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Europa hat ein Männerproblem

Veröffentlicht: Aktualisiert:
YOUNG MEN SYRIA
ARIS MESSINIS via Getty Images
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Der aktuelle Anstieg der Einwanderung nach Europa ist historisch einmalig. Schätzungsweise eine Million Migranten aus dem Nahen Osten und Nordafrika kamen allein im vergangenen Jahr. Diese Flüchtlingsbewegung löste eine massive humanitäre Krise aus und stellt die europäischen Regierungen vor ein massives politisches und moralisches Dilemma.

Ein entscheidender Punkt dieser Krise wurde bislang zu oft übersehen: Der Anteil von Männern, die unter den Flüchtlingen sind.

Unverhältnismäßig viele Migranten sind junge, unverheiratete Männer

In der Tat ist das Geschlechterverhältnis laut offiziellen Zahlen unter den Migranten extrem ungleich - wir reden hier von schlimmeren Verhältnissen als in China. Das könnte dazu führen, dass sich in bestimmten Altersgruppen in Europa das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Männern und Frauen radikal verändert.

Viele Regierungen, darunter die der USA, diskutieren derzeit darüber, wie viele Einwanderer man aufnehmen kann. Dabei sollten die Regierungen auch die Geschlechterverteilung unter den Migranten betrachten und ein Gleichgewicht herstellen.

Das mag ersteinmal sexistisch klingen, aber jahrelange Forschung hat gezeigt, dass von Männern dominierte Gesellschaften weniger stabil sind, denn sie sind anfälliger für starke Gewalt, Aufruhr und Misshandlung von Frauen.

In der Silvesternacht wurden in Köln Frauen von Männern "nordafrikanischer oder arabischer" Abstammung angegriffen. Es ist zwar noch nicht lückenlos aufgeklärt, ob die mutmaßlichen Täter Migranten waren. Aber die Angriffe könnten den politischen Entscheidungsträgern zeigen, welche Risiken eine männlich dominierte Einwanderungswelle mit sich bringt.

Warum sollten die europäischen Gesellschaften, von denen viele die weltweit höchsten Standards der Gleichberechtigung sowie der Stabilität und des Friedens haben, diese hart erkämpfte Form des Zusammenlebens gefährden?

Es ist verständlich, dass viele junge Männer Länder wie Afghanistan, Irak und Syrien verlassen: Männer werden in diesen Ländern häufiger als anderswo gezwungen, sich Milizen und Armeen anzuschließen und bei Kämpfen ihr Leben zu verlieren.

Das führt dazu, dass im vergangenen Jahr laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 66,26 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge, die in Italien und Griechenland registriert wurden, männlich waren.

Die Zahlen erscheinen im ersten Moment vielleicht gering, doch das sind sie nicht, besonders wenn man sich vor Augen führt, wer diese Männer sind. Es stimmt, dass viele männliche Migranten hoffen, dass sie Asyl erhalten und ihre Frauen und Kinder nach Europa holen. So würde sich das Geschlechterverhältnis wieder entspannen.

Doch mehr als 20 Prozent der Migranten sind Minderjährige unter 18 Jahren.

Die IOM schätzt, dass mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die nach Europa reisen, unbegleitete Minderjährige sind - 90 Prozent von ihnen sind Männer.

Wegen ihres Status als unbegleitete Minderjährige wird es für diese männliche Untergruppe schwer, Asyl zu erhalten. Sie bekommen keine Sondergenehmigung den Ehepartner einreisen zu lassen, zumal der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kürzlich entschieden hat, dass EU-Länder nicht verpflichtet sind, die Rechtmäßigkeit von Kinderehen anzuerkennen.

Wenn man sich den Fall Schweden ansieht, ein Land, das besonders transparent mit den Migrationsstatistiken umgeht, erkennt man, wie männlich dominierte Einwanderung bestimmte Länder beeinflusst und warum es sehr wohl Grund zur Sorge gibt.

Laut Statistiken der schwedischen Regierung von Ende November, waren 71 Prozent aller Asylbewerber Schwedens im Jahr 2015 männlich. Mehr als 21 Prozent aller Migranten in Schweden wurden als unbegleitete Minderjährige eingestuft, was mehr als der Hälfte aller minderjährigen Migranten entspricht. Für begleitete Minderjährige beläuft sich das Geschlechterverhältnis auf etwa 1,16 Jungen zu jedem Mädchen.

