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Mekka f├╝r emotionale Erpresser

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Lewis Mulatero via Getty Images
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Wohl jeder, der im Bereich der sozialen Netzwerke (um zur Abwechslung mal einen Anglizismus zu vermeiden) unterwegs ist, kennt sie. Die besonders "guten" Menschen, die sich gerade um irgendetwas gro├če Sorgen machen, die eventuell selbst betroffen sind oder einfach nur schnell durch einen simplen Post die Welt retten wollen. Wir alle lesen mal mit mehr, mal mit weniger Anteilnahme und/oder emotionaler Best├╝rzung ihre Beitr├Ąge.

Da hei├čt es, "Jeder, der das liest und das ebenso sieht wie ich, muss dies nun Teilen!", "Jeder, der auch nur ein bisschen Herz hat, wird ..." oder "Ich kann mir schon denken, wer von meinen Freunden das liest wirklich xy machen wird ..." Diese Beitr├Ąge sehen f├╝r manche auf den ersten Blick total harmlos aus und da sie inhaltlich oft genug zustimmen, teilen sie sie gerne und beteiligen sich damit munter selbst an ... einer emotionalen Erpressung!

Oft geht es sogar so weit, anzudrohen, dass die b├Âsen, b├Âsen Leser, die nicht xy machen, selbstverst├Ąndlich umgehend von der Freundesliste entfernt werden. Schon interessant, dass jemand, der gerade im Urlaub ist und keine Lust auf soziale Medien hat, oder der durch die immer weiter umgreifende Willk├╝r der Seitenbetreiber, die Reichweite der Posts einzuschr├Ąnken, durchs Rost gefallen ist und den doch so ungemein wichtigen Beitrag gar nicht lesen konnte, sich pl├Âtzlich in der sozialen Isolation befinden soll. Von allen entfreundet - keine Internetfreunde mehr - ahhhh was muss ich f├╝r ein Loser sein!

Alle, die nun in Panik verfallen und schon anfangen, bitter zu bereuen, den letzten hundert emotionalen Erpressungen des heutigen Vormittags nicht entsprechend Folge geleistet zu haben, kann ich beruhigen: So gut wie nie werdet ihr von der Freundesliste gestrichen oder sonst wie ├Âffentlich ge├Ąchtet. Puh ... tief durchatmen: Nochmal gutgegangen, gerade so die Kurve gekriegt, dem SuperGau entkommen!

Wir leben heute in einer omnipr├Ąsenten medialen Welt. Egal welche Neuigkeiten es gibt, oder machmal muss es leider auch hei├čen, egal welche Falschmeldungen gerade lanciert werden, sie erreichen uns fast alle. Unser Smartphone verbringt deutlich mehr Zeit mit uns als unsere Partner und Kinder.

Egal ob man das nun gut oder schrecklich findet, es wird sich nicht ├Ąndern, zumindest auf absehbare Zeit. K├Ânnen wir bei dieser Informations├╝berflutung tats├Ąchlich auf jede einzelne Meldung eingehen? Dringen sie ├╝berhaupt alle in unser Bewusstsein? Nein, definitiv nicht, somit entgeht uns auch der ein oder andere Erpressungsversuch meist ohne irgendwelche Folgen f├╝r uns.

Was treibt jemanden an, einen solchen Erpressungsversuch zu starten?

Wir alle erpressen unsere Mitmenschen tagt├Ąglich mit unserem Verhalten und mit unseren Worten. Klingt schockierend, ist aber so! Viele sind sich dessen nicht einmal bewusst. Doch ist es etwas anderes, jemanden durch eine Mimik begreiflich zu machen, dass das eben Gesagte nicht meine Zustimmung findet und ich so meinem Gespr├Ąchspartner nahelege, noch einmal dar├╝ber nachzudenken, oder ich ihn direkt erpresse, in dem ich ihm mit einem m├Âglichst emotional gestalteten Beitrag klarmache, dass wenn er mir da nicht zustimmt, er ein schlechter Mensch und er somit meiner virtuellen oder gar realen Freundschaft nicht mehr wert sei.

Die urspr├╝nglichen Verfasser dieser Beitr├Ąge sind wohl oft selbst Betroffene, Menschen wie du und ich in schwierigen Lebenssituationen. Das Erstellen und anschlie├čende Bestreben seine eigenen Worte m├Âglichst weit zu verbreiten, soll meist der Beruhigung des eigenen Gewissens dienen, oft auch der eigenen Heilung. Meist ist es aber ein Schrei nach Aufmerksamkeit, ab und zu verbirgt sich sicher auch ein WebTroll dahinter. Was auch immer es ist, viel mehr interessiert mich die n├Ąchste Frage, denn die gibt dem Erpresser erst Nahrung.

Was treibt jemanden dazu, sich erpressen zu lassen?

Das Fatale an dem Ganzen ist wohl, dass die Wenigsten, die solch einen Beitrag bekommen, ihn ausreichend hinterfragen. Es ist nat├╝rlich toll, sich daf├╝r stark zu machen, dass nun mal alle, die irgendjemanden kennen, der an Krebs leidet oder jemanden kennen, der ein Bekannter ist, von jemandem der Krebs hat, also in ganz einfachen Worten - jeder von uns - f├╝nf Minuten inneh├Ąlt und all jenen Betroffenen dieser schrecklichen Krankheit gedenkt. Somit ist es sehr einfach und liegt nahe, einen solch emotional erpressenden Beitrag zu teilen!

Viele machen sich gar keine Gedanken und dr├╝cken den Teilen-Knopf nur allzu gerne. Dass sie selbst damit zu emotionalen Erpressern werden, wird teils billigend, teils verdr├Ąngend in Kauf genommen. Das beruhigende Gef├╝hl, etwas anscheinend Gutes geteilt zu haben, rechtfertigt die n├Ąchste emotionale Erpressung. So haben schon Kettenbriefe funktioniert und werden wohl auch niemals auf die rote Liste der aussterbenden Spezies kommen.

Ich pers├Ânlich wehre mich dagegen. Ja, ich gebe es zu, ich bin so dreist und lasse mich nicht erpressen. Egal von wem. Wann immer ich auch nur sinngem├Ą├č irgendwo ├╝ber den Teilsatz "Wer das nun liest und zustimmt, soll/muss ..." sto├če, wird der Beitrag ignoriert, ja ich versuche ihn sogar bewusst zu vergessen oder zu verdr├Ąngen. Erpressung ist nicht - zumindest nicht mit mir. Wenn die meisten so handeln w├╝rden, w├Ąre dieses leidige Thema schnell vom Tisch. Macht bitte alle mit und entzieht dem Mekka f├╝r emotionale Erpressungen das Futter - trocknet diesen Sumpf aus!

https://uwealexi.de/

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