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Alle nennen Sie einen Nazi, aber die meisten sehen nicht, was Sie wirklich sind

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
ALEXANDER GAULAND
Axel Schmidt / Reuters
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Herr Gauland,

Sie ├╝berraschen mich. Alle, die Sie am Sonntag nicht gew├Ąhlt haben, sind entsetzt ├╝ber die ├äu├čerungen am Wahlabend und schimpfen Sie einen Nazi. Ich hingegen h├Âre dabei ganz andere T├Âne. Die meisten ├╝bersehen, dass Sie ├ťberzeugungen zum Ausdruck gebracht haben, die man Ihnen als Vertreter einer rechtsnationalen, rassistischen Partei gar nicht zugetraut h├Ątte.

Gewiss, Sie f├╝hlen sich zuhause im v├Âlkischen Jargon. Das haben Sie wieder unter Beweis gestellt. Sie sprachen davon, Merkel zu jagen und sich "unser Land und unser Volk" zur├╝ckzuholen. Das geschah in ├Ąhnlich provokativer Form, in der Sie bereits vorher davon sprachen, man solle auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein.

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Mich selbst emp├Âren Ihre verbalen Ausscheidungen nur mehr am Rande. Sie sind mittlerweile berechenbar und machen mich nur entschlossener im Kampf gegen das Vergessen. Lassen Sie mich dennoch ganz kurz zwei Dinge klarstellen, bevor ich zum Eigentlichen komme:

Erstens erkl├Ąre ich in aller Deutlichkeit dass ich mich, so wie ├╝brigens die gro├če Mehrheit der Deutschen, weigere, von Ihnen irgendwohin zur├╝ckgeholt zu werden. Gehen Sie wohin immer es Ihnen beliebt - aber bitte allein.

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Zweitens m├Âchte ich beim Thema Stolz kurz an meinen Gro├čvater erinnern, der als deutscher Soldat in Frankreich stationiert war, sich dort mit dem Erbfeind angefreundet hat und dann in Radiosendungen von England aus die Deutschen davon zu ├╝berzeugen versuchte, dass ihr Krieg sinnlos ist.

Er arbeitete ohne Waffengewalt f├╝r die Befreiung Deutschlands von der Unterdr├╝ckung durch die Naziverbrecher, die ein ganzes Land als Geisel genommen hatten f├╝r ihre irrwitzig- gr├Â├čenwahnsinnigen Allmachtsphantasien.

Auf die Leistungen solcher Soldaten, Herr Gauland, k├Ânnen wir in der Tat stolz sein. So wie wir stolz sein k├Ânnen auf alle, egal welcher Nation sie angeh├Âren mochten, die dem Krieg nicht ihre Menschlichkeit und ihr Gewissen geopfert haben.

Begeisterung f├╝r bundesdeutschen Parlamentarismus

Historische Vergleiche hinken ja immer. Ich werde nun deshalb keine Parallelen zwischen damals und heute ziehen und Sie nicht langweilen mit dem tausendsten Vergleich zwischen AfD und NSDAP.

Ich muss Ihnen keine Geschichtslektion erteilen, denn ich wei├č, dass Sie ein historisch unterrichteter Mann sind. Schlie├člich zeigen Sie auch reges Interesse und ausgezeichnete Kenntnisse ├╝ber die alte Bundesrepublik, ├╝ber die Sie sich so wehm├╝tig ge├Ąu├čert haben.

Und sehen Sie, genau hier beginnt mein Erstaunen. Da sagten Sie auf Ihrer Siegesrede am Wahlabend, der Bundestag werde bald wieder so sein, wie in Zeiten von Wehner und Strau├č. Und bei Anne Will haben Sie diesen Gedanken nochmal deutlich gemacht, als Sie davon schw├Ąrmten:

"Ich habe noch als junger Mann in der DDR im Radio die gro├čen Debatten geh├Ârt zwischen Adenauer, Dehler, Heinemann; zwischen Wehner, zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel - da war das Parlament noch der Resonanzboden dieses Landes und seiner Probleme."

Aus diesen Zeilen spricht so viel Begeisterung f├╝r die Geschichte des bundesdeutschen Parlamentarismus, dass man sich schon fragen muss, was Sie als Spitzenkandidat einer Partei machen, deren W├Ąhler und Abgeordnete zum Teil dieses Parlament vermutlich als 'Marionetten der Siegerm├Ąchte' verachten.

Oder h├Âre ich da einfach ein wenig Sehnsucht nach der guten alten Zeit heraus, als die Welt noch einfach zu verstehen war, alles fein aufgeteilt, hier Ost dort West, hier Union, dort Sozis? Das w├Ąre beinahe r├╝hrend. Herr Gauland, es ist keine Schande, sich von den komplexen Verh├Ąltnissen heute ├╝berfordert zu f├╝hlen. Nur sollten Sie daf├╝r nicht andere verantwortlich machen.

Sehnsucht f├╝r demokratische Streitkultur

Woher kommt so viel Sehnsucht nach parlamentarischer Streitkultur bei einem Mann, der Demokratie-feindlichen oder zumindest -skeptischen Kr├Ąften in unserem Land zu so viel Aufwind verhilft? Kann es sein dass Sie nicht wissen, aus welchen Leuten sich Ihre Partei und Ihre W├Ąhlerschaft zusammensetzt? Wenn das stimmen sollte, dann sehen Sie sich vor und wachen Sie auf:

Laut einer DIW-Studie vom vergangenen Jahr
konnte die AfD seit 2014 nicht nur unter den Nichtw├Ąhlern punkten, sondern gerade auch bei ehemaligen W├Ąhlern rechtsextremer Parteien. Dieser Trend d├╝rfte sich seitdem fortgesetzt haben.

