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Spirituelle Sterbebegleitung

23/03/2016 13:18 CET | Aktualisiert 24/03/2017 10:12 CET
Dana Neely via Getty Images

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Das Element „Spiritualität" in der Sterbebegleitung ist unsere bewusste Fähigkeit, dem Sterbenden zu helfen, seinen Körper, diese Form, ohne Angst loszulassen - und dabei, den Umständen entsprechend, so bewusst, so wach wie möglich zu sein, um den Übergang aus diesem Leben in die Dimension des Formlosen, den wir in unserem Missverständnis Tod nennen, ohne Angst erfahren zu können.

In all den Jahren der Begleitung Sterbender, in der Begleitung von Menschen mit schweren Krankheiten oder die durch tiefe Lebenskrisen gehen, und auch in der Arbeit mit Menschen, die spirituell erwachen und dabei eine Art von Sterben durchleben, habe ich viele Beobachtungen gemacht, habe intensiv mit Menschen über ihre Erfahrungen und Einsichten gesprochen.

Vor einigen Jahren starb ein Freund an Krebs. Er kannte meine Arbeit und hatte großes Vertrauen, er war bereit, mich an allem teilhaben zu lassen, was in seinem Sterbeprozess geschah. Das war auch sein Weg, etwas von seinem Leben und Sterben weiterzugeben.

Wir waren in der glücklichen Situation, dass wir bis kurz vor seinem letzten Atemzug miteinander kommunizieren konnten.

Eine meiner ständigen Fragen an ihn war: was hilft dir, weiterzugehen?

Was brauchst du jetzt, was hilft dir jetzt, durch diesen schwierigen Moment, durch diese Angst, durch diesen Schmerz, hindurchzugehen, um nicht in der Verneinung stehen zu bleiben, in Abwehr oder Resignation, was brauchst du jetzt, um dein Herz wieder zu öffnen, und dein Sterben noch tiefer zu verstehen, um dem Prozess zu vertrauen, um dich nicht als Opfer einer Tragödie zu sehen und weiter aus Angst dagegen zu kämpfen, sondern dich als einen Tropfen erkennst, der mit einem tiefen Loslassen und dem Verstehen des ewigen Lebens in Dir, in den Ozean zurückkehrt.

Er sagte: sei einfach hier mit mir als Mensch, der meine Hand hält, der keine Angst hat, der mich nicht bewertet, der mir wirklich zuhört, und der mir hilft, zu verstehen, was ich jetzt noch nicht verstehen kann: den Sinn meines Sterbens, diese inneren Prozesse, die oft so schwierig und schmerzhaft sind.

Bitte hör mir einfach zu, wenn ich mit dir über meine Ängste spreche, über meine seelischen Schmerzen, über meine Scham- und Schuldgefühle, über das, was ich falsch gemacht habe. Und über meine panische Angst, alles zu verlieren, was ich glaubte zu haben und zu sein, und in der endlosen Dunkelheit, Einsamkeit und Leere zu verschwinden.

Das war seine unüberprüfte Überzeugung über den Tod, und natürlich erzeugen solche Ideen den Wunsch, alles auszublenden und möglichst „nicht dabei zu sein, wenn der Tod kommt". Aber der Prozess des Sterbens hat eine große Dynamik, der niemand entkommen kann, auch nicht durch Suizid oder Medikamente.

Diese Dynamik ist die mögliche Transformation und die Gnade im Sterben, denn das Sterben gibt uns die Möglichkeit, das zu erkennen, was wir wirklich sind: Bewusstsein und Liebe. Deshalb sagen wir, dass im Sterben, und im spirituellen Erwachen, nur die Angst stirbt, aber niemals das, was wir immer gewesen sind und immer sein werden.

Er sagte: Hilf mir, diesen schwächer werdenden Körper zu betreuen, hilf mir, wenn die Wellen von starken körperlichen Schmerzen kommen und gehen. Versprich mir, dass du dich dafür einsetzt, dass ich Schmerzmedizin bekomme, wenn ich den Schmerz nicht mehr aushalte, denn ich möchte nicht unter großen Schmerzen sterben, ich möchte aber auch nicht im Koma durch zu viele Medikamente sterben und dabei das wichtigste in meinem Übergang verpassen.

Die Saat spirituellen Verstehens war offenbar schon in ihm aufgegangen.

Bitte sei ehrlich mit mir, versuche nicht, mich mit oberflächlichen Worten oder Lügen zu trösten. Ich spüre die Wahrheit sowieso.

In den schwierigen Momenten seines Sterbens bat er mich oft, ihm zu sagen, was ich weiß oder verstehe über das, was in ihm geschah, warum es oft so schmerzhaft war, warum so viele Ängste kommen, warum der Körper sich wehrt, warum wir so festhalten am Leben.

Warum wir nicht einfach diesen natürlichen Prozess des Sterbens akzeptieren können und die verbleibende Zeit anstatt im Kampf, mit den schönen Dingen des Lebens verbringen, mit Vertrauen, Kreativität, Liebe, Dankbarkeit, in Frieden und völlig gegenwärtig in den verbleibenden kostbaren Momenten, im Jetzt.

Und jedes Mal, wenn ich ihm helfen konnte, etwas zu verstehen, sah ich in seinen Augen ein Loslassen, ein Akzeptieren, und er konnte in dem ständigen Auf und Ab seines Sterbens einen Schritt weitergehen.

Ich konnte beobachten, wie die Energie aus dem Urgrund des Seins in ihn einströmte und alles auflöste, was nicht wirklich Teil seines wahren Wesens war oder dem natürlichen Verfall eines kranken Körpers unterworfen war.

Das ist unsere wichtigste Aufgabe in der Begleitung: dem Sterbenden zu helfen, an den wirklich schwierigen Stellen nicht in Depression, Angst oder Ärger stehen zu bleiben, und so die mögliche Transformation zu verpassen.

