Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Uwe K. Alexi Headshot

Die Buchhandlung von nebenan

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Es gibt sie noch: die Buchhandlung von nebenan. So eine, wie die aus meiner Kindheit, als ich an der Hand meiner Oma, des Öfteren den Laden in der Wiesbadener FußgĂ€ngerzone betrat. Ich erinnere mich so, als wenn es gestern gewesen wĂ€re. Es roch so schön nach BĂŒchern, die Regale waren riesig hoch, es herrschte ein reges Treiben.

Kunden wanderten mit ihren Augen von links oben nach rechts unten, nur um dann beim nĂ€chsten Regal wieder links oben anzufangen, immer darauf erpicht, nur kein interessantes Objekt zu ĂŒbersehen. Andere blĂ€tterten mit ernster, manche mit erheiterter Mine im Gedruckten, das sie vorsichtig in den HĂ€nden hielten wie rohe Eier. BĂŒcher sind etwas Kostbares und es ist ein Frevel, sie nicht sorgsam zu behandeln. Dieses Wissen war frĂŒher deutlich weiter verbreitet als heutzutage.

In einer Sitzecke machten Leseratten es sich gemĂŒtlich, die etwas lĂ€nger Zeit zum Verweilen hatten. Dazwischen BuchhĂ€ndler (meist „-innen"), die fĂŒr jeden Rat gerne zur Seite standen. Die gute alte Zeit!

An die meisten Exponate kam ich erst gar nicht ran, war ich doch nur etwas grĂ¶ĂŸer als ein laufender Meter. Und das war gut so, denn diese BĂŒcher wĂ€ren so gar nichts fĂŒr mich gewesen, und doch faszinierte mich stets die Vielfalt in den beeindruckend vollen SchrankwĂ€nden. Wenn ich groß wĂ€re, wĂŒrde ich eine riesige Bibliothek haben, so nahm ich mir vor.

Ich ging zielstrebig in die Kinderbuchecke und war in meinem Paradies. Auch wenn ich zu dieser Zeit schon wusste, mit welchem Buch ich (dank Omas großzĂŒgiger UnterstĂŒtzung) den Laden wieder verlassen wĂŒrde, stöberte ich nach Herzenslust in BĂŒchern, die schön aussahen, deren Titel mich interessierten oder deren Inhaltsangabe auf der RĂŒckseite ich spannend fand, sofern ich sie ĂŒberhaupt verstand (das Wort Klappentext kannte ich noch nicht).

Ich genoss, die Buchseiten umzublĂ€ttern und das unterschiedliche Papier zu fĂŒhlen. Mal war es glatt wie Butterbrotpapier, mal etwas rauer, mal dĂŒnn wie Pergament, mal dick wie richtiger Karton. Es war einfach nur schön und aufregend.

2016-06-26-1466969768-4198730-UKA_1062.JPG

Oma wurde in dieser Zeit von der netten BuchhĂ€ndlerin ĂŒber BĂŒcher informiert, die sie meist selbst gelesen hatte, oder von Empfehlungen ihrer Kunden her als besonders lesenswert erachtete. Wie Oma letztlich ihre Auswahl traf, erschloss sich mir nicht, ich war ohnehin viel zu sehr beschĂ€ftigt in meiner Ecke und war stets enttĂ€uscht, wenn sie mich viel zu frĂŒh abholte, da es angeblich Zeit zum Gehen war. Wie immer hatte ich einen neuen Band der Pitje Puk Reihe von Henri Arnoldus in der Hand und strahlte vor lauter Vorfreude auf meine spĂ€tere LektĂŒre wie Pumuckl nach einem gelungenen Streich.

2016-06-26-1466970169-7381068-WDVHerrKelkheim.jpg

Die Zeiten haben sich seit dem dramatisch geĂ€ndert. Viele Dinge, die damals schön waren, gibt es heute kaum noch und dafĂŒr sind wir selbst mitverantwortlich. Unsere InnenstĂ€dte sind Ă€rmer geworden, viel Ă€rmer. GefĂ€llt es jemandem, dass es inzwischen fast völlig egal ist, ob man gerade in Hamburg, ZĂŒrich, Frankfurt, Wien oder Berlin durch die FußgĂ€ngerzone geht? Ich kann mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen, denn mir geht dieser Einheitsbrei gewaltig auf den Senkel.

Überall die gleichen Shops der großen Ketten, Gleichmacherei allen Ortens, kaum noch individuelle kleine LĂ€den - wir haben sie fast alle sterben lassen. Manche Ladeninhaber haben auch nicht die Kraft und KreativitĂ€t gehabt, mit einer schier ĂŒbermĂ€chtig erscheinenden Konkurrenz mitzuhalten.

Und doch gibt es sie vereinzelt hier und da noch: die LĂ€den von nebenan. Und wisst ihr was? Wir haben die verdammte Pflicht, dafĂŒr zu sorgen, dass sie ĂŒberleben und uns weiterhin mit ihrer IndividualitĂ€t und tollen Beratung erfreuen, sonst wissen unsere Kinder bald nicht mehr, wie ein kleiner unabhĂ€ngiger Buchladen aussieht, wie er riecht, wie toll man dort stöbern und interessante GesprĂ€che mit den netten BuchhĂ€ndlern fĂŒhren kann.

Man ist dort keine Nummer, man ist kein anonymes Login, keine Trackingnummer, nein, ich bin Kunde, Mensch, Leser und GesprĂ€chspartner. Meine WĂŒnsche finden dort Gehör. Sind die BĂŒcher hier teurer? Nein, sind sie nicht. Brauchen sie lĂ€nger, um bei mir zu sein? Nein, denn wenn sie gerade nicht lagernd sind, so sind sie in der Regel am nĂ€chsten Tag schon da und das ganz ohne kostenpflichtigen Premiumaccount oder wie auch immer das heißt. Aber oft kann ich meine neuen SchĂ€tze sofort mitnehmen.

Hier kann man interessanten Lesungen lauschen und dem ein oder anderen Autor die Hand schĂŒtteln und signierte Exemplare bekommen. Geht das alles virtuell? Nein! Also lasst uns doch bitte wieder verstĂ€rkt lokal einkaufen, eure LebensqualitĂ€t und eure Kinder werden es euch danken!

www.uwealexi.de

2016-06-26-1466970248-2411869-BildOestrichBuchhandlungIdstein.jpg