Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Verena Grönbeck Headshot

Mein Erstgeborener - Ich vermisse Dich, ich vermisse uns, uns beide mit jedem Tag

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUTTER SOHN
Der Stillzwerg
Drucken

Es ist 7.00 Uhr morgens. Du, Deine Brüder und Dein Vater schlafen noch. Ich bin wach, sitze vor dem PC im Esszimmer und schaue mir unsere Bilder an, auch die an der Wand von uns dreien. Wir kamen noch nicht dazu Bilder Deiner Brüder aufzuhängen, geschweige denn auszudrucken, denn die Zeit ist knapp und die Wand bereits so voll - voll mit wundervollen Erinnerungen.

Weitere Bilder und Erinnerungen werden hinzukommen als Familie zu fünft, denn dies sind wir nun. Fünf. Ich liebe Euch. Ich liebe Dich. Du bist mein Erstgeborener Sohn, etwas einzigartiges, ganz Besonderes. Du hast mich das erste Mal zur Mama gemacht, mir all die wunderbar und einzigartigen Momente geschenkt.

Das erste "Mama" aus Deinem Mund brachte mich vollkommen aus der Fassung - vor Glück, Freude, Dankbarkeit und tiefer Liebe. Du warst mein erster Sohn, der mir die drei kleinsten und schönsten Worte sagte "Ich liebe Dich Mama".

Der Klang Deiner Engelsstimme ist so unfassbar schön und jedes Gespräch mit Dir zaubert mir ein breites Lächeln ins Gesicht. Von Dir umarmt zu werden, wärmt nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Herz - jedes Mal aufs Neue. Wenn ich in Deine Augen blicke, blicke ich in eine andere Welt. Ich sehe in Deinen Augen tiefe, reine, bedingungslose Liebe.

Lange war mir zum Weinen zumute, ich wollte meinen Tränen freien Lauf lassen, konnte es aber bisher nicht. Ich sitze am Esstisch, blättere unsere Bilder durch, schaue an die Bilderwand und weine mir die Seele aus dem Leib. Weil ich Dich vermisse mein Sohn, weil ich uns vermisse - jeden einzelnen Tag seit der Geburt deiner Brüder.

Ich fühlte mich zerrissen

Zerrissen fühle ich mich seit dem Tag, an dem ich den positiven Schwangerschaftstest in meinen Händen hielt. Die Freude auf Deine Geschwister war riesig, doch genauso riesig war meine Angst Dir nicht mehr gerecht werden zu können, Dir nicht mehr meine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und nicht mehr nur für Dich alleine da sein zu können.

Zerrissen fühle ich mich seit der Geburt. Du hast mir gefehlt als ich Deine Brüder das erste Mal im Kreißsaal in meinen Armen hielt und während der Nächte im Krankenhaus. Wir waren erst einmal getrennt voneinander, die ganzen 2 1/2 Jahre warst Du immer an meiner Seite.

Ich liebe Deine Brüder keine Frage. Wir haben uns so sehr auf sie gefreut und sind glücklich darüber das sie da und bei uns sind. Sie sind ein Teil unserer Familie und sie machen mich glücklich, dennoch bin ich traurig. Traurig, weil Du mir fehlst, weil mir die Zeit mit Dir alleine fehlt.

Uneingeschränkte Zeit nur mit Dir alleine - die gab es seit der Geburt Deiner Brüder nicht mehr.

Während ich im Krankenhaus war kümmerte sich Dein Vater um Dich. Nach unserer Ankunft zuhause behielten wir dies bei. Dein Vater kümmerte sich den Großteil der Tage um Dich, damit ich mich um Deine Brüder kümmern konnte.

Stillen, Wickeln, Baden, Einschlafstillen, Kuscheln, Tragen - Deine Brüder sind noch so klein und brauchen mich, mich ihre Mama noch viel mehr als Deinen Papa. Dein Papa kümmert sich rührend um Dich. Er spielt, malt, bastelt, kocht, liest dir Geschichten vor, knetet, macht die Gartenarbeit gemeinsam mit Dir, er kuschelt und badet mit Dir, er begleitet Dich in den Schlaf, Dein Papa unternimmt Ausflüge mit Dir, erledigt mit Dir die Großeinkäufe, während ich mit Deinen Brüdern zuhause bin.

Dein Vater gibt Dir das was ich Dir immer gab - gemeinsame Zeit. Zeit, die ich immer mit Dir verbracht habe. Zeit, die ich so gerne mit Dir verbringen würde, Unternehmungen und Aktivitäten, die ich so gerne mit Dir machen würde. Jeden einzelnen Moment den Dein Vater mit Dir hat - den hätte ich gerne wieder mit Dir, ganz alleine.

