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Was ich übers Leben lernte, als ein geliebter Mensch den Krebs besiegte

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GRANDMA
Caiaimage/Agnieszka Wozniak via Getty Images
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Als ich ein Kind war, konnte ich mit meiner Oma nicht viel anfangen. Ich würde nicht sagen, dass ich sie gehasst habe.

Ich kann nicht einmal behaupten, dass ich sie mochte oder nicht mochte. Sie war einfach da. Und ich wusste nicht, was ich mit ihr anfangen sollte.

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Einmal kamen meine Großeltern zu Besuch - ich dürfte damals vielleicht vier Jahre alt gewesen sein - und ich schrie: „Was macht ihr hier? Geht wieder!" Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Aber ich erinnere mich genau an den Moment.

Erst Jahre später, als ich schon erwachsen war, klärte mich meine Mutter auf, warum ich nichts mit meiner Großmutter anfangen konnte. Sie konnte nämlich auch nichts mit mir anfangen.

Mein großer Bruder war ihr erstes leibliches Enkelkind und sie vergötterte ihn. Mein Vater musste meine Großeltern oft sogar überreden, mich auch mitzunehmen, wenn sie meinen Bruder abholten und ins Schwimmbad oder in den Tierpark fuhren.

Dass sie vielleicht sterben hätte können, hatte ich irgendwie nie im Kopf.

Vielleicht spürte ich das als Kind und reagierte auf meine eigene sture und trotzige Art darauf. Unser Verhältnis verbesserte sich über die Jahre, aber ich würde nicht sagen, dass ich sie sonderlich gerne besucht oder sonntags zum Essen getroffen hätte.

Ich war 18 Jahre alt und in meinem Abschlussjahr im Gymnasium, als bei meiner Oma Brustkrebs diagnostiziert wurde - an beiden Brüsten. Ich war nicht sonderlich geschockt, als ich von der Diagnose hörte. Es war nicht einmal so, dass ich traurig war. Es war einfach so. Dass sie vielleicht sterben hätte können, hatte ich irgendwie nie im Kopf.

Den ersten Moment des tiefen Respekts meiner Oma gegenüber hatte ich, als sie vom Tag der Diagnose erzählte. Sie war im Krankenhaus mit Verdacht auf einen bösartigen Tumor und dann wurde ihr mitgeteilt, dass man ihr beide Brüste abnehmen würde und sie danach eine schwere Chemotherapie machen müsse.

Anstatt in Tränen auszubrechen, bestellte sie sich ein Bier.

Meine Großmutter grübelte in diesem Moment keine Sekunde. Sie akzeptierte das Schicksal sofort, war bereit, den Kampf aufzunehmen und sagte zu meinem Großvater: „In Ordnung. Fahren wir ins Wirtshaus und dann bestelle ich mir ein Bier."

Und das tat sie. Und ich feierte sie, als ich diese Geschichte hörte. Ich denke, ich bewunderte ihre pragmatische Herangehensweise. Anstatt in Tränen auszubrechen, bestellte sie sich ein Bier.

Von da an ging alles sehr schnell. Sie musste bald danach ins Krankenhaus, in einer langen Operation entfernten ihr zwei Ärzte die Brüste.

Ich war damals gerade im Prüfungsstress für meinen Schulschluss, doch als mein Vater mich bat, mit ihm mit ins Krankenhaus zu fahren, tat ich es. Vielleicht veranlasste mich die Pflicht dazu. Vielleicht war es aber auch der neu erworbene Respekt vor dieser Frau.

Als wir in ihrem Zimmer ankamen, saß sie aufrecht und munter im Bett. Die Schwestern und Ärzte kamen mehrmals vorbei, um nach ihr zu sehen und sie strahlte alle an, unterhielt sich mit ihnen und sprach ihre Dankbarkeit aus.

Heute würde sie eher sterben, als noch einmal eine Chemo durchzumachen

Sie fühlte sich fit genug, mit uns rauszugehen. Es war ein schöner Sommertag und wir saßen auf der Terrasse der Krankenhauskantine und aßen einen Eisbecher. Meine Großmutter fragte mich nach meinen bevorstehenden Prüfungen.

Ich empfand es als banal, ihr von meinem Prüfungsstress zu erzählen, wo ihr gerade eben beide Brüste abgenommen worden waren und ihr eine Chemotherapie bevorstand. Aber ich tat es.

Was danach folgte, waren die härtesten Monate im Leben meiner Großmutter. Sie sagt heute noch, wenn sie gewusst hätte, wie schlimm die Chemotherapie werden würde, hätte sie sich das nicht angetan.

Das heißt eigentlich, heute würde sie eher sterben, als das noch einmal durchzumachen. Das Bemerkenswerte ist aber, dass meine Oma das vielleicht danach immer gesagt hat - sie ließ sich aber währenddessen nie etwas anmerken. Sie hat noch nicht einmal geweint.

Sie entschuldigte sich oft dafür, dass sie nicht mehr so gut für uns kochen könne, weil sie ihren Geschmackssinn wegen der Chemotherapie verloren habe. Das hätte sie nicht müssen, für mich hat es nicht anders geschmeckt als davor.