Aber für unbegleitete Minderjährige ergibt sich das Verhältnis von 11,3 Jungen zu einem Mädchen.

Mit anderen Worten: Der schwedische Fall bestätigt die IOM-Statistik, dass mehr als 90 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen männlich sind. Tatsächlich trafen im Jahr 2015 an jedem einzelnen Tag durchschnittlich 90 unbegleitete Jungen in Schweden ein - im Verhältnis zu acht unbegleiteten Mädchen.

Diese Zahlen sind ein Hinweis auf ein enormes Ungleichgewicht in Schweden. Bedenken Sie, dass mehr als die Hälfte der unbegleiteten Minderjährigen, die Schweden betreten, 16 oder 17 Jahre alt sind, oder zumindest vorgeben zu sein. (In Schweden gibt es keine medizinischen Checks, die das Alter einschätzen und Bewerber, die sagen, sie seien unter 18 erhalten eine besondere Behandlung während des Asylprozesses.) In dieser Altersgruppe sind mehr als drei Viertel unbegleitet und überwiegend männlich.

Basierend auf Berechnungen der Regierung sind in Schweden insgesamt 18.615 Männern im Alter von 16 und 17 Jahren im Laufe des vergangenen Jahres eingereist - im Vergleich zu 2555 Frauen der gleichen Altersgruppe. Diese Zahlen muss man natürlich zu den Zahlen der bereits existierenden 16- bis 17-jährigen Schweden addieren. Diese sind: 103.299 und 96.524.

Die internationale Datenbank Census Bureau's International Database zeigt, dass es so zu einer Gesamtzahl von 121.914 Männern in Schweden im Alter von 16 und 17 Jahren kommt sowie 99.079 Frauen der gleichen Altersgruppe.

Das sich ergebende Verhältnis ist erstaunlich. Die Berechnungen deuten darauf hin, dass es Ende 2015 wie folgt aussieht: Auf 123 16- und 17-jährige Jungen treffen 100 Mädchen im gleichen Alter.

Wenn dieser Trend auch 2016 oder sogar darüber hinaus anhält, wird jeder folgende Jahrgang der 16- und 17-jährigen in ähnlicher Weise verschoben sein. Im Laufe der Zeit wird diese Anomalie ein fester Bestandteil der jungen erwachsenen Bevölkerung in Schweden sein. (Hans Rosling, der schwedische Datenexperte, der die GapMinder Foundation ins Leben gerufen hat, schätzt die Änderung des schwedischen Geschlechterverhältnisses ähnlich ein.)

In China, das lange das weltweit unausgewogenste Land bezüglich der Geschlechterverteilung war, ist das Jungen-zu-Mädchen-Verhältnis ungefähr 117 zu 100. Schweden weist inzwischen ein ähnliches Verhältnis auf.

Das Ungleichgewicht in China entstand über einen viel längeren Zeitraum, und zwar schon bei den Geburten aufgrund starker Beschränkungen des Landes. In Schweden sind die Begebenheiten anders. Aber das Geschlechtsverhältnis junger Erwachsener ist wohl eine der wichtigsten Komponenten für soziale Stabilität.

Kanada ist das einzige Land, dass diese Entwicklung mit Sorge betrachtet. Konfrontiert mit einem ähnlich unausgeglichenen Geschlechterverhältnis unter Asylsuchenden kündigte die neue liberale Regierung von Justin Trudeau Ende November an, dass ab 2016 nur Frauen, begleitete Kinder und Familien aus Syrien akzeptiert werden.

Ausdrücklich ausgeschlossen werden unbegleitete minderjährige Jungen und erwachsene Männer, die alleine einreisen (es sei denn, sie sind Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft). In erster Linie werden ältere Teenager und junge erwachsene Männer ausgeschlossen.

Angst vor Terrorismus könnte auch Teil des kanadischen Kalküls sein, vor allem wegen der Übergriffe von Migranten in Europa und den Vereinigten Staaten. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden Terroranschläge von nicht familiär gebundenen, jungen erwachsenen Männern durchgeführt. Die meisten dieser Menschen sind unverheiratet und haben praktisch keine Kinder.

In der Tat rät der islamische Staat seinen männlichen Kämpfern angeblich dazu, keine Kinder zu bekommen, denn so sind sie eher bereit, Selbstmordattentate zu verüben.

Witwen von Selbstmordattentätern werden gezwungen, wieder schnell zu heiraten..

Aber Angst vor Terrorismus ist vielleicht nicht der einzige Grund, misstrauisch gegenüber stark ungleichen Geschlechtsverhältnissen unter jungen Erwachsenen zu sein. In unserem Buch stellen meine Co-Autorin Andrea Den Boer und ich dar, dass Gesellschaften mit extrem schiefen Geschlechterverhältnissen generell instabiler sind, auch ohne Jihad-Ideologie.

Zahlreiche empirische Studien haben gezeigt, dass Geschlechterverhältnisse signifikant mit Gewalt und Eigentumsdelikten korrelieren - je unausgeglichener das Geschlechterverhältnis, desto höher ist die Kriminalitätsrate.

Unsere Forschungen zeigen auch einen Zusammenhang zwischen Geschlechterverhältnis und der Entstehung von sowohl kriminellen Banden als auch regierungsfeindlichen Bewegungen. Wenn junge erwachsene Männer bei der Familiengründung scheitern - insbesondere junge Männer, die bereits aufgrund von Ausgrenzung psychisch labil sind, eine häufige Beobachtung bei Immigranten - verstärken sich die Missstände.

Es gibt auch deutlich negative Auswirkungen für Frauen in männerdominierten Populationen. Verbrechen wie Vergewaltigung und sexuelle Belästigung sind in stark maskulinen Gesellschaften häufiger, und die Fähigkeit der Frauen, sich frei und ohne Angst in der Gesellschaft zu bewegen wird beschnitten.

Darüber hinaus steigt die Nachfrage nach Prostitution. Das wäre ein zutiefst ironisches Ergebnis für Schweden. Die Schweden haben sich nämlich für die Abschaffung des Prostitutionsgesetzes ausgesprochen.

Europa kämpft für seine Frauenrechte. Einige europäische Regierungen bieten sogar Kurse für Migranten an, damit sie verstehen, wie die Behandlung von Frauen in ihrer neuen Heimat vonstattengeht. Aber auch mit dieser Anstrengung besteht das Potenzial eines echten Rückschritts, wenn das Geschlechterverhältnis sich weiter auseinander entwickelt.

In den Debatten über Migration geht häufig die Tatsache unter, dass sich die Frauen, die von ihren Männern in Krisengebieten zurückgelassen werden, in einer schrecklichen Situation befinden: In Flüchtlingslagern in Syrien oder der Türkei, in Jordanien und den umliegenden Ländern.

Frauen leben in Angst und Not, werden Opfer von Ausbeutung und Missbrauch.

Schwedens Außenministerin, Margot Wallström, spricht immer wieder von der "feministischen Außenpolitik" ihres Landes. Aber stimmt das wirklich?

Während die humanitären Bedürfnisse der Flüchtlinge in Europa immer an erster Stelle für uns stehen müssen, sollten die politischen Entscheidungsträger in Schweden und anderen Ländern auch die langfristigen Folgen einer beispiellosen Veränderung bedenken, die männliche Migranten auslösen.

Der kanadische Ansatz sollte sorgfältig geprüft, und vielleicht von anderen Ländern übernommen werden. Wenn die Geschlechtsverhältnisse in den Herkunftsländern der Migranten ausgeglichen sind, ist es dann nicht seltsam, dass wir überwiegend männliche Migranten akzeptieren?

Die Anthropologin Barbara Miller hat überzeugend argumentiert, dass ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ein "öffentliches Gut" ist und deshalb Staatsschutz verdient. Für Schweden - und jedes andere europäische Land - wäre es für alle Männer und Frauen eine Tragödie, das schlechteste Geschlechterverhältnis der Welt zu haben.

Valerie Hudson ist Professorin an der Bush School of Government and Public Service an der Texas A&M University und Co-Autor von The Hillary Doctrine: Sex and American Foreign Policy

Der Artikel wurde vom Englischen übersetzt. Er erschien ursprünglich auf politico.eu.

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