Mein Freund sagte oft: bitte lass mich gerade jetzt nicht allein, wo viele Menschen sich von mir abwenden, aus eigener Angst, aus Ignoranz, aus Angst, ihre Masken abzunehmen, sich selbst in meinen Schmerzen, in meinem Loslassen zu erkennen, und ihre Trauer und Hilflosigkeit zu fühlen.

Bitte lass mich damit nicht allein.

Spirituelle Sterbebegleitung bedeutet auch, dass wir als Begleiter bereit sind, unsere Masken abzunehmen, und mit einer ganz tief empfundenen Menschlichkeit mit diesem Menschen zu sein, der dort vor uns sitzt und mehr und mehr in die Realität gezwungen wird, dass er nur den jeweiligen Moment hat, weil es keine Zukunft mehr gibt.

Vor dieser Realität sind wir unser ganzes Leben lang entflohen und haben in der Zukunft oder Vergangenheit gelebt. Im Sterben bleibt dem Menschen nur das Jetzt, und er hat panische Angst davor, weil dieses Jetzt eine große Tiefe hat, und gleichzeitig mit dem Schmerz über ein wahrscheinlich nicht gelebtes Leben gefüllt ist.

Mein Freund sagte oft: Lass mich nicht alleine, wenn ich einfach still bin, wenn ich nichts mehr sagen kann. Diese Zeiten von Stille sind sehr wichtig und sehr heilig für mich, und es ist für mich wichtig, dass du sie verstehst.

Spirituelle Sterbebegleitung bedeutet also auch, dass wir selbst in Stille sein können, dass wir unsere innere Stille lieben und uns damit wohl fühlen, und dann auch diese Stille auf einen Sterbenden übertragen können. Diesen Raum von innerer Stille, Vertrauen und Loslassen nennt man Meditation.

Unsere Aufgabe ist es, den Sterbenden so weit und so lange wie möglich auf der Reise in das Unbekannte zu begleiten. Dem Sterbenden kann es sehr helfen, seinen Ängsten über das, was im Sterben geschieht, zu begegnen, indem wir ehrliche tiefe authentische Antworten geben können über das, was im Sterben geschieht.

Und viele Fragen, die wir nicht mit Worten beantworten können, können wir durch unsere liebevolle Gegenwart beantworten, durch unsere Präsenz, unsere Stille, durch unser tiefes Menschsein.

In der spirituellen Sterbebegleitung gehen wir auf das tiefste menschlichste Potenzial ein, wir helfen dem Menschen, alles loszulassen, was sein Herz verschließt. Jeder Mensch trägt in sich den tiefen Wunsch nach Frieden und Erfüllung, und selbst wenn dieses Potenzial im Leben überdeckt, vergessen oder verdrängt wurde, im Sterben tritt es machtvoll an die Oberfläche.

Spirituelle Sterbebegleitung ist daher auch unsere eigene wirklich authentische Begegnung mit unserer Vergänglichkeit, mit unserer Hilflosigkeit, mit unserer Unfähigkeit, wesentliche Bereiche unseres Lebens zu kontrollieren.

Spirituelle Sterbebegleitung bedeutet also, dass wir bereits im Leben lernen zu sterben, in Hingabe, in Liebe, im Geben, in Stille, in dem, was wir authentische Spiritualität nennen, unabhängig vor einer bestimmten Religion.

Mein Freund starb an einem Herbstmorgen, als er in der Stille des Morgens ganz allein war. Wir hatten uns am Abend vorher voneinander verabschiedet, weil wir beide wussten, dass der Tod unmittelbar bevorsteht.

Wir haben in seinem Sterben viel miteinander gesprochen, wir haben miteinander meditiert, wir haben zusammen eine ehrliche Lebensrückschau gehalten, in der seine seelischen Schmerzen über das Unerledigte seiner Vergangenheit heilen konnten, und sein Herz sich so in umfassender Liebe und Dankbarkeit öffnete.

Er starb in der Klinik ohne große Schmerzen. Er sagte mir einige Tage vor seinem Tod, dass er keine Angst mehr spürte, in seinen Augen war ein Leuchten der Erkenntnis, dass er in seinem Leben und Sterben einen Sinn gefunden hatte. Er hatte sich von den wichtigen Menschen verabschiedet und seine Liebe mit den Menschen geteilt. Das ist es, was sehr oft geschieht.

Die wahre Natur des Sterbenden zeigt sich in einer Öffnung des Herzens, denn gelebte Liebe gibt unserem Leben eine Fülle, eine Bedeutung.

In unserem Abschied bat er mich noch einmal, darüber zu sprechen, was in der tatsächlichen Auflösung des Körpers und der Identifikation mit der Persönlichkeit geschieht.

Wir hatten dieses Sterben oft „geübt", er wünschte sich so sehr, diesen Weg der Rückkehr bei vollem Bewusstsein zu gehen, weil er verstanden hatte, wie wichtig diese Momente sind, und die Vorbereitung darauf auch seine noch vorhandenen Ängste verringerte.

Ich habe oft erlebt, wie auch in Sterbenden, die sich nie für die spirituellen Bereiche interessiert haben, durch die Intensität des seelischen und manchmal körperlichen Leidens im Sterben ihre wahre Natur durchschien, und sie in Liebe und Dankbarkeit und einem Staunen über das Mysterium, das sich vor ihnen öffnete, loslassen konnten.

Das ist die Transformation und der Segen des Sterbens - wir erkennen unsere wahre Natur. Deshalb nennen wir diese Momente des Todes den Höhepunkt des Lebens.

Weiter Informationen zum Institut für Leben und Sterben gibt es hier oder bei Facebook.

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