Sie entschuldigte sich, bevor sie ihre Perücke vom Kopf nahm und die Glatze darunter zum Vorschein kam. Als später wieder ihre Haare wuchsen, freute sie sich sehr, dass sie nun endlich schneeweiße Haare hatte und sie nie wieder färben würde.

Sie erzählte mir, dass sie sich manchmal nicht mehr als Frau fühlte ohne Brüste.

Sie dachte keine Sekunde daran - zumindest nicht laut - dass sie eher sterben würde, als zur nächsten Chemo wieder ins Krankenhaus zu fahren. Sie fuhr einfach immer wieder hin.

Manchmal hatte sie schwache Momente. Sie erzählte mir einmal: „Das schlimmste an der Chemo ist, dass man schon währenddessen weiß, dass es einem zwei Tage später ganz schlecht gehen wird."

Danach konnte sie die Uhr stellen. Zwei Tage nach der Therapie konnte sie meistens gar nicht aufstehen. Am dritten Tag stand sie aber wieder und kochte für ihren Mann.

Sie erzählte mir, dass sie sich manchmal nicht mehr als Frau fühlte ohne Brüste. Anfangs trug sie noch einen BH mit Prothese. Heute lässt sie den ganz weg. Ich denke, sie hat das mit sich ausgemacht und akzeptiert, dass sie nun keine Brüste mehr hat - und trotzdem eine Frau ist.

Worüber sie sich während dieser Zeit am meisten Gedanken machte, war nicht der Tod. Es war das Leben nach dem Tod. Und zwar nicht ihres, sondern das meines Großvaters.

Sie hatte Angst, ihn alleine zu lassen. Dass er ohne sie nicht zurechtkommen würde. Lange dachte ich, das wäre falsche Aufopferung. Doch die Wahrheit kannte nur sie und jetzt habe ich sie auch verstanden: Sie ist die stärkere von beiden. Sie ist die, die ihn am Leben hält. Bis heute.

Sicherlich hat sie oft über das Sterben nachgedacht, aber sie hat sich einfach dagegen entschieden

Einmal erzählte sie, nicht einmal stolz, dass der Arzt zu ihr meinte: „Frau Resetarits, Sie sind eine sehr starke Frau" und sie antwortete, „Ja, was habe ich denn für eine Wahl?" Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass uns etwas verbindet - abgesehen von dem Fakt, dass sie meine Oma ist. Wir sind beide starke Frauen.

Sie hätte eine Wahl gehabt, aber sie hat sich für einen Weg entschieden und ihn durchgezogen. Sie wollte nicht aufgeben. Sie wollte leben - um ihretwillen, für ihren Mann, für uns. Und das hat sie ganz mit sich ausgemacht. Sicher hat sie manchmal gezweifelt, aber sie hat mit sich ausgemacht, zu kämpfen.

Mir wurde klar, dass ich deshalb nie davon ausgegangen war, dass sie stirbt, weil sie selbst nie davon ausgegangen war, dass das passieren könnte. Sicherlich hat sie oft darüber nachgedacht, aber hat sich einfach dagegen entschieden.

Ich weiß nicht, ob es diese Erkenntnis war, die meine Beziehung zu meiner Großmutter so verändert hat. Es war nicht einmal so, dass ich durch den Krebs mehr zu schätzen gelernt habe, dass ich sie habe.

Ich habe gelernt, dass ich Züge von ihr in mir trage.

Es ist vielmehr so, dass ich sie dadurch erst richtig kennen gelernt habe. Ich habe gelernt, dass sie ein Mensch ist, der Entscheidungen trifft. Der aber auch einmal zweifelt.

Ich habe auch gelernt, dass ich Züge von ihr in mir trage. Ich bin auch ein Mensch, der viel mit sich selbst ausmacht. Manchmal zu viel. Ich habe gelernt, etwas mit ihr anzufangen.

Seither zählt ihre Meinung so viel für mich. Sie überrascht mich immer wieder, wenn sie über andere Menschen, das Leben oder Gott spricht. Mir fällt heute viel stärker auf, dass sie ihre Meinung, ihren Glauben und ihre Überzeugungen vertritt. Für das einsteht, für das sie sich entschieden hat.

Als meine Großmutter offiziell als geheilt galt - bei vielen Krebsarten ist das nach fünf Jahren ohne Rückfall so - bedankte sie sich anlässlich ihres 80. Geburtstags bei allen Freunden und Familienmitgliedern für die Unterstützung während ihrer schweren Krankheit. Dabei begann sie zu weinen. Sie konnte die Dankesrede nicht einmal zu Ende sprechen. Es war das erste Mal, dass ich sie weinen sah. Und ich weinte auch.

Bis heute frage ich mich, ob es für sie einen Moment gab, an dem sie gelernt hat, etwas mit mir anzufangen. Oder ob sie es einfach nie hinterfragt hat. Ich war eben da. Und ich war während der schweren Krankheit da. Vielleicht war ich auch FÜR sie da, aber vor allem war ich einfach da. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich bin es noch immer. Doch jetzt nehme ich es bewusster wahr - und sie wahrscheinlich auch.

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