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10 Dinge, die Angehörige eines depressiven Menschen tun können, um zu helfen

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Marga Frontera via Getty Images
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Ich bin depressiv. Wie oft habe ich diesen Satz mittlerweile schon gesagt? Und stets kam früher oder später die Frage eines Angehörigen, einer Freundin, eines Freundes oder Partners: Was kann ich tun, wie kann ich helfen?

Kennt man jemanden der betroffen ist, liebt man ihn sogar, passiert es allzu schnell, dass man annimmt, man müsse die Verantwortung für das Leiden und dessen Heilung übernehmen. Aber wie mein Therapeut es gegenüber meiner Frau so treffend formuliert: "Es ist nicht ihre Krankheit, es ist seine".

Natürlich ist es hilfreich, einen starken Partner an seiner Seite zu wissen. Aber niemand kann die Veränderung, die Verbesserung der Krankheitssituation erreichen, außer dem Betroffenen selbst. Was aber nun wären gute Ratschläge oder Verhalten für den Partner oder Angehörigen eines Betroffenen?

1. Akzeptieren Sie, dass es Ihrem Angehörigen schlecht geht

Wie oft habe ich Sätze gehört wie: "Das ist doch alles gar nicht so schlimm. Dem oder der geht es doch viel schlimmer als dir. Du hast doch alles".

Alles mag davon wahr sein, ist aber in der Tiefe einer Depression wenig bis gar nicht hilfreich. Es macht in der Tat sogar alles noch schlimmer, weil dadurch Schuldgefühle und weiteres Abrutschen in die Depression gefördert werden können.

Hier hilft reine Akzeptanz, das Erkennen, dass es dem Betroffenen schlecht geht und er oder sie Hilfe braucht.

2. Ermutigen Sie Ihren Angehörigen, sich Hilfe zu suchen

Ein schwieriger aber wichtiger Punkt. Gerade wenn die betreffende Person über einen längeren Zeitraum von mehr als zwei Wochen nur noch niedergeschlagen ist, ist es gut, wenn man sie zu einem Besuch beim Arzt ermutigen kann.

Das muss kein Therapeut oder Psychologe sein. Viele Hausärzte können eine Erstindikation leisten und zu entsprechenden Spezialisten überweisen. Und ist dieser eine Schritt erst einmal getan, ist die Wahrscheinlichkeit zumindest größer, dass auch weitere Hilfe angenommen wird.

3. Nehmen Sie Ablehnung nicht persönlich

Gerade in einer schlechten Phase der Depression zieht sich der Betroffene oft zurück, will niemanden mehr sehen, nichts unternehmen. Das bitte nicht als persönlichen Angriff interpretieren.

Die Depression hält einen in der dunklen Phase so im Griff, dass oft schon die kleinsten Tätigkeiten wie eine kaum überwindbare Hürde erscheinen. Hinzu kommen meist noch Schuldgefühle, weil man eben nicht funktioniert und das Unverständnis des weiteren Umfelds.

Mehr zum Thema: Die eine Sache, die Depressionen noch viel beschissener macht, als sie eh schon sind

Dieser Rückzug ist aber nicht persönlich gemeint und jeder Angehörige eines Betroffenen sollte sich vor Augen führen, dass dieses Verhalten zurückgedrängt wird in den besseren Phasen. Es ist die Krankheit, nicht die Person.

Wie jemand mit einem gebrochenen Bein nicht so einfach am Sport teilnehmen kann, kann ein Mensch mit gebrochener Seele nicht so einfach am Alltagsleben teilnehmen.

4. Geben Sie keine guten Ratschläge, sondern helfen Sie

Sparen Sie sich Ratschläge wie: "Geh doch mal raus", "Geh mal unter Leute", "Gönn dir doch mal was Schönes." Das alles würde ich in einer depressiven Phase gerne tun, aber es geht nicht. Und wenn ich es tue, dann ist es oft schlicht wirkungslos, was mich dann noch depressiver macht.

Was hilft ist, der betroffenen Person klar zu machen, dass man für sie da ist, WENN sie einen braucht. Aber nicht aufdrängen. Wird der Betroffene das Angebot annehmen, dann muss das Versprechen auch gelten, sonst wird er oder sie noch in dem Glauben bestärkt, nichts wert zu sein.

Aber wenn man als depressiver Mensch weiß, da ist jemand, der ist bereit zu helfen ohne zu werten, ohne so zu tun, als verstünde er, wie es ist, in einem tiefen depressiven Loch zu stecken, dann ist das eine wichtige Stütze im Kampf mit der Krankheit.

5. Nehmen Sie Suizidgedanken ernst

Das macht der doch eh nicht, habe ich mehr als einmal in Gesprächen über depressive Menschen gehört, die mit einem Suizidversuch drohten. Doch, das machen sie. Jede Äußerung in Richtung: "Ich kann nicht mehr, besser wäre es, ich wäre nicht mehr da", ist IMMER ernst zu nehmen.

Suchen Sie das Gespräch mit dem Betroffenen, manchmal kann schon das Ansprechen des Themas hier den Gedanken abschwächen aber sollten Sie in irgendeiner Form Bedenken haben, ziehen Sie bitte einen Fachmann hinzu. Einen Arzt, einen Psychologen. Allein ist diese Situation nicht zu bewältigen.

Mich haben zwei Mal in der Zeit meiner Heilung Polizisten zu Hause besucht. Warum? Weil ich auf Twitter so dunkel, so todessehnsüchtig getwittert hatte, dass meine Follower sich um mich sorgten und die örtliche Polizei alarmierten.

