durch eine (kirchliche) Sexualmoral quasi den Trieb der Menschen monopolisiert, besitzt sie ein wirksames Machtinstrument. Deshalb ist Sex seit der Sesshaftigkeit, spätestens seit der weiteren Zivilisierung der Antike, in der Hand der Mächtigen."

Paradoxie der Sexualmoral der "Anständigen".

Dieser Prozess führte über tausende von Jahren zu einer Sexualmoral, die unsere Sexualität durch Verbote einzuschränken suchte. Und sie ging so weit, uns die frühere natürliche Sexualität als unnatürlich darzustellen. Die "Anständigen" behaupten, ihre Sexualmoral solle unnatürliches Verhalten verhindern und natürliches Verhalten fördern.

Karigs richtige Frage: wieso ist unser ganzes Hormonsystem darauf ausgerichtet, Sex mit vielen Partnern anzuregen und zu belohnen, wenn das unnatürlich ist, wie die Hüter der Moral behaupten? "Keine Kreatur der Welt muss unter Androhung der Todesstrafe dazu gezwungen werden, sich »natürlich« zu verhalten.

Es geht also bei den konventionellen Diskursen über Sex um etwas anderes als Natur. Es geht um Macht."

Das führte dazu, dass sexuell gestörte Männer wie Freud, Darwin und Kellogg, nicht zu reden von todessehnsüchtigen Christen und Muslimen, die eigentlich lieber im Jenseits als auf Erden sein wollen, uns Irdischen bis heute die Regeln für Sex vorgegeben.

Wir passen bei Sex eigentlich gut zusammen

Den häufig vorgebrachten, und manchmal auch als wissenschaftlich belegt behaupteten Klagen, dass wir beim Sex nicht zusammenpassen, und daher alle Probleme rühren, setzt Karig entgegen, dass die eigentlichen Probleme dank jahrhundertelanger sexfeindlicher Indoktrination im Kopf liegen: "Das Problem liegt oben herum, wo unpassend gemacht wird, was eigentlich passt."

Während wir den Sex jedoch zum einen "verteufeln", betreiben wir aber gleichzeitig um dessen gesellschaftlich erlaubte Formen: "...eine nahezu metaphysische Überhöhung von Sex." Eine recht simple körperliche Verrichtung wird mit so viel Bedeutung aufgeladen, dass wir uns nicht zu wundern brauchen, dass so viele Menschen Probleme damit haben, statt es einfach zu tun und zu genießen.

Wieder Karig: "Freier, selbstbestimmter, glücklicher Sex ist keine Erniedrigung, sondern eine Erhöhung des Selbst. Die Zeit, die wir mit Sex verbringen, ist deshalb so kostbar, weil dabei etwas sehr, sehr Seltenes passiert: Wir werden eins. Wir überkommen den Fluch der Trennung. Wir übertreten diesen unendlich tiefen Graben zwischen uns. Wir treffen uns in der Mitte. Das Wunder dabei ist: Jeder für sich wird mehr er oder sie selbst."

Unser seltsames Konzept von Liebe

Karig beobachtet, dass wir uns in unserem Liebeskonzept von der Zuneigung des anderen abhängig machen. Nur wenn wir geliebt werden, sind wir etwas wert. Wir machen unser Selbstwertgefühl von einer anderen Person abhängig. Ein schlimmerer Irrtum ist kaum denkbar.

Tatsächlich, so Karig zurecht, ist es doch andersherum: Unser Selbstwertgefühl gehört uns. Und erst wenn wir uns selbst lieben, sind wir fähig, anderen Liebe zu geben.

Mögliche andere Formen der Liebe

Hier beginnt in dem Buch der Übergang zum Verständnis, was mehrere der von Karig interviewten Menschen in ihren offenen, swingenden, polyamoren oder sonstwie ungewöhnlichen Beziehungen erleben oder zumindest versuchen. Den anderen um seiner selbst willen zu lieben.

Dann geht auch, was Karig beschreibt als: "Ausweitung der Empathie auf die sexuelle Freude des geliebten Menschen". Der geliebte Mensch kann dann auch Freude mit anderen erleben, ohne dass dies als Betrug oder Gefahr gewertet wird.

