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"Zu alt, zu faul, zu unerfahren": Seit 13 Jahren bin ich arbeitslos - der Staat hat mich schon lange aufgegeben

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UNEMPLOYED GERMANY
Marcelo Del Pozo / Reuters
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In den vergangenen Jahren habe ich circa 600 Bewerbungen geschrieben. Von 80 Prozent der Firmen habe ich nie etwas gehört. Die anderen 19 Prozent meldeten sich mit einer Absage zurück. Das letzte Prozent hat mich zu einem Gespräch eingeladen. Doch dabei blieb es dann auch.

So ging das Monat für Monat, Jahr für Jahr. Inzwischen bin ich 52. Einen Job werde ich in meinem Leben wohl nicht mehr bekommen. Seit 13 Jahren bin ich arbeitslos.

Zu alt, zu faul, zu unerfahren

Bis 2005 war ich als Systemadministrator und Netzwerkspezialist angestellt. Auch im Ausland. Ich spreche Englisch und habe solide Kenntnisse in Französisch. Immerhin habe ich ein Jahr in Belgien gearbeitet.

Berufs- und Auslandserfahrung in der IT-Branche, Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch: Man sollte meinen, in unserer digital-vernetzten Welt hätte ich damit auf dem Arbeitsmarkt die besten Chancen.

Falsch gedacht.

Seit Jahren programmiere ich nur noch für mich allein. Jeden Morgen nach dem Aufstehen schalte ich als erstes meinen PC ein. Ich nutze sogenannte Einplatinen-Computer, denn diese sind billiger in der Anschaffung und verbrauchen weniger Strom als gewöhnliche PCs. Ich spare eben, wo ich kann.

Danach widme ich mich meinem Webserver. Ich pflege eine kleine Webseite mit selbstgeschriebenen Texten, eine Art Onlinetagebuch. So kann ich meinen Frust ablassen und bringe etwas Abwechslung in meinen sonst eher tristen Alltag.

Bis zu 16 Stunden verbringe ich am Tag vor dem Bildschirm, denn viele Bekannte und Freunde habe ich nicht. Die meisten leben in anderen Städten wie Hamburg oder Berlin. Um sie zu besuchen, müsste ich mir ein Zug- oder Busticket leisten und das ist als Hartz-IV-Empfänger so gut wie unmöglich.

Früher bin ich noch regelmässig ins Fitnessstudio gefahren. Doch die 50 Euro Mitgliedsbeitrag kann ich mir nicht mehr leisten. Für mich ist das einfach zu viel Geld.

Meine Betreuer vom Arbeitsamt haben mich inzwischen aufgegeben. Einer von ihnen meinte letztens zu mir: "Keine Sorge, Herr Kletscher, ich lasse sie ab jetzt in Ruhe."

Denn seit diesem Jahr muss ich keine Auflagen mehr erfüllen, um meine Hartz-IV-Bezüge zu erhalten. Bis 2017 schrieb das Arbeitsamt Köln noch genau vor, wie viele Bewerbungen ich monatlich rausschicken sollte. Dieses Jahr waren das genau Null. Anscheinend hat mich der Staat inzwischen aufgegeben, ich bin ein hoffnungsloser Fall.

"In die IT-Branche? In ihrem Alter?"

Mit 52 Jahren ist es hier zu Lande so gut wie unmöglich, einen neuen Job zu finden. Besonders wenn man bereits so lange arbeitslos ist, wie ich. Hat man ein gewisses Alter erreicht, dann kann man so gut ausgebildet sein, wie man möchte. Man findet keinen Job mehr.

Das ist Altersdiskriminierung - und in Deutschland ist sie bittere Realität.

2,7 Millionen Arbeitslose gibt es in Deutschland. Seit 12 Jahren sinkt diese Zahl, während jedoch die der Langzeitarbeitslosen - also der Menschen, die 12 Monate oder länger als arbeitssuchend gemeldet sind - ansteigt.

