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Was ich durch die Auseinandersetzung mit einem Nazi auf Instagram lernte

28/11/2017 14:22 CET | Aktualisiert 28/11/2017 22:10 CET
Victoria Guptara

Ich bin in Braunau am Inn in Österreich aufgewachsen, Hitlers Geburtsort. Zu seinem Geburtstag tummeln sich in der Stadt regelmäßig Neonazis.

Mein Vater ist Inder, meine Mutter Österreicherin - er, mein älterer Bruder und ich, wir sind Exoten. Vor allem in einer ländlichen Region wie Braunau.

An gewissen Tagen, wie Hitlers Geburtstag, galt es, vorsichtig zu sein.

In der Grundschule zum Beispiel wurde uns empfohlen, uns abholen zu lassen und das Schulgebäude nicht alleine zu verlassen.

Inzwischen wohne ich in Berlin und Braunau ist weit weg. Natürlich ist das Lebensgefühl in Berlin ein anderes als jenes meiner Kindheit.

Ablehnung aufgrund meiner Herkunft begegnet mir inzwischen woanders - in den sozialen Medien nämlich, auf Instagram.

Mein Account erfährt seit Kurzem rasantes Wachstum, mir folgen knapp 4.000 Menschen.

Das ist noch vergleichsweise wenig in der Welt der sozialen Netzwerke - aber genug, um sich nicht mehr nur Freunde und Fans, sondern auch Feinde zu machen.

Vor zwei Wochen habe ich dort etwas erlebt, was mich ziemlich brachial aus meiner Berliner Bubble herausholte.

Jemand schrieb "Affe" unter eines meiner Fotos.

Zugegeben, zuerst kam mir "Affe" einfach als relativ lahme Beschimpfung vor.

Mehr zum Thema: "Du bist eine Schande und deine Freundin ein Dämon" - was ich erlebte, als ich auf Instagram zeigte, dass ich eine Frau liebe

Menschen, die beleidigen, weil ihnen langweilig ist oder weil sie eifersüchtig sind, fallen überraschend elaborierte Wortspenden über mein Aussehen, die Größe meiner Brüste oder die Echtheit meiner Lippen ein.

Das war keine einfache Beleidigung

Das alleinstehende Wort "Affe" ließ mich jedoch ein tieferliegendes Motiv vermuten; und ein Klick auf das Profil des Kommentators bewahrheitete das: er wollte nicht mein Aussehen, sondern mein Menschsein in Frage stellen.

Ich hatte beim Nachhaken in seinem Account gehofft, dass sich meine Vermutungen als falsch erweisen würden.

Dass ich dann die Person, welche sich einfach als unkreativer "Hater" herausstellen würde, getrost blocken und den Kommentar löschen könnte.

Aber nein, es handelte sich um einen Extremisten. Inmitten von Urlaubs- und Hochzeitsfotos fand ich Hitlerbriefe und Hakenkreuze.

Ich wollte diesen Menschen nun eigentlich nur umso mehr blocken, um ihn schnellstmöglich loswerden.

Aber ich wusste sofort, dass dies ein illusorischer Zugang wäre. Es wäre keine Lösung, sondern eine Flucht gewesen. Zurück in meine Bubble.

Hätte ich, durch Blocken, auf einen Rechtsextremisten gleich reagiert wie auf einen Hater, so hätte ich verletzend gemeinte - aber letztendlich oberflächliche - Kommentare mit einer extremistisch motivierten Diffamierung gleichgesetzt.

Kein "gewöhnlicher Hater", sondern ein Extremist

Obwohl ich verletzt war, konnte ich das nicht tun. Es besteht ein klarer Unterschied darin, ob man meine Lippen oder mein Menschsein infrage stellt.

Was nun?

Ich hatte Angst, mit einer derartig sensiblen Situation falsch umzugehen.

Wie sollte ich meinen Followern überhaupt klarmachen, dass es sich bei diesem Kommentar nicht nur um einen "gewöhnlichen Hater", sondern um einen Extremisten handelte?

Ich wollte das Problem ansprechen, ohne gleichzeitig einem Nazi eine größere Plattform zu geben.

Und ich wollte keinesfalls so wirken, als würde ich damit einfach Aufmerksamkeit generieren wollen.

Mehr zum Thema: Ich war ein Jahr undercover unter Rechtsextremisten: Das habe ich über ihre Methoden gelernt

Denn nicht ich verdiene Aufmerksamkeit: der Vorfall und unser kollektives Übersehen (oder gar Hinwegsehen?) verdient sie. Mitleid war jedenfalls das allerletzte, was ich wollte.

Ich ging mit dem Fall zur Polizei.

Anschließend berichtete ich über den Kommentar sowie über meine Reaktion auf meiner Instagram-Story.

Die Antworten darauf enttäuschten mich, ehrlich gesagt.

"Wie blöd, dass du darauf reagierst", schrieben mir einige.

Andere sagten: "Lass dich doch von dem Typen nicht beeinflussen".

Und wieder andere schrieben: "Es ist voll lächerlich, dass du deswegen zur Polizei gehst."

Das machte mir klar: Wir tendieren im online-Ozean der Meinungen dazu, alle negativen Kommentare und ihre Urheber in einen Topf zu werfen, nämlich den der "Hater".

Dabei können Kommentare, die verwechselbar ähnlich formuliert sind, zwei grundlegend verschiedenen Motivationen entstammen.

Und so unangenehm die aktive Auseinandersetzung mit diesen negativen Kommentaren auch ist - ich rufe dazu auf, ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Hater und Rechtsextremist zu entwickeln, und die Reaktion entsprechend anzupassen.

Nachdem ich es selbst versucht habe, ist mir umso bewusster, dass es weder online noch offline leicht ist, die richtige Reaktion zu finden.

Der Hass im Netz ist nur die Spitze des Eisbergs

Niemand hat ein Universalrezept dafür gefunden, auf extremistische Kommentare zu reagieren.

Jede Situation ist unterschiedlich. Trotzdem müssen wir Nazis im Netz genauso entschieden entgegentreten wie auf der Straße.

Denn sie wollen mit ihrem Hass Zeichen setzen - und so müssen wir konsequent Zeichen zurücksetzen.

Was wir im Netz erleben und tolerieren, ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Eines Berges, der nicht dadurch verschwindet, dass wir ihn ignorieren - oder gar passiv tolerieren.

Ehrlich gesagt fühle ich mich mindestens genauso oft hilflos, wie ich mich verpflichtet fühle, etwas zu unternehmen.

Aber durch die Initiative auf meinem Account habe ich gelernt: keine Plattform ist zu klein und keine Stimme zu leise, um sich gegen Extremismus auszusprechen.

Folgt Victoria auf Instagram.

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