BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Uwe Kletscher Headshot

Angela Merkel und Martin Schulz haben die Alten und Armen schon aufgegeben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL SCHULZ
Getty
Drucken

Beim TV-Duell wurde viel diskutiert doch dem Thema "Soziale Gerechtigkeit" ist kaum die entsprechende Bedeutung beigemessen worden.

Wir älteren und die ärmsten Menschen unter uns haben bei dem Aufeinandertreffen von Angela Merkel und Martin Schulz eine untergeordnete Rolle gespielt.

Ich bin 52 Jahre alt und seit 13 Jahren arbeitsuchend. Ich bin als IT-Spezialist unterwegs gewesen; aber seit 2005 ist es mit Feststellenangeboten merklich zurück gegangen.

Jetzt beziehe ich Hartz IV und werde im Alter von Grundsicherung leben. Ob ich damit über die Runden komme, steht in den Sternen.

Weder Bundeskanzlerin Angela Merkel noch ihr Gegner Martin Schulz haben sich in ihrem TV-Duell mit dieser Frage beschäftigt, wie es mit Menschen wie mir weitergehen soll. Altersarmut oder Langzeitarbeitslosigkeit ist den Duellanten kein Wort der Diskussion wert gewesen.

Niemand interessiert sich für die Alten

Beim Thema Arbeitslosigkeit sprach Schulz lediglich die unter 25-Jährigen an. Mir ist klar, dass es auch jüngere Menschen auf dem ohnehin schon angespannten Arbeitsmarkt gibt, die einen Job oder Ausbildungsplatz finden wollen. Natürlich ist das eine Problematik, die ebenso angegangen werden muss.

Aber was ist mit den Alten? Wir sind schließlich auch noch da.

Mehr zum Thema: "Zu alt, zu faul, zu unerfahren": Seit 13 Jahren bin ich arbeitslos - der Staat hat mich schon lange aufgegeben

Die letzten Wahlen haben gezeigt: Der Einfluss der älteren Generationen hat auf das Wahlergebnis aufgrund höherer Wahlbeteiligung enorme Auswirkung.

Mehr zum Thema: 70 Jahre alt und 240 Euro Rente - ohne meinen 12-Stunden-Job könnte ich nicht überleben

Warum haben es die beiden Duellanten vermieden, die Generation 50+ ebenbürtig in das Gespräch mit aufzunehmen? Hat uns der Staat schon aufgegeben?

Geht es vordergründig darum, der jüngeren desinteressierten Generation eine politische Stimme oder am besten beide Stimmen abzugewinnen?

2017-09-07-1504783952-2794140-CopyofHuffPost3.png
Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

Mir scheint es manchmal so. "Keine Sorge, Herr Kletscher, ich lasse sie ab jetzt in Ruhe", waren die Worte meines Betreuers im Arbeitsamt. "Wir wissen selbst, dass ältere Arbeitslose schwer zu vermitteln sind." Jetzt, nach 13 Jahren Arbeitslosigkeit, muss ich keine Auflagen mehr erfüllen, um meine Hartz-IV-Bezüge zu erhalten.

Das allein zeigt: Das Problem ist in unserer Gesellschaft so tief verwurzelt, dass es anscheinend für Merkel und Schulz ein unbequemes und still zu akzeptierendes Thema darstellt. Weil sie selbst damit überfordert sind?

Die Rente sinkt und die Politiker sparen das Thema aus

Bei mir läuft nun alles so weiter, bis ich Grundsicherung bekomme. Und dann?

In den letzten Jahren wurden die Renten massiv gekürzt. Das Rentenniveau ist auch auf Grund von Eingriffen der Politik in die Rentenkassen gesunken und damit wurde allen arbeitenden Menschen mit Rentenanspruch etwas weggenommen - zu Unrecht.

Mehr zum Thema: Nach 51 Jahren Arbeit werde ich meinen Ruhestand in Armut verbringen

Die Entwicklungen des Rentenniveaus geben auch zu denken: Liegt es heute noch bei circa 48 Prozent, wird es den Berechnungen zufolge bis 2030 auf 43 Prozent sinken.

Es sollte sich dahingehend etwas ändern.

Doch Merkel und Schulz sparen das Thema aus.

Beim TV-Duell standen globale und selbst wirtschaftliche Themen, wie Flüchtlingspolitik, Dieselskandal und der Umgang mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Vordergrund.

Wichtige Themen - bei denen man sehen kann, das sich etwas an der Zukunft der Bewohner ändern soll, fanden keine Beachtung.

Ich finde: Wer Hilfe braucht, der soll sie in Deutschland auch bekommen. Aber Hilfe brauchen eben nebst Flüchtlingen, Dieselkäufer und Arbeitssuchende unter 25, auch wir, die Alten.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.