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Ehe für alle heißt auch Polygamie legalisieren, Herr Spahn

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CDU-Präsidumsmitglied Jens Spahn hat aktuell für die Ehe für alle gefordert. Gut so, aber dann bitte gleich richtig machen. Legalisieren Sie auch die Polygamie. Das wäre vernünftig, und vor allem vernünftiger, als die Ideen des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, Heiko Maas (SPD).

Der Herr Minister wollte Polygamie bei Muslimen verbieten. Publikumswirksam angekündigt im Interview mit der Bild im Juni 2016. Seitdem hat man dazu vom Herrn Minister nichts mehr gehört. Auf der Webseite des Ministeriums findet sich dazu auch nichts. Warum nur? Vielleicht haben seine juristisch eventuell kompetenteren Beamten dem umtriebigen Minister abgeraten?

Argument von Minister Maas gegen Polygamie wirft mehr Probleme auf, als es löst

Der Minister argumentierte im Interview mit der Bild:

Niemand, der zu uns kommt, hat das Recht, seine kulturelle Verwurzelung oder seinen religiösen Glauben über unsere Gesetze zu stellen.

Klingt zuerst gut, nach Schutz des Rechts. Aber wenn Deutschland sich das Recht heraus nähme, im Ausland nach dort geltendem Recht geschlossene Ehen nicht anzuerkennen, dann könnten andere Staaten das Gleiche mit unseren Ehen tun. Deutsche Ehepaare würden im schlimmsten Fall im Ausland nicht mehr als verheiratet gelten, was für Verträge, Erbfälle, Besuchsrechte bei Krankheit, um nur einige zu nennen, gewaltige Probleme aufwerfen würde. Vielleicht hören wir deshalb nichts mehr von dieser Idee?

Aber die Kinderbräute

Der Bundesminister sprach vom Polygamieverbot auch im Zusammenhang mit Kinderbräuten. Wie von dem Herrn Minister, werden diese zwei Dinge fälschlicherweise oft in einen Topf geworfen. Sie treten zwar tatsächlich manchmal zusammen auf, sind aber keineswegs ursächlich verknüpft.

Denn in Gesellschaften, wo es Kinderbräute gibt, da findet man diese nicht nur in manchen der durchschnittlich 5-10% polygamen Ehen, sondern auch in manchen der mit durchschnittlich 90-95% mit deutlichem Abstand häufigeren monogamen Ehen. (Prozentzahlen aus: Tsapelas, I, HE Fisher, and A Aron (2010) "Infidelity: when, where, why." IN WR Cupach and BH Spitzberg, The Dark Side of Close Relationships II, New York: Routledge, pp 175-196.)

Die Polygamie ist nicht die Ursache für das Vorhandensein von Kinderbräuten. Dahinter stehen vor allem überkommene Lebensweisen, bei denen Heirat in frühem Alter normal war. Das war auch bei uns für Jahrtausende so. Ursache war die niedrige Lebenserwartung, die es für Frauen und Männer zwingend machte, früh zu heiraten, wenn sie die Chance haben wollten, Kinder zu bekommen und zu ihren Lebzeiten groß zu ziehen.

Dieses Verhalten ist bei uns mit der seit rund zweihundert Jahren gestiegenen Lebenserwartung nach und nach verschwunden, aber andere, weniger moderne Gesellschaften sind noch nicht so weit. Wenn der Minister also etwas gegen Kinderbräute, und insbesondere solche in Zwangsehen tun will, dann ist das zwar gut, aber mit Polygamie hat es nichts zu tun.

Wissen Sie eigentlich, was Polygamie ist?

Viele Menschen im Westen - vielleicht auch der Herr Minister? - denken bei Polygamie an Mormonen, Muslime und Zwangsehen. Das zeigt sich in Artikeln und Büchern und bei einer Auswertung, in welchen Zusammenhängen die Menschen im Internet nach dem Begriff Polygamie suchen. Zwangsehen sind jedoch, auch wenn die Klatschpresse sie oft als beispielhaft darstellt, keineswegs die Regel, weder bei Muslimen, noch bei Mormonen, auch nicht im Falle der Polygamie.

Im für Deutschland zwar seit 2006 nicht mehr verbindlichen, aber weiterhin verlässlichen Duden wird laut dessen Website mit Stand 12.01.2017 Polygamie definiert als:

a) (besonders Völkerkunde) Ehe mit mehreren Partnern; Mehrehe, Vielehe, b) Zusammenleben, geschlechtlicher Verkehr mit mehreren Partnern

Daran fällt erst einmal auf, dass hier auch nicht-eheliche Mehrfachbeziehungen zur Polygamie gehören, wie die immer populärer werdende Polyamorie, manchmal im Deutschen auch polyamory genannt; die wird gleich noch wichtig.

