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Warum mir niemand glaubt, dass mein Exfreund mir gegenüber gewalttätig war

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Die Wahrheit ist: Mein Exfreund war mir gegenüber gewalttätig. Dennoch begegnet mir nahezu jede Person, der ich davon erzähle, mit Zweifeln.

Sie denken, dass ich übertreibe oder ganz und gar lüge, wenn ich berichte, was er mir während unserer Beziehung und auch lange danach angetan hat. Und lassen mich lieber mit meinem Schmerz allein, statt mir zu helfen, damit umzugehen.

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Die Argumente dafür sind immer die Gleichen, und aus Gesprächen mit anderen Gewaltopfern weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die sich rechtfertigen muss, wenn sie darüber spricht. Statt uns Verständnis für unsere Situation entgegen zu bringen, schlägt man uns die immer gleichen Sätze um die Ohren, die belegen sollen, dass wir eigentlich im Unrecht sind.

Und verstärkt somit das Leid und die Hilflosigkeit, die Opfer von Beziehungsgewalt tagein, tagaus sowieso schon empfinden.

Mit diesen völlig falschen Argumenten, die vor allem den Täter in Schutz nehmen und den Opfern die Schuld an ihrer Situation in die Schuhe schieben, möchte ich heute aufräumen. Hier sind 10 Gründe, warum Menschen mir nicht glauben, dass mein Expartner gewalttätig war - und warum sie alle bedeuten, dass man mir Glauben schenken sollte.

1. Ich passe nicht in ihr Bild eines Gewaltopfers

Ich bin eine selbstbewusste und erfolgreiche Frau, die ihre Ziele verfolgt und ihr Leben trotz einiger Schwierigkeiten im Griff hat. Andere Menschen glauben nicht, dass Leuten wie mir Gewalt angetan wird. Vor allem nicht durch den eigenen Partner.

"Du wirkst nicht wie jemand, dem so etwas wirklich passieren könnte!", ist einer der schlimmsten Sätze, die man einem Gewaltopfer sagen kann. Es spricht uns das Leid, das wir erfahren haben, ab - nur aufgrund der Tatsache, dass in anderen Bereichen unseres Lebens die Dinge trotz Gewalterfahrung gut laufen.

2. Sie kennen meinen Expartner und trauen ihm Gewalt nicht zu

"Ich kenne die Person, der Gewalt vorgeworfen wird und weiß, dass sie so etwas nicht tun würde!" Ein Satz, der mich mitunter härter trifft als ein Schlag mit der Faust ins Gesicht. Bevor mein Exfreund mir gegenüber das erste Mal gewalttätig wurde, hätte ich niemandem geglaubt, der mir erzählt hätte, dass diesem Menschen öfter mal die Hand ausrutscht. Oder wäre zumindest davon ausgegangen, dass er sich inzwischen geändert haben muss.

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Die Wahrheit ist jedoch: Menschen, die Gewalt verüben, sind nicht zwangsläufig zu jedem böse oder wirken immer aggressiv. Nur, weil eine Person noch nie einem selbst gegenüber gewalttätig geworden ist und solche Taten bei Gesprächen darüber immer wieder auf das Schärfste verurteilt, heißt das nicht, dass sie grundsätzlich nicht zu Gewalt fähig ist.

3. Sie sind der Ansicht, dass zu Beziehungsgewalt immer zwei Menschen gehören

Wenn ich darüber spreche, was mein Expartner mir während unserer gemeinsamen Zeit angetan hat, suchen die meisten Leute den Grund dafür in mir. Sie gehen automatisch davon aus, dass ich Dinge getan haben muss, die auf irgendeine Art begründen, warum er zugeschlagen oder mich verbal erniedrigt hat.

Die wenigsten Menschen können sich vorstellen, dass der eigene Partner völlig grundlos ausrastet und solche Dinge tut. Viel eher suchen sie die Schuld für seine Ausbrüche bei mir, als seine Gewalttätigkeit zu verurteilen.

4. Sie haben bereits von meinem Expartner gehört, dass ich "verrückt" bin

Mein Expartner war groß im Gaslighting, und es ist kein Geheimnis, dass ich mich nach dem Ende der Beziehung in psychologische Behandlung gegeben habe, um die psychischen Folgen des ganzen Missbrauchs aufzuarbeiten.

Alleine die Tatsache, dass ich die Hilfe eines Psychotherapeuten angenommen habe, bestätigt sie in dem, was mein Exfreund ihnen bereits erzählt hat, während wir zusammen waren: Dass ich verrückt bin, unzurechnungsfähig und ständig Dinge sehe und höre, die in Wirklichkeit nicht da sind.

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Er bezeichnet mich als das typische "crazy ex-girlfriend", das es nur darauf anlegt, ihn zu zerstören und hat in vielen Fällen bereits zu Beziehungszeiten sichergestellt, dass ich als unglaubwürdig wahrgenommen werde.

5. Mein Expartner zeichnet sich selbst als das Opfer

Fragt man meinen Exfreund nach seiner Gewalttätigkeit, streitet er ab, dass er jemals zugeschlagen hat. Oder behauptet, es wäre nur Gegenwehr gewesen, weil ich ihn zuerst angegriffen haben. Er erzählt jedem, der es hören will, was für ein schlimmes Biest ich sei und wie ich ihn permanent misshandelt habe.

Er sei derjenige, der immer und immer wieder an Psychopathinnen geraten würde. Die Tatsache, dass er eine offene Kommunikation wann immer es ging mit tagelangem "Silent Treatment" blockiert und mittels Gaslighting Konflikte heraufbeschworen hat, auf die jeder normale Mensch irgendwann wütend reagiert, lässt er dabei grundsätzlich aus.