Du musst immer auf mich warten

Doch ich bin bei den Babys, sie brauchen mich und Du musst immer häufiger auf mich warten. Du musst auf mich warten während ich Deine Brüder stille oder sie in den Schlaf schaukele. Wenn ich ihnen die Windeln mache, wenn ich sie versuche zu trösten. Du musst mich teilen, immer häufiger auf mich verzichten.

Du und ich - wir waren ein eingespieltes Team, hatten eine wunderbare Beziehung zueinander, wir waren uns so nahe. Jetzt ist es irgendwie anders, auch schön, aber anders und nicht mehr ganz so nah. Du liebst Deine Brüder seit dem Tag ihrer Geburt abgöttisch. Du bist der Beste große Bruder, den sie sich nur wünschen könnten.

Du himmelst sie an, küsst, umarmst und sagst ihnen, dass Du sie liebst. Wenn ich Euch drei ansehe und miteinander sehe spüre ich tiefe Liebe, es macht mich glücklich und doch weiß ich, dass es nicht mehr so ist wie früher. Alles hat sich verändert, sogar unsere Beziehung zueinander.

Wir sind uns nicht mehr so nah und dies schmerzt unwahrscheinlich stark. Es tut verdammt weh Dich jeden Tag zu sehen, um mich zu haben und Dich doch über alles zu vermissen. Ich vermisse Dich. Ich vermisse uns, uns beide. Jeden Abend realisiere ich, wie wenig ich wieder von Dir hatte und mit jedem neuen Tag wiederholt sich dies.

Ich vermisse Dich.
Ich vermisse es mit Dir im Arm einzuschlafen und wieder aufzuwachen.
Ich vermisse es am Morgen mit Dir im Bett zu kuscheln.
Ich vermisse es morgens in Ruhe mit Dir zu frühstücken.
Ich vermisse es nicht mehr ausgiebig mit Dir spielen zu können.
Ich vermisse Dein Lachen, Deinen Duft, Deine kleine Hand in meiner.
Ich vermisse es Dir nicht mehr aufmerksam zuhören zu können.
Ich vermisse es laut und albern mit Dir zu sein ohne Rücksicht nehmen zu müssen.
Ich vermisse es Dich zu tragen, in meinen Armen, die nun meist besetzt sind.
Ich vermisse es mit Dir zu kuscheln und den Tag zum Abend zu machen.
Ich vermisse es mit Dir lange zu spielen, spazieren ohne Eile und Hektik.
Ich vermisse es Dich in den Schlaf zu begleiten und dabei neben Dir einzuschlafen, doch Deine Brüder rufen meist schon nach mir, während ich mit Dir im Bett liege.
Ich vermisse es einfach für Dich da zu sein, den gesamten Tag, jeden Tag.
Ich vermisse Dich, ich vermisse uns, uns beide mit jedem Tag.

Exklusivzeit nur mit Dir, dass wünsche ich mir und an manchen Tagen wünschte ich, wir wären wieder zu dritt. Weil Du mir so unfassbar fehlst, dass es wehtut. Weil ich Dich so vermisse und gar nicht mehr weiß, wann unser letzter unbeschwerter Moment war. Ich wünsche mir so sehr Dir wieder so nahe sein zu können, ohne dass Du mich teilen musst.

Ich vermisse Dich mit jedem Tag mein Erstgeborener und es zerreißt mich. Meine Gefühle sind durcheinander - so voller Liebe und Trauer. Ich trauere unserer gemeinsamen Zeit nach und denke oft zurück. Manchmal wünsche ich mir nur einen vergangenen Tag zurück mit Dir. Dann schaue ich Deine Brüder an und spüre tiefe Liebe und Verbundenheit.

Ich weiß, dass dies die richtige Entscheidung war. Uns hätte nichts Besseres passieren können. Ich bereue Nichts, ich würde nichts anders machen oder rückgängig machen wollen. Nein! Es ist perfekt wie es ist - zu fünft. Ich trauere dennoch unserer Zeit zu dritt hinterher und dann weine ich, weil mir unsere Zeit fehlt, weil Du mir so sehr fehlst - mein Sohn. Es bricht mir das Herz, mit jedem Tag.

Um es mit einem Zitat einer Leserin abzurunden:
"Wir haben unserem Sohn Geschwister geschenkt. Das Schönste was man einem Kind schenken kann".

Ich vermisse Dich mein Sohn - so unfassbar stark, mit jedem Tag.
Ich liebe Euch meine Söhne - so unfassbar stark, mit jedem Tag.

Verena

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Die Autorin betreibt den Blog Der Stillzwerg und ist hier auf Facebook zu finden.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Familie: Ein Paar adotpiert 3 Kinder. Als die Nachbarin das sieht, ruft sie das Jugendamt

Lesenswert: