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An den Jungen, der Diskussionen immer mit "Ich bin kein Rassist, aber ..." beginnt

28/03/2017 16:51 CEST | Aktualisiert 28/03/2017 16:51 CEST
monkeybusinessimages via Getty Images

Du hast mich fluchen gehört, als mein Stift auf den Boden gefallen ist und hast dann deine Notizen unterbrochen, um ihn mir aufzuheben. Ich habe mich mit einem Lächeln bedankt, du hast zurückgelächelt und gesagt: "Kein Problem".

Als ich nicht in die Vorlesung gekommen bin, weil ich krank war, hast du mich einen Blick auf deine Notizen werfen lassen, damit ich mithalten kann. Du hast mir die Tür aufgehalten, wenn wir gleichzeitig aus der Uni gegangen sind. Ich schätze es wirklich, dass du mir ausgeholfen hast, wenn ich es gebraucht habe.

Aber ich weiß auch: dir wäre es egal, wenn man meine ganze Familie abschieben würde.

Ich weiß, wer du bist

Auf Facebook sind wir befreundet. Ich habe deinen Status gesehen - den über "die Mauer". Du teilst alle #AllLivesMatter - Posts. Du beginnst deine Kommentare mit: "Ich bin kein Rassist, aber ..."

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Von Zeit zu Zeit brichst du einen Streit mit anderen Studenten vom Zaun - da geht es dann darum, warum unregistrierte Flüchtlinge "einfach legal gemacht werden" sollen, dass die toten farbigen Männer "einfach auf die Polizisten hätten hören sollen" und dass man nie wissen kann, "welcher Flüchtling ein Terrorist ist und welcher nicht".

Jeden Tag gehe ich in die Geschichtsvorlesung, setze mich hinter dich und tu so, als hätte ich deine Kommentare nie gelesen. Ich, so wie jeder einer Minderheit angehöriger Student an überwiegend weißen Institutionen, habe mich dazu entschieden, einfach nicht zuzuhören.

Leider bist du nicht der einzige, der solche Dinge sagt - nicht an diesem Campus, nicht einmal in dieser Vorlesung.

Dieser offene Brief geht an jede rassistische Person, die jemals meinen Bleistift aufgehoben hat, "Gesundheit" gesagt hat, als ich niesen musste, mein "süßes Shirt" bewundert oder an meine Facebook-Pinnwand "Happy Birthday" gepostet hat. Kein Lächeln, kein Kompliment und kein Gefallen dieser Welt kann die Tatsache verdrängen, dass du mich und meine Familie eigentlich nicht in diesem Land sehen willst.

"Lässt du Politik eine Freundschaft ruinieren?"

Erstens, ja. Zweitens, hierbei geht es nicht um Politik, es geht um meine Existenz als farbige Person in diesem Land. Drittens, ja, ich werde das eine Freundschaft ruinieren lassen.

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Deine Freundlichkeit entschuldigt nicht deinen Rassismus. Hat sie nie und wird sie nie. Als ich jünger war, lies ich rassistische Kommentare durchgehen, weil ich Freunde haben wollte. Ich wollte nicht alleine beim Mittagessen sitzen. Ich wollte für das Kickball-Team im Sommercamp ausgewählt werden.

Immer wenn ich von Menschen umgeben war, die nicht so aussahen wie ich, war ich naiv genug zu denken, dass ich bei meiner Identität Kompromisse eingehen musste, um reinzupassen. Ich überzeugte mich selbst davon, dass die Mädchen mich mochten, wenn sie mich für ihr Team ausgewählt hatten.

Diese Mädchen mochten mich aber nicht. Ehrlich gesagt war ich nur eine schnelle Läuferin. Ich wurde älter und stellte fest, dass ich viel zu viel Zeit damit verbrachte, Menschen zu verteidigen, die mich niemals verteidigen würden.

Das ist nicht genug

Heute schmerzt mein Herz für alle braunen und schwarzen Mädchen auf dieser Welt, die sich selbst klein machen, damit sich ihre weißen "Freunde" wohl fühlen. Ich habe es satt, Kompromisse einzugehen. Ich werde nicht mehr über eure rassistischen Witze lachen. Ich werde nicht mehr mit euch befreundet sein nur damit ihr sagen könnt: "Ich bin nicht rassistisch, ich habe nämlich eine mexikanische Freundin."

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Ich werde mich nicht mit dir streiten, nur der Diskussion zuliebe. Ich werde weiterhin in der Vorlesung hinter dir sitzen wie jeden Tag. Und wenn sie vorbei ist, dann gehen wir wieder getrennte Wege.

Also, danke, dass du freundlich genug bist, mir kleine Gefallen zu tun, aber nur um das klarzustellen: Wir sind keine Freunde. Das ist nicht genug.

Liebe Grüße,

Das Mädchen, das hinter dir in der Geschichtsvorlesung sitzt. Und jedes andere braune Mädchen, das auch nur seinen Abschluss haben möchte.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post USA und wurde von Franziska Kiefl übersetzt.

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