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"Für die anderen sind wir immer nur die Flüchtlinge!"

22/04/2017 14:46 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 14:51 CEST

Fragt man Jugendliche, was sie sich wünschen, nennen die meisten materielle Dinge wie ein Tablet oder eine Spielkonsole. Als ich dem 17-jährigen Adil diese Frage stelle, antwortet er: "Sicherheit".

Adil floh vor einem halben Jahr aus Pakistan - ganz alleine und zu Fuß legte er die rund 5.000 Kilometer zurück. In seiner Heimat musste er als Taliban-Gegner ebenso wie sein Vater um sein Leben fürchten.

Im SOS-Clearing-house in Salzburg hat er nun ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Dort lebt er mit 23 anderen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen in der Hoffnung, Asyl zu erhalten, und ein neues Leben in Österreich beginnen zu können.

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Neben Adil sitzt Jawid. Der 17-Jährige machte sich vor 15 Monaten aus Afghanistan auf dem Weg, als der IS dort immer weiter in Jawids Heimatregion vordrang.

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Tagelang marschierte er alleine durch die Kälte: "Ich dachte, ich schaffe es nicht, aber zurückgehen konnte ich auch nicht", erklärt er mir in fließendem Deutsch, das er sich zunächst mithilfe von Online-Videos selbst beibrachte, und an dem seit seiner Ankunft im Clearing-house mit täglichen Deutschkursen gefeilt wird.

Obwohl Jawid sich anstrengt und schon viel erreicht hat - sein Hauptschulabschluss steht kurz bevor - sieht man dem Jungen an, wie schwer die Last auf seinen Schultern ist: "Mein Vater war immer mein Fels, der hinter mir stand. Jetzt muss ich der Fels sein."

Ob sie sich alleine fühlen, frage ich die beiden. Und wie 17-jährige Jungs nun mal sind, blicken sie auf den Boden und nicken nur kaum sichtbar.

"Ihr könnt so stolz auf euch sein", versuche ich sie aufzumuntern. "Ihr habt es geschafft, alleine hierher zu kommen und seid dabei, Fuß zu fassen." Doch ganz so einfach ist das nicht: "Egal, wie sehr wir uns anstrengen, wir sind immer nur die Flüchtlinge! Die meisten Leute reden von oben herab mit uns.

Ich war immer gut in der Schule und wollte in der IT-Branche arbeiten. Wer weiß, ob ich hier jemals einen Job finden werde!" Jawids Worte beschreiben das, was viele Flüchtlinge mir erzählen: Diese Menschen sind froh, in Sicherheit zu sein.

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Aber sie treffen teilweise auf eine Ablehnung, mit der sie nicht gerechnet hätten und die nur schwer zu ertragen ist - besonders für Minderjährige, die ganz alleine in einem fremden Land leben.

Ob sie in der Schule oder beim Sport keine österreichischen Freunde gefunden hätten, frage ich sie. "Doch, schon. Aber die meisten möchten lieber unter sich sein."

Nicht nur Jawids und Adils Frustration ist deutlich spürbar, sondern auch ihre immense Traurigkeit: "Ich vermisse meine Familie und Freunde. Wieso verstehen die Leute nicht, dass wir unsere Heimat niemals verlassen hätten, wenn wir eine Wahl gehabt hätten!"

Nun stelle ich auch Jawid dieselbe Frage: "Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre es?" "Dass meine Familie stolz auf mich ist!" Das ist der Antrieb der beiden, weiterhin ihr Bestes zu geben: Erst wenn sie eine Arbeit und eine eigene Wohnung haben sowie Geld verdienen, das sie ihren Familien schicken können, haben sie aus ihrer Sicht ihr Soll erfüllt.

Aber um wirklich anzukommen, braucht es noch mehr: "Wenn die Menschen uns wie Menschen behandeln und nicht als Bedrohung sehen würden. Wir wollen uns integrieren, wir haben die Sprache gelernt, wir suchen uns nach der Schule eine Arbeit. Was können wir noch tun?" fragt Jawid verzweifelt.

Wenig später bringt der Junge, der stets stark sein muss, diese Verzweiflung noch deutlicher zum Ausdruck, als er mir sein Zimmer zeigt: "Ich möchte manchmal gerne weinen, aber es kommen keine Tränen".

Er kann sich einfach nicht erlauben, schwach zu sein - und gibt ebenso wenig auf wie Adil und die anderen Jugendlichen im Clearing-house der SOS-Kinderdörfer.

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