Wie hoch genau der Anteil der antidemokratischen AfD-W├Ąhler ist, l├Ąsst sich freilich nicht genau beziffern. Wie Forsa-Chef Manfred G├╝llner dem Sender n-tv gegen├╝ber angab, lasse sich der Teil der AfD-W├Ąhler, die dem gesamten politischen System ablehnend gegen├╝berstehen, von Meinungsforschung nicht befragen. Das bedeutet nicht, dass er gering ist.

Sicher hingegen ist, dass es nicht nur mit Bj├Ârn H├Âcke zahlreiche Parlamentarier mit ausgepr├Ągten Ankn├╝pfungspunkten in die rechtsextremistische Szene geben wird. Rechtsextremisten finden also mit Ihrer tatkr├Ąftigen Unterst├╝tzung eine perfekte Plattform, um hinter der Maske einer b├╝rgerlichen Partei der Besorgten Ihre rassistischen und demokratiefeindlichen Anliegen tief in die Gesellschaft tragen zu k├Ânnen.

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Was uns von ihnen droht, ist nat├╝rlich keine spontane "Macht├╝bernahme", sondern das schleichende Zersetzen, ver├Ąchtlich und suspekt-machen unserer Institutionen.

Schon lange ist bekannt, dass neurechte, "v├Âlkische" Gruppierungen nicht mehr mit dem Baseballschl├Ąger Politik machen, sondern in der Verkleidung b├╝rgerlicher Harmlosigkeit mit ausgefeilter Strategie und viel Geduld daran arbeiten, unserer Demokratie Vertrauen und R├╝ckhalt zu entziehen.

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Diese Menschen sind nicht Ihre Anh├Ąnger. Sie haben ihre ganz eigene Agenda. Das sind Schichten, Herr Gauland, die nicht das Parlament der letzten Jahre, sondern das Parlament als Institution verachten.

Sie sind historisch unterrichtet, die Diffamierung des Hohen Hauses als "Schwatzbude der Nation" d├╝rfte ihnen bekannt vorkommen. Vollkommen schizophren also, mit welch akribischer Perfidie Sie am Ansehen unserer wichtigsten demokratischen Institutionen s├Ągen, an denen Ihnen nach eigenem Bekenntnis doch so viel liegt.

Kein Nazi - aber Mitl├Ąufer und Profiteur der Rechten

"Wir werden diskutieren in diesem Parlament.", sagten Sie bei Anne Will. Dabei muss Ihnen klar sein, dass Diskussion nicht gerade die St├Ąrke vieler derer ist, die sie gew├Ąhlt haben, und die dumpfe Parolen wie "Merkel muss weg" oder "Islamisierung stoppen" skandieren und jeden, der mit Ihnen dar├╝ber sprechen will, als "L├╝genpresse" denunziert und bedroht.

Ist das Ihre Vorstellung von demokratischer Streitkultur? Wollen Sie sich wirklich mit diesen Menschen gemein machen, ja, sie sogar vertreten?

Wenn es nach vielen Ihrer Sympathisanten geht, dann wird es im Bundestag nicht so sein wie zu Zeiten von Strau├č und Wehner, nach denen Ihnen so wehe ist. Wenn es nach diesen Leuten geht, dann wird dort ├╝berhaupt nicht mehr diskutiert - dann sitzt da nur noch eine einzige Partei. Das d├╝rften Sie doch auch noch aus der DDR kennen.

Ich denke nicht wirklich, dass Sie glauben, Ihre Anh├Ąnger teilten den Respekt vor dem politischen Gegner. Nat├╝rlich sind Sie nicht so naiv. Sie glauben aber, diese Menschen f├╝r Ihre Zwecke instrumentalisieren zu k├Ânnen. Sie werden nicht der erste sein, der dieser fatalen Fehleinsch├Ątzung erlegen ist.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community f├╝r Kritiker der Rechtspopulisten

Herr Gauland, Sie sind selbst kein Nazi. Sie sind einer jener Mitl├Ąufer und Profiteure, die versuchen, aus den Demokratiefeinden und Rassisten Kapital f├╝r den eigenen Machtgewinn zu schlagen. Sie sehen sich als Herr ├╝ber eine Masse, die Ihnen folgt. T├Ąuschen Sie sich nicht, in Wahrheit haben Sie l├Ąngst die Kontrolle ├╝ber sie verloren. Sollte der Brand, den Sie sch├╝ren, m├Ąchtig werden, dann wird er auch Sie verschlingen.

Sie und Ihre Bande sind nur v├Âlkisch verdruckste Schwadroneure, die durch dumpfe Provokationen um ein wenig Aufmerksamkeit betteln. Eigentlich m├╝sste Ihnen aber eines klar sein: Sollte eines Tages tats├Ąchlich eine "neue Ordnung" anbrechen und rassistische Ideologen Deutschland und ihr sogenanntes Volk zur├╝ckerobern, werden Sie eines ihrer ersten Opfer sein. Denn wer br├Ąuchte dann einen, der von demokratischer Debattenkultur tr├Ąumt?

Nein Herr Gauland, Sie selbst sind vermutlich wirklich kein Nazi - ebenso wenig wie ein Teil Ihrer W├Ąhler. Kehren Sie also um, solange es Ihnen noch m├Âglich ist. Denn viele Ihrer Parteig├Ąnger wollen nicht Deutschlands Heil sondern Sieg Heil. Und sollte diese Brut ein weiteres Mal in diesem Land aufgehen, dann gnade uns allen Gott. Mir - und Ihnen.

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