Lieber sucht man sich hier einmal zu oft Hilfe, um ein Leben zu retten, als die Gefahr abzutun mit: "Das macht der sicher nicht." Aber keine Panik. Nicht jeder Depressive ist eine einzige Suizidgefahr. Ein offenes Ohr schadet dennoch nicht.

6. Informieren Sie sich jenseits von Fachbüchern

Meine Frau sagte mir, dass für sie die hilfreichsten Bücher die Autobiographien depressiver Menschen waren. Denn darüber war es ihr möglich zu erfahren, was im Kopf eines depressiven Menschen vorgeht.

Und weil ich im Laufe meiner beinahe 6 Monate in Kliniken erkannte, dass es noch sehr viele Vorurteile gegenüber der Psychiatrie gibt, ist "Depression abzugeben" entstanden, in dem ich nicht nur meinen Suizidversuch dokumentiere, sondern insbesondere, wie einen die Kliniken und die Fachleute helfen können und was man dort erlebt.

Eine große Angst vieler psychisch Kranker ist das klassische Bild vom Irrenhaus, das es so aber schon lange nicht mehr gibt. Machen Sie sich schlau, empfehlen Sie dem Betroffenen eventuell, was auch Sie weitergebracht hat. Damit kann die Hürde zur Behandlung und damit Heilung kleiner werden.

7. Unterstützen Sie die professionelle Auseinandersetzung mit Medikation

Ich bin digital affin und nutze Apps wie MyTherapy , weil eben diese Software für mich Stimmungstagebuch, Medikamentenerinnerung und mehr war.

Gerade während der Behandlung ist die Medikationsüberwachung und Stimmungskontrolle sehr wichtig. Aber wenn der Betroffene nicht so technologisch affin ist, dann helfen sie mit anderen Erinnerern, anderen Methoden, die Medikation einzuhalten, die verordnet wurde, die täglichen Stimmungsprotokolle, die mir in meiner ersten Zeit in den Kliniken vor allem geholfen haben.

Helfen Sie da, wo eine Unterlassung die Krankheit verschlimmern kann. Aber nochmal, übernehmen Sie keine Verantwortung, die Sie auf Dauer nicht tragen können. Und auch wenn sicher alle möglichen Ratschläge für alternative Heilwege und Methoden auf den Betroffenen niederprasseln werden.

Am Anfang MUSS eine Diagnose durch einen professionell ausgebildeten Fachmann stehen. Sonst kann es zu fatalen Fehldiagnosen führen. Das hat bei mir Dank einer völligen Fehldiagnose durch einen fachfremden Arzt zu vier Wochen ohne jede sinnvolle Behandlung geführt. Auch wenn es immer mehr die Tendenz gibt, der Schulmedizin zu misstrauen.

Wir reden von einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Das richtige Medikament, die richtige Diagnose ist nichts, was man mal so eben macht. Protokolle, Gewährleistung der korrekten Einnahmehäufigkeit und Menge ist elementar. Experimente sind hier völlig fehl am Platz.

8. Haben Sie keine Angst vor der Krankheit

Nein, ich meine nicht die Angst vor Ansteckung. Das geht schon nicht, weil man sich nicht mit Depressionen anstecken kann. Ich meine die Angst vieler, dass ein depressiver Mensch gefährlich, nicht mehr er selbst, nicht mehr leistungsfähig sei.

Bis auf die ganz dunklen Phasen, die oft durch Vorurteile oder Unverständnis von außen ausgelöst wurden, war ich weiterhin leistungsfähig, für niemanden eine Bedrohung außer für mich selbst und immer noch der Uwe, den alle kannten, nur eben mit einer miserablen Stimmung. Ich sage immer: "Ich habe eine Depression, ich bin nicht die Depressionen".

9. Glauben Sie nicht alles, was in den Boulevardmedien steht

Ein Amoklauf, der Flugzeugabsturz der Germanwings Maschine, eine Messerattacke. Schnell sind die Medien dann mit der Diagnose "psychisch gestört" bei der Hand. Studien haben aber ergeben, dass in den meisten Fällen, in denen eine psychische Krankheit als Ursache kolportiert wurde, sie im Nachhinein in den seltensten Fällen wirklich Ursache war.

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Aber ein solch dummer Artikel, oder ein halb wahrer TV-Beitrag können für alle Betroffenen die Angst vor Stigmatisierung erhöhen, ebenso wie die Hürde sich helfen zu lassen.

Psychische Kranke sind nicht per se gefährlich. Aber sie werden medial sehr gerne so dargestellt. Mein Suizidversuch sollte meinem Umfeld helfen, in dem ich mich, die Last, entfernte. Hätte ich damals offener über die Krankheit sprechen dürfen beziehungsweise können, ich bin mir sicher, es wäre nicht so weit gekommen. Stigmatisierung kann tödlich sein.

10. Der wichtigste Ratschlag zum Schluss: Achten Sie auf sich selbst

Wie mein Therapeut schon sagte: "Es ist seine Krankheit, nicht Ihre." Führen Sie ein eigenes Leben, fühlen Sie sich nicht alleine für die Krankheit verantwortlich. Wenn es mal zu viel wird, es ist kein Makel, sich Hilfe von Profis wie Ärzten oder Therapeuten zu suchen.

Sie können als Angehöriger sehr schnell in einen Sog geraten, in dem Sie durch die Erkrankung ihres Partners oder Angehörigen selbst in einen Strudel geraten. Ihre eigene Gesundheit ist wichtig. Sie darf auf keinen Fall leiden.

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