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Fahrradfahren in der Stadt: Gegen die gemeinsame Unsicherheit

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Radfahrer sind rücksichtslos, sie schimpfen lauthals auf jeden Autofahrer, der ihnen nicht genug Platz lässt und sie missachten ständig die Regeln. Es gibt sicher einige, die das sofort unterschreiben würden.

Es geht aber auch anders herum: Autofahrer sind rücksichtslos, sie schimpfen lauthals auf jeden Radfahrer, der ihnen nicht genug Platz lässt und sie missachten ständig die Regeln. Auch das würden sicher einige sofort unterschreiben - je nach dem, ob sie passionierte Rad- oder Autofahrer sind.

Die meisten Menschen jedoch sind weder das eine noch das andere. Statistisch gesehen verfügen die meisten deutschen Haushalte über ein Auto und etwa zwei Fahrräder. Typisch sind weder Benzin im Blut noch Kampfradler. Typisch sind die Pragmatiker, die auf beide Verkehrsmittel setzen.

Man nutzt Rad und Auto gemeinsam und möchte sowohl mit dem einen wie dem anderen sicher ankommen. Das hat nur einen entscheidenden Haken: Unsere Straßen und Wege sind oft so angelegt und gebaut, dass von Sicherheit keine Rede sein kann.

Radfahrer fühlen sich unsicher, weil es keinen Radweg gibt und man ständig mit einer sich öffnenden Autotür rechnen muss. Und auch Autofahrern geht es nicht viel besser. Sie fürchten sich, zu wenig Abstand einzuhalten oder ein Rad beim Rechtsabbiegen zu übersehen. Eine echte Horrorvorstellung vieler Autofahrer ist es, mit einem Rad fahrenden Kind zusammen zu stoßen. Es hilft wenig zu wissen, dass man keine Schuld trägt, wenn jemand schwer verletzt wurde oder sogar tot ist.

Während Auto- und Radfahrer die Unsicherheit teilen, steht fest, wer bei einem Unfall stärker gefährdet ist. Die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Verletzung als Radfahrer ist viel höher. Oft bleibt deswegen das Rad nur die zweite Wahl - obwohl es vor allem in Städten oft viel schneller und auch bequemer sein kann.

Wir müssen deswegen etwas gegen das Unsicherheitsgefühl unternehmen. Autofahrer und Radfahrer wollen gut miteinander auskommen - und deswegen müssen wir beiden den Raum geben, den sie brauchen.

In vielen Städten gelingt das schon sehr gut, oft sind Straßen und Wege aber noch von der Verkehrspolitik der vergangenen Jahrzehnte geprägt, in denen Radfahrern kaum Raum gegeben wurde und sie gezwungen sind, sich zwischen Autos durch zu schlängeln oder gleich auf den Bürgersteig ausweichen und Fußgänger verschrecken.

Wenn wir Frieden auf unseren Straßen wollen, dann müssen wir Radfahrern dort Raum und Sicherheit geben, wo dies noch fehlt. Das kann uns gelingen, wenn wir die Begegnungspunkte von Rad und Auto auf ein Minimum reduzieren.

Dazu gibt es viele gute Ansätze. Oft hilft schon eine gut sichtbare optische Trennung und kluge Fahrbahnführung, damit sich Autos und Räder aus dem Weg gehen können. Radfahrer brauchen weder ein Bevorzugung gegenüber Autos noch autofreie Sonntage oder das Recht, bei Rot fahren zu dürfen. Das einzige was sie wirklich brauchen, sind vernünftige Radwege die als Gesamtnetz funktionieren. Darum muss sich die Politik kümmern und dafür sollte sie auch mehr Geld in die Hand nehmen.

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