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Achims letzter Airberlin Flug

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München, Gate A16 vergangenen Freitag. Plötzlich ist er da, Mr. Airberlin, Joachim Hunold. So als wäre es ein ganz normaler Flug nach einer langen Arbeitswoche hinein ins Wochenende, zieht Hunold einen Business-Koffer hinter sich her. Es ist der letzte Flug, den der ex-Westernhagen Tour-Roadie, ex-LTU Marketingleiter, der Gründer und zwei Jahrzehnte lange Chef der deutschen Airberlin heute unter AB Flugnummer antreten wird. Bereitwillig gibt er den Dutzenden Journalisten Interviews, posiert für Selfies, genießt die Aufmerksamkeit.

Dem Vernehmen nach führte „der Achim" die Airberlin mal väterlich, mal cholerisch, meistens auf die Kumpeltour, aber stets hemdsärmelig. Seine Grundstrategie war getrieben von dem Streben nach Größe, um die überlebenswichtigen Skaleneffekte zu erzielen - auf dem Weg dorthin ging er viele Kompromisse ein und führte die Airline mit rund 10 Tsd. Mitarbeitern und 30 Millionen Passagieren häufig wie einen Gemischtwarenladen - er versäumte es, rechtzeitig nachhaltige Strukturen und Prozesse einzuführen.

Unzählige Geschichten ranken um den „Achim". Wie zum Beispiel, dass er zu unchristlichen Zeiten den Marketing-Bereichsleiter von Airberlin aus dem Bett klingelte, um zu fragen, ob die Eishockey-Tickets für seine Familie und ihn im Stadion hinterlegt seien, die kostspielige Welttournee der Airberlin Markenbotschafterinnen in Form eines gut ausgestatteten italienischen Gesangstrios, die stets auf Reisen von Assistentinnen bereitgehaltene Flasche Averna in Kombination mit einem prall-gefüllten Humidor.

Es muss bitter gewesen sein, denn als sich Joachim Hunold am Freitag Abend von den Münchner airberlin Bodenmitarbeitern durch die offene Flugzeugtür verabschiedet, ertönen viele Buh-Rufe und wenig Applaus. Hunold stehen die Tränen in den Augen. Er muss eigentlich als jahrelanger People Manager damit gerechnet haben, dass sich die Unsicherheit, die Wut und der Frust der Beschäftigten auf ihn projizieren würden, als einzigen, wenn auch ehemaligen Vertreter des Managements. Dennoch scheint er etwas überrascht von der Härte der negativen Emotionen. Vielleicht hatte er auf etwas Altersmilde gehofft, Hunold, mit 68. Aber wenn es um die pure Existenz geht, reagieren die Menschen anders, dann dominieren die Emotionen und die Vergangenheit wird ausgeblendet.

An Bord spürt man die Ambivalenz, mit der die Crew Hunold begegnet. Sie schätzen ihn für seine direkte, raubeinige, aber letztendlich wohlwollende Art und wissen, dass die Airline ohne ihn nie so groß geworden wäre. Hunold, der "Chakka" Mitreißer, der besessene Company-Builder, die Rampensau, die in der Sansibar selbst Wirt Seckler regelmäßig unter den Tisch gesoffen haben soll. Den Spirit „Airline mit Herz" hat er mit seiner Kumpeltour maßgeblich mitgeprägt. Doch da wo zu viel gekumpelt wird, besteht auch immer die Gefahr, dass nicht professionell gearbeitet wird. Zu viel Menschlichkeit verhindert oft notwendige Konsequenzen. Hunold konstatiert an Bord: „Am Ende hat es nicht gereicht, aber ich habe es nirgendwo anders erlebt, dass ein Team soviel Zusammenhalt, Loyalität und Begeisterung gezeigt hat".

Airberlin wollte immer das Gegenteil der Lufthansa sein, eine Airline mit Ecken und Kanten, wie Oliver Iffert, Leiter operatives Geschäft, es bei seiner Ansprache vor dem letzten Abflug nannte. Dieses „Anderssein" hat airberlin besonders gemacht, „Airline mit Herz" wie es am Freitagabend häufig heißt, aber es hat die airberlin per Definition von vornherein auch eingeschränkt.

Es wirkt wie aus einer anderen Zeit, als Hunold mit dem Start des Bord-Service, die Flasche Averna gereicht bekommt, wie ein Firmenpatriach aus Zeiten der alten Deutschland AG. Leise singt er die Hymne „Flugzeuge im Bauch" mit, als diese über die Bordlautsprecher ertönt, er nimmt Abschied von seinem Baby, einem Familienmitglied, es ist dann doch ein Abschied, eine Beerdigung, ein Prozess des bewussten Loslassens. Was geht in einem Gründer da durch den Kopf? Diese Momente, in denen er weitreichenden Entscheidungen für die Airline getroffen hat, müssen ihm während des Flugs noch mal durch den Kopf geschossen sein, letztendlich Fehlentscheidungen, die dazu beigetragen haben, dass der Kurs am Ende nicht gestimmt hat.

Bei der Ankunft begrüßt ihn der Airberlin Stationsleiter in Tegel mit den Worten „Achim, Du bist mutig!" und auf die Nachfrage von Hunold warum: „Da draußen sind Tausende, die werden Dir keinen schönen Empfang bereiten". Hunold geht später von Bord, wir aber ähnlich negativ empfangen wie in München. Einige ältere Mitarbeiter fallen ihn dann doch um den Hals, man tröstet sich gegenseitig.

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