BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ute Dröge Headshot

"Für diese Kinder ist das Busticket schon ein Luxus" - wie arme Familien in Deutschland leben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIDS DORTMUND
Ina Fassbender / Reuters
Drucken

In meiner Arbeit als Leiterin der sozialpädagogischen Familienhilfe der Diakonie Düsseldorf, begeistert mich am meisten die ambulante, die unmittelbare Arbeit mit den Familien.

Zu viele Familien leben in Armut, mein Team und ich helfen ihnen, sich selbst zu helfen. Ein großer Anteil sind alleinerziehende Frauen. Hierbei handelt es sich um einen sehr großen Risikofaktor für Armut. Eine Langzeiterkrankung ist auch ein häufiges Problem.

Auch mangelnde Bildung und Ausbildung kann zu Armut führen. Denn oft haben die Menschen auf dem Arbeitsmarkt keine Chance.

Der Alltag dieser Familien ist natürlich sehr unterschiedlich. Eines ist aber klar: Die Familien müssen wie alle anderen Familien auch ihren Haushalt führen. Die Kinder für den Kindergarten und die Schule fertig machen.

Beim Einkaufen ist der Unterschied, dass sie sehr oft auf Angebote und billige Lebensmittel zurückgreifen müssen. Außerdem werden in Düsseldorf häufig die Dienste der Tafeln in Anspruch genommen. Immer wieder finanzieren wir Kindern das Busticket. Für manche Familien kann das 35 Euro Monatsticket ein großes Problem sein. Die Zahl der Menschen, die diese Einrichtungen nutzen, steigt stetig an.

Sie können sich nicht einmal einen Schwimmkurs leisten

Das hat natürlich Konsequenzen für das Leben der Kinder. V Es fängt in der Schule an, wenn die Kinder sehen, dass andere coolere Sachen haben als sie. Das kann das Handy oder der Computer sein, aber auch andere Dinge, wie der Schwimmkurs, den Mitschüler in ihrer Freizeit besuchen, sie aber nicht, weil er etwa 100 Euro kostet.

Diese Kinder sind nicht so gut ausgestattet wie andere und werden daher auch anders behandelt.

Mehr zum Thema: Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht und Nahles tut nichts dagegen

Beobachten wir eine solche Entwicklung, läuft unsere Arbeit dann so ab: Das Jugendamt gibt uns einen Auftrag. Dann vereinbaren wir ein erstes Gespräch mit der Familie und dem Jugendamt, um festzulegen, was wir zusammen erreichen wollen.

Häufig geht es um Unterstützung bei Behördengängen und um das Ausfüllen von Formularen, so wie die Begleitung zu Behörden, Ärzten, Therapeuten, Schulen und Kindergärten, die Beantragung von Geldern, Kursen etc.

Brauchen die Eltern Unterstützung bei der Grenzsetzung gegenüber ihren Kindern, gibt es Fragen zur gesunden Ernährung oder zur Haushaltsführung? Wie sieht die Freizeitgestaltung der Kinder aus? Möchte das Kind bzw. der oder die Jugendliche in einen Sport- oder Musikverein? Braucht die Familie dafür finanzielle Unterstützung? Muss dafür ein Antrag gestellt werden?

Ich erlebe viele berührende Geschichten

Diese Fragen beschäftigen uns in der täglichen Arbeit. Unter anderem führen wir auch regelmäßig Gespräche mit einzelnen Familienmitgliedern. In den Ferien und auch an Nachmittagen werden erlebnispädagogische Angebote gemacht. Es besteht die Möglichkeit, dass Eltern und Kinder an Gruppenangeboten teilnehmen.

Wir können den Menschen so direkt helfen, daher erlebe ich in meiner Arbeit viele berührende Geschichten.

Da ist zum Beispiel das Kind, das strahlt, weil wir über eine Spende den "Wunschtornister" kaufen können. Die Familie, die an einer dreitägigen, erlebnispädagogischen Freizeit teilnehmen kann und sagt: "Das ist unser erster Familienurlaub."

Mehr zum Thema: Zuwanderung lässt Kinderarmut ansteigen - aber nicht so, wie ihr denkt

Da ist das Kind, das mit einer Spende den Schwimmkurs belegen kann und stolz sein "Seepferdchen"-Abzeichen zeigt. Die Mutter, die ich - Jahre nach der Familienhilfe - im Supermarkt treffe und die mir strahlend erzählt, wie gut es ihr mit ihren beiden Söhnen geht und wie hilfreich unsere Unterstützung war.

Der alleinerziehende Vater, der sich alle paar Monate telefonisch meldet und von der guten Entwicklung seiner Tochter erzählt. Wegen solcher Erlebnisse macht mir mein Beruf Spaß.

Wir brauchen mehr Unterstützung aus Politik und Gesellschaft

Wenn mich ein Fall sehr beschäftigt, habe ich Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich alles besprechen kann. Außerdem haben wir in regelmäßigen Abständen Supervisionen. Dort ist Raum für schwierige Situationen. Alles in Allem kann ich mir keinen anderen Beruf für mich vorstellen.

Obwohl es mir Spaß macht, in der Familienhilfe tätig zu sein und wir mit unserer Arbeit viel erreichen können, wünsche ich mir mehr Unterstützung aus Politik und Gesellschaft.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Es müssten mehr finanzielle Mittel für die Familien da sein. Es muss genügend Geld für die Arbeit mit Familien bereitgestellt werden. Alle Kinder sollten eine gleich gute Schulausstattung haben. Das Fahren mit öffentlichen Bussen und Bahnen sollte für Kinder frei sein.

Die Gesellschaft muss tolerieren, dass es Familien gibt, die von öffentlichen Geldern leben müssen, und sie nicht ausgrenzen oder als Schmarotzer beschimpfen.

Diese Familien versuchen das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, das Mindeste sollte es dann sein, sie nicht weiter auszugrenzen.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.