Nach offiziellen Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind das 39 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland, also fast die Hälfte. Die Gefahr in diesen Teufelskreis hineinzugeraten, ist für Menschen mittleren Alters besonders hoch.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Empfänger immer länger arbeitslos - schuld daran sind nicht sie selbst

Meine bisherigen Bewerbungsgespräche liefen immer alle gleich ab. Kurze Begrüßung, die üblichen Förmlichkeiten mit dem obligatorischen Blick in meinen Lebenslauf: "Herr Kletscher, in Ihrem Alter suchen Sie noch einen Job in der IT-Branche?"

Lese ich in einer Jobausschreibung Phrasen wie "junges dynamisches Team sucht ...", dann weiß ich sofort, dass eine Bewerbung in solch einem Betrieb aussichtslos ist. Die suchen Menschen unter 30.

2008 führte ich ein Bewerbungsgespräch für eine Stelle in einem Unternehmen mit "flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen". Der Personaler erklärte mir nach einem Blick in meinen Lebenslauf, dass eine Anstellung chancenlos sei. Ich bohrte nach und wollte wissen aus welchen Grund.

Schuld sei meine ehemalige Freiberuflichkeit. Man habe Angst ich würde dadurch die vorherrschende betriebliche Hierarchie untergraben; denn Integration in das Team sei für das Tagesgeschäft wichtig. Mein Angebot eine Woche Probe zu arbeiten, wurde desinteressiert abgewiesen.

Enttäusch bin ich danach wieder nach Hause gefahren und habe mich wieder vor meinen PC gesetzt. Mit jedem gescheiterten Gespräch sinkt die Motivation ein weiteres Stück.

Deutschland als Jobwunderland? Darüber kann ich nur lachen

Erst neulich las ich, Angela Merkel möchte sich in Zukunft um die eine Million Langzeitarbeitslosen in Deutschland kümmern. Viel Erfolg Frau Kanzlerin! Denn die größten Probleme sind gesellschaftlicher Natur bei der jede Politik deutlich versagt.

Das im Jahr 2006 erlassene Gleichbehandlungsgesetz, das Altersdiskriminierung ausschliessen soll, ist wie viele andere Vorhaben ein weiterer zahnloser Papiertiger.

Es sind die Vorurteile gegen ältere Arbeitslose, die verhindern, dass man uns ernst nimmt und uns überhaupt eine Chance gibt.

"Zu faul", "zu alt", "zu wenig Berufserfahrung" - genau das denkt ein Großteil der Personalverantwortlichen in Deutschland über uns. Für mich und tausende anderer Mitbürger ist das existenzbedrohend.

Nach 13 Jahren Hartz-IV verstehe ich den deutsche Arbeitsmarkt nicht mehr. Ständig liest man in der Zeitung, dass IT-Systemadministratoren stark gefragt sind und in jedem Unternehmen händeringend gesucht werden. Gleichzeitig sprechen Experten und Politiker ständig von einem "Fachkräftemangel".

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Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

Wenn ich das höre, dann fühle ich mich komplett verarscht. Die Industrie schreit nach Fachkräften, während Fachkräfte wie ich händeringend nach einem Job suchen. Ich kann das nicht nachvollziehen.

Klar, ich könnte versuchen, einen Beruf in einer anderen Branche zu ergreifen. Einige Bekannte meinen, ich soll doch als Kranken- oder Altenpfleger arbeiten. Die würden jeden nehmen.

Doch obwohl meine Situation aussichtslos erscheint - ich möchte keinen Job machen an dem ich kein Interesse habe. Mein Herz schlägt für die IT und das Programmieren - und ich weiß, dass ich gut darin bin. Immerhin code ich so gut wie jeden Tag.

Mehr zum Thema: Trotz boomender Wirtschaft in Deutschland: Immer mehr Berufstätigen droht die Armut

Je länger man aus einem Beruf raus ist, umso schwieriger findet man wieder den Anschluss. Ohne Berufserfahrung und trotz abgeschlossener Weiterbildungsmassnahmen bin ich auf dem deutschen Arbeitsmarkt wertlos.

Die Unternehmen müssen endlich ihre soziale Verantwortung als Arbeitgeber wahrnehmen und aufhören, Menschen aufgrund von Vorurteilen wie faules Obst auszusortieren.

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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