6. Ich spreche nicht schlecht von meinem Expartner

Im Gegensatz zu meinem ehemaligen Partner spreche ich nicht schlecht über ihn. Obwohl er Gewalt angewandt hat, sehe ich ihn nicht als Monster an, sondern als das, was er ist: ein Mensch, der Fehler gemacht hat. Wer mich nach ihm fragt, wird nicht zu hören bekommen, dass er ein mieses Arschloch ist, der Frauen schlägt und sie emotional auslaugt, bis sie nicht mehr wissen, wer sie sind.

Sondern, dass ich seine guten Seiten nach wie vor zu würdigen weiß, obwohl ich keinen Kontakt mehr zu ihm haben will. In den Augen vieler Menschen macht mich das unglaubwürdig. Sie können sich nicht vorstellen, dass man für jemanden, der einem das antut, was mein Exfreund mir angetan hat, überhaupt noch gute Worte findet.

7. Sie sind der Meinung, dass ich die Beziehung früher beendet hätte, wenn es wirklich zu Gewalt gekommen wäre

Bevor ich in dieser Missbrauchsbeziehung gelandet bin, konnte ich mir auch nicht vorstellen, wieso man bei jemandem bleiben würde, der einen misshandelt. Mir war immer klar, dass ich gehen würde, sollte mein Partner auch nur einmal die Hand gegen mich erheben. Oder mich auch nur als "Schlampe" titulieren. Ganz so einfach ist das aber nicht.

Die Gewalt, die mein Exfreund angewandt hat, war nicht immer laut und offensichtlich. Manchmal war sie leise, versteckt hinter Witzen, über die ich lachen musste. Tat er das nicht, bezeichnete er mich als "zu empfindlich". Häufig stritt er seine Gewalttaten auch so lange ab und behauptete, ich sei beim Schlafen aus dem Bett gefallen, dass ich am Ende nicht mehr sicher war, ob meine Erinnerung an seine Schläge und Tritte überhaupt korrekt war.

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Er versorgte die Wunden, die er mir zugefügte hatte, lachte darüber, wie "ungeschickt" es doch war, "immer über diesen Teppich zu stolpern" und schaffte es, dass ich seiner Wahrnehmung mehr glaubte als meiner eigenen. Dazu kommen etliche Monologe von ihm, dass mich sowieso kein anderer lieben würde, und es für mich deshalb keinen Sinn hätte, ihn zu verlassen. Tatsächlich konnte ich nicht gehen, weil er mich so lange geschwächt und manipuliert hatte, dass ich dachte, dass ich bleiben müsse.

8. Ich habe zu lange gewartet, bis ich mich das erste Mal jemandem anvertraut habe

Ich war bereits ein halbes Jahr aus der Beziehung raus, bevor ich meiner besten Freundin all die Vorkommnisse geschildert habe. Die Wahrheit ist: Ich hab mich so sehr vor mir selbst geschämt, dass ich einfach nicht darüber sprechen konnte.

Doch offenbar ist genau das - nämlich dass ich nicht bereits nach dem ersten gewalttätigen Vorfall zu jemandem gegangen und ihm davon erzählt habe - für die meisten Menschen der Beleg dafür, dass ich alles nur erfunden habe.

9. Ich habe keine Anzeige gegen meinen Expartner erstattet

Wenn ich meine Geschichte erzähle, weisen mich immer wieder Menschen auf die Unschuldsvermutung hin. "Dein Exfreund ist unschuldig, solange das Gericht ihn nicht bestraft hat. Ich glaube dir, sobald er verurteilt ist." Ich weiß gar nicht, was ich zu solchen Sätzen sagen soll. Außer, dass sie extrem schmerzhaft sind. Denn ich habe meinen Exfreund nie angezeigt, aus einer Vielzahl von Gründen, die einen für sich stehenden Text ergeben würden.

Hauptsächlich jedoch hab ich Angst vor seiner Rache. Denn ich weiß, wie unberechenbar er sein kann. Wie gut er lügen und jegliche Schuld von sich weisen kann. Wie er seit Jahren meine Glaubwürdigkeit untergräbt. Und alles, was ich zu meinem Schutz tue, benutzt, um mich zur eigentlichen Täterin zu machen, die ihn aus Rachsucht falsch verdächtigt.

10. Sie sehen mich nicht leiden

Ich leide bis heute unter der Beziehung und den Folgen, die sie für mich hatte. Mein Leid sieht mir jedoch niemand wirklich an. Für die wenigsten Menschen scheint es plausibel, dass ein Mensch, dem widerfahren ist, was mir passiert ist, noch feiern, lachen und zur Arbeit gehen können. Laut ihrer Meinung müsste ich den ganzen Tag nur Trübsal blasen und jedem auf die Nase binden, wie schlecht es mir doch ginge.

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Sie bekommen nicht mit, wenn ich Panik habe, denn ich bin äußerlich ganz ruhig. Wenn ich Veranstaltungen frühzeitig verlasse, gehen sie davon aus, dass ich einfach müde bin, weil sie die furchtbaren Flashbacks, die mich immer wieder einholen, nicht sehen können. Sie wissen nicht, dass ich nachts häufig nicht schlafen kann, weil ich Angst vor den Albträumen habe, die mich dann überkommen.

Sie erwarten, dass ich weinend zusammenbreche, wenn ich ihnen meine Geschichte erzählen - und sehen nicht, wie ich genau das tue, sobald ich meine Haustür hinter mir geschlossen hab. Sie sitzen nicht mit mir in Therapie. Und stehen auch nicht mit mir vor dem Spiegel, wenn ich Narben betrachte, die mein Exfreund hinterlassen hat und die nicht sichtbar sind, wenn ich bekleidet bin.

Der Beitrag erschien zuerst auf Amy & Pink.

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