Von Religionen ist hier auch nicht die Rede; zurecht, denn Polygamie, egal ob ehelich oder nicht-ehelich, ist religionsunabhängig. Nicht nur das, sie ist auch keineswegs selten oder widernatürlich, wie manche Gegner meinen. Ebenso ist die sexuelle Monogamie nicht von der Natur als einzig richtige Form menschlichen Zusammenlebens vorgesehen.

Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, insbesondere aus der Genforschung und der Völkerkunde, haben in den letzten zwanzig Jahren unser Wissen in dieser Hinsicht revolutioniert.

Polygamie und Promiskuität sind die Regel

Insbesondere genetische Untersuchen an zahlreichen Tierarten haben gezeigt, dass es zwar soziale Monogamie, also längeres Zusammenleben gibt. Oft aber dauert dies nur solange, bis die Brut groß genug ist. Sexuelle Monogamie ist jedoch extrem selten. Gerade bei den lange Zeit als monogam geltenden Vögeln - ja, auch bei den Schwänen - hat sich gezeigt, dass sie ständig in der Gegend herum ... ja, genau: vögeln.

Eine Übersicht der Forschung aus vielen Gebieten veröffentlichte bereits 2001 der weltweit renommierte Professor David P. Barash: "The Myth of Monogamy". Schon in diesem Buch und erneut in seinem 2016 erschienenen Buch "Out of Eden", das sich auf den Menschen konzentriert, macht Barash klar, dass sexuelle Monogamie auch bei uns Menschen eine Ausnahme ist. Die Forschung zeige uns als zur Polygynie, also ein Mann mit mehreren Frauen, geneigte Spezies.

Barash selbst ist dabei ideologisch unverdächtig. Er hält Monogamie für die bessere Lebensweise. Aber als guter Wissenschaftler präsentiert er die Fakten, auch weil er es für wichtig hält, dass wir uns bewusst sind, dass lebenslange sexuelle Monogamie nicht in unserer Natur liegt. Es ist eine Entscheidung, und wie bei allen Entscheidungen sollte man sich möglichst bewusst sein, welche Entscheidung man da trifft.

Monogamie ist eine Ausnahme

Auch das Oxford Handbook of Evolutionary Psychology von 2007 schreibt in Kapitel 30.3.1, dass Monogamie in den menschlichen Gesellschaften die große Ausnahme darstellt. In 83 Prozent aller menschlichen Gesellschaften gibt es Polygamie in Form der Polygynie, und in 0,05% gibt es die Praxis der Polyandrie, also eine Frau mit mehreren Männern.

Und die nicht einmal 20% der offiziell monogamen Gesellschaften sind laut dem Oxford Handbook nicht wirklich monogam, sondern beinhalten Elemente der Polygynie. Tatsächlich also gibt es keine Gesellschaft, in der Monogamie wirklich existiert. Sie ist eher ein idealisierter Zustand, der angestrebt, aber von Gesellschaften als ganzen gar nicht, und auch von einzelnen Individuen nur selten erreicht wird.

Wozu aber etwas anstreben, das unserer Natur ohnehin nicht entspricht? Wäre Legalisierung der Polygamie, die uns laut den wissenschaftlichen Erkenntnissen ohnehin besser liegt, da nicht die bessere Lösung?

Forschungen zur Polyamorie untergraben Behauptung von der Haremsgesellschaft

Gegner der Polygamie argumentieren oft, dass eine Legalisierung der Polygamie zu einer Art Haremsgesellschaft führen würde. Wenige reiche Männer hätten dann viele Frauen, und viele andere Männer gehen leer aus. Tatsächlich aber ist das selbst in polygynen Gesellschaften nicht so, einfach weil nur wenige Männer reich genug sind, sich viele Frauen zu leisten. Wie oben erwähnt, sind nur 5-10% der Ehen in derartigen Gesellschaften polygam, die anderen 90-95% sind Ein-Ehen.

Ein Frauenmangel wegen Polygamie wird in der mir bekannten Forschung nicht erwähnt. Der entsteht in Gesellschaften, die männliche Kinder bevorzugen und deshalb weibliche Kinder abtreiben oder nach der Geburt töten. Dies gilt besonders im Zusammenhang mit einer Ein-Kind Politik, wie sie Jahrzehnte über in China verfolgt wurde.

Vor allem aber gehen derartige Behauptungen von den Zuständen in sogenannten traditionellen Gesellschaften aus, die nicht dem westlichen Gesellschaftsmodell entsprechen. Die aber sind nicht so einfach vergleichbar; insbesondere sind dort die Frauen wirtschaftlich auf die Männer angewiesen.

Das ist im Westen anders. Wir haben schlichtweg keine Evidenz, was bei Legalisierung der Polygamie in Form der Ehe oder eingetragenen Partnerschaft in einer westlichen Gesellschaft passieren würde.

Wir können aber aus Forschungen zur Polyamorie, also der nicht-ehelichen Mehrfachbeziehung, Schlüsse ziehen. Denn in den USA und Kanada leben bereits Millionen Menschen Polyamorie. Eine verlässliche Studie darüber wurde im April 2016 im Journal of Sex and Marital Therapy veröffentlicht. Danach leben in den USA rund 20% der Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen sogenannte nicht-monogame Lebensformen wie offene Ehe, Swingen, und eben Polyamorie.

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass unter polyamor leben Menschen nicht etwa der Mann mit Harem der Normalfall ist. Nicht von ungefähr nennen polyamore Menschen eine Frau, die mit einem Hetero-Ehepaar zusammen sein will, scherzhaft ein Einhorn. Weil sie so selten sind.

Stattdessen ist laut Forschungen von Bjarne Holmes in einer Gruppe von 5.000 polyamor lebenden Menschen die Konstellation eine Frau mit zwei oder mehr Männern die häufigste Form, also Polyandrie, so zu lesen im Scientific American, Five Myths about Polyamory; dort Mythos 2.

Es wäre also möglich, dass wir bei einer Legalisierung von Polygamie in westlichen Gesellschaften tatsächlich viele polyandre Ehen erleben würden. Denn unsere Gesellschaften sind rechtlich und wirtschaftlich anders organisiert, als traditionelle Gesellschaften.

Polygamie legalisieren wäre vernünftig

Wenn ich von den oben dargestellten wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen ausgehe, erscheint es mir als vernünftig, Polygamie zu legalisieren. Sie ist eine für uns Menschen natürliche Art zu leben. Sie richtet, insbesondere im Rahmen einer modernen rechtstaatlichen Gesellschaft mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau, keinen Schaden an.

Denn Ehen werden bei uns zwischen Erwachsenen auf freiwilliger Basis geschlossen. Mir ist in den inzwischen dreizehn Jahren, die ich polyamor lebe und mich mit dem Thema befasse, keine sinnvolle Argumentation begegnet, warum eine auf freiwilliger Basis zwischen Erwachsenen geschlossene Ehe nur für Paare möglich sein soll.

Mündigen Bürgern, die so leben wollen, das Recht auf eine Mehrfach-Ehe zu verwehren, erscheint vor diesem Hintergrund als unnötig. Denn wo kein Schaden entsteht, muss auch nichts verboten werden. Statt Schaden zu verhindern oder entstandenen Schaden zu ahnden, was der Sinn von Gesetzen ist, verursacht die gegenwärtige Rechtslage Schaden. Denn sie greift unnötigerweise in den durch die Menschenrechte geschützten privaten Bereich von Liebe, Ehe und Familie ein. Aus meiner Sicht ist das ein Verstoß gegen unsere Grundrechte.

Eine Legalisierung würde auch den Menschen helfen, die bei uns bereits Polyamorie leben. Sie kämen aus der Ecke der bestenfalls akzeptierten Kuriosität, schlimmstenfalls diskriminierten und sich deshalb oft versteckenden Minderheit heraus.

Der eingangs erwähnte Herr Spahn sagte zur Begründung seiner Forderung nach der Homo-Ehe, es gehe darum, dass sich Schwule und Lesben für eine zutiefst bürgerliche Institution wie die Ehe entscheiden wollten. Das gleiche gilt auch für Polyamorie und Polygamie. Geben Sie uns die Gelegenheit dazu, Herr Spahn, Herr Maas, und natürlich Frau Merkel. Polyamorie und Polygamie könnten so zu akzeptierten und juristisch geschützten Lebensformen werden, die einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten können.

Mehr zu den möglichen wertvollen Beiträgen von Polyamorie und Polygamie können Sie bei Interesse demnächst hier lesen.

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