Dem gegenüber stellt Karig eine Beschreibung des Problems der üblichen monogamen Beziehung zum Thema Sex mit anderen, wie ich sie noch nirgends so prägnant formuliert gelesen habe: "Ob das für jeden funktioniert? Keine Ahnung. Was für niemanden wirklich funktioniert, ist das Schweigen. Weil darüber reden schon verletzt, tun viele Paare so, als wäre nichts.

Es ist ein Aberglaube, man würde die Untreue durch Ehrlichkeit heraufbeschwören. Wir bauen unsere Beziehungen viel zu oft auf der Täuschung auf, dass beide ach so gern »treu« sind. Und riskieren damit mehr, als wir gewinnen. Will ich denn mit jemandem zusammen sein, dem ich emotional ständig ängstlich Grenzen setze?"

Liebe als Ersatzreligion führt zu Pokémonjagd im Park

Das Buch widmet sich weiter der Erforschung, wie das denn gehen könnte, sich selbst und den anderen frei zu lassen. Und fragt in pointierten Sätzen, ob unsere auf Monogamie und ständige Konkurrenz ausgerichtete Gesellschaft wirklich so toll ist, wie deren Verteidiger behaupten:

"Wie hätten wir auch sonst eine so großartige Zivilisation wie die unsere entwickeln sollen, mit Eiscreme und Raumfahrt und Seidenmalerei, an deren vorläufigem Höhepunkt wir im Park Pokémons jagen, statt Geschlechtsverkehr zu haben?"

Ewige und erfüllende Liebe wurde in unserer Gesellschaft zur Ersatzreligion. Und wir scheitern daran, müssen scheitern, da wir Unmögliches zu leben versuchen. Aber wir beharren wie jeder Religiöse darauf, dass nicht der Glaube - an die sexuelle Monogamie und die ewige Liebe - falsch sei. Sondern wenn das bei uns nicht klappt, sind wir ungenügend.

Diesem Ungenügen versuchen wir dann mit allen möglichen Mitteln abzuhelfen, denn schließlich muss man ja an sich arbeiten. Was hier heißt: immer weiter nach dem Seelenpartner zu suchen. Am besten online, aber das hilft auch nichts:

"So wenig wie ein Smartphone mit all seinen cleveren Funktionen und seiner Standleitung in den größten Wissensbestand aller Zeiten uns zu hyperschlauen Übermenschen macht, so wenig macht ein leistungsstarker Kuppelservice uns alle zu dauerverliebten Glücksbärchis."

Geht es anders?

Karig bietet die in den Geschichten seiner Interviewpartner dargestellten alternativen Beziehungsformen nicht als Allheilmittel an, aber als Anregung. Dabei ist er sich bewusst, dass viele Leser so in den Denkmustern der angeblich natürlichen Monogamie gefangen sind, dass die Alternativen nicht verstanden und von vornherein abgelehnt werden.

Karig zitiert hasserfüllte Leserkommentare zu einem seiner Interviews, das online veröffentlicht war. Und er berichtet, wie die offene Beziehung eines der von ihm interviewten Paare zerbrach. Alle Freunde waren beinahe froh, dass es mit der offenen Beziehung nicht geklappt hat: "Musste ja so kommen." Dabei vergessen sie ganz schnell, dass dieses Paar länger zusammen war, als viele monogame Ehen. Musste ja so kommen?

Für jene, die zumindest bereit sind, darüber nachzudenken, wie sie ihre Beziehungen , ob monogam oder anders, in Zukunft vielleicht anders führen könnten, hat Karig am Ende des Buches "Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie seine Schlüsse aus den Gesprächen und seinen Studien der Beziehungsliteratur zusammengefasst. Er nennt das Kapitel sehr schön: "Wie miteinander frei sein?".

Viel Spaß beim Lesen und vielleicht sogar Ausprobieren von was immer Sie in dem Buch anregt. Vielleicht hilft es, wenn Sie damit anfangen Vorurteile über Polyamorie aus dem Weg zu räumen.

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