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Ich habe meinen Mann, meine Tochter und ein Bein verloren - jetzt weiß ich, wie stark ich wirklich bin

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Am Morgen des 5. Mai 2013 wachte ich auf wie immer, glücklich verheiratet, eine geschäftige Mutter von vier Kindern. Und am Ende des Tages war ich weit von Normalität entfernt.

Meine Familie und ich genossen einen schönen Urlaubs-Sonntag in North Cornwall. Wir fuhren am Nachmittag mit dem Speedboot raus, den erstaunlichen Camel Estuary -Fluss hinunter. Das Disaster ereignete sich aber, als wir wieder zu unserem Ankerplatz zurückfuhren.

Es dauerte Stunden bis ich das Unglaubliche verstand. Ich spielte es wieder und wieder in meinem Kopf durch, bis mein Gehirn endlich akzeptieren konnte, dass es ein Unfall war. Ein Sturm von Ereignissen, die zusammen kamen und uns sechs vom Boot in das eiskalte Wasser warfen.

Es war schrecklich

Weil die Notstoppleine nicht befestigt gewesen war, kam das Boot in kleinen, schnellen Kreisen wieder und wieder zu uns zurück. Wir saßen wie Enten im Wasser, keiner wusste, wo die anderen waren und außer dem Dröhnen des Motors, konnten wir sehr wenig hören.

Alles passierte so schnell, meine Familie war in schrecklicher Gefahr und es gab nichts, was ich tun konnte. Es war schrecklich.

Mein wunderbarer Ehemann Nicko und meine schöne acht Jahre alte Tochter Emily wurden von dem Boot getötet, mein linker Unterschenkel und der rechte von Kit, meinem Sohn, wurden vom Propeller des Bootes aufgeschlitzt. Glücklicherweise erlitten meine zwei anderen Töchter, Amber und Olivia, nur leichte Verletzungen.

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Wir wurden alle mit dem Helikopter zum nächsten Krankenhaus nach Derriford gebracht. In der darauffolgenden Nacht bettelte ich die Ärzte an, mein Bein zu retten. Ich war nun schließlich eine alleinerziehende Mutter, aber sie konnten nichts mehr für mich tun. Mein Bein wurde amputiert.

Kit's Bein wurde auf wundersame Weise gerettet - nach 15 Operationen und neun Monaten mit einem großen Fixateur.

Ich dachte, ich würde zusammenbrechen

Bis zu diesem Tag hatte ich ein völlig normales Leben. Aufgezogen von glücklich verheirateten und liebevollen Eltern, habe ich von vier bis 18 an der selben Mädchenschule gelernt, danach bin ich zu Universität gegangen, habe in der Marketingbranche in London gearbeitet, dann Nicko kennen und lieben gelernt, mit ihm vier Kinder bekommen und alles gemacht, was das Elternsein mit sich bringt.

Es hatte in meinem Leben bis dahin noch nie eine große Erschütterung gegeben, nichts, was mich darauf vorbereiten hätte können, plötzlich Witwe, alleinerziehende Mutter und eine Amputierte zu sein. Ich konnte nicht wissen, wie man mit einem solchen Verlust umgeht.

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Ich dachte, ich würde unter meinem Schmerz zusammenbrechen. Ich sah mich innerlich mit dem Fußboden verschmelzen, zu einer großen Pfütze voll Kummer. Jetzt schaue ich zurück, vier Jahre später, und wundere mich, wie ich überleben konnte.

Ich glaube, die Realität ist, dass ich einfach keine andere Wahl hatte. Die Zeit hält nicht einfach an, nur wenn dich eine große Tragödie im Leben trifft. Ich hatte drei Kinder, die einen unglaublichen Verlust erlitten hatten, schon so viel verloren haben. Und um die musste ich mich kümmern. Ich war entschlossen, dass sie mich nicht auch noch verlieren würden.

Ich musste lernen

Ich musste lernen, belastbar zu sein. Und lerne es immer noch. Dafür braucht es ein kontinuierliches Training. Ich glaube nicht, dass Widerstandskraft ein Charakterzug ist, der uns allen angeboren ist, aber wundere mich, ob einige Menschen nicht belastbarer sind als andere.

Wie kann es sonst sein, dass manche Soldaten vom Krieg zurückkommen und unter einer Posttraumatische Belastungsstörung leiden, während es andere schaffen, wieder in die Gesellschaft zurück zu finden?

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Aus meiner Erfahrung glaube ich, dass es Strategien gibt. Handlungen und Gedanken, mit denen wir lernen können, unsere Belastbarkeit zu stärken. Belastbarkeit ist etwas, das wir in unser immer unsicher werdenden Gesellschaft alle stärken sollten. Je früher wir es schaffen, wieder aufzustehen und weiterzumachen, wenn etwas falsch läuft, desto leichter fällt es uns, sich an neue Situationen anzupassen.

Ich musste mich an eine ganz andere Zukunft gewöhnen, als die, dich ich vor mir zu haben glaubte. Und vor allem eine ohne zwei sehr wertvolle Menschen. Ich musste mich in eine neue Rolle als Mutter UND Vater einfinden. Ich musste mich daran gewöhnen, alles alleine zu machen.

Nach einigen Schreikrämpfen wegen des TV-Zubehörs, lernte ich, die Kontrolle zu gewinnen und alle Aufgaben irgendwie zu bewältigen - und das gab mir ein großartiges Gefühl von Selbstbewusstsein und Unbesiegbarkeit.

Ich schätze das Langweilige

Zu lernen, auf einer Prothese zu laufen, war so viel schwerer als ich dachte. Alles war eine Herausforderung. Mein Kummer, das Laufenlernen, mit dem Verlust klar zu kommen. Ich habe mir selbst nur kleine Ziele gesteckt, denn die nächste Stunde zu überstehen, war meistens schon Herausforderung genug. Anfangs war es für mich schon ein großer Erfolg, zur Haustüre und zurück zu laufen.

Diese kleinen Ziele zu erreichen, gab mir jedoch das Selbstvertrauen, immer weiter zu gehen und immer neue Ziele zu stecken. Dabei musste ich mich aber selbst bremsen, zu weit in die Zukunft zu schauen, weil sie immer noch viel zu furchteinflößend war.

Keiner von uns wusste, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartete und wenn ich eines von unserem Unfall gelernt habe, dann ist es, den Moment zu leben, alles zu schätzen, was und wen wir in unserem Leben haben.

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Genieße die Normalität. Denn mein Leben war so weit davon entfernt, dass ich jetzt die tägliche Hausarbeit genieße, an der ich mich früher immer gestört habe.

Ich schätze den eintönigen Alltag in meiner neuen, außergewöhnlichen Welt.

Der Beitrag erschien zuerst bei Huffington Post UK und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt.

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