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Ich habe ein afghanisches Mädchen aufgenommen - und begriffen, was deutschen Kindern oft fehlt

12/10/2017 10:15 CEST | Aktualisiert 17/10/2017 08:28 CEST
Uta Allgaier

"Messer, Schere, Gabel, Licht, sind für kleine Kinder nicht!" Ich mag diesen Spruch nicht und halte ihn für falsch. Wie soll ein Kind lernen, damit umzugehen, wenn es diese Sachen nicht benutzen darf oder sich abmühen muss mit den zwar bunten, aber stumpfen und nicht funktionalen Varianten von Erwachsenen-Werkzeugen.

Sadia, unser afghanisches Gastkind, zeigt ein - für ihre sieben Jahre - unglaubliches feinmotorisches Geschick. Wir haben sie für mehrere Wochen bei uns aufgenommen, weil sie am Herzen operiert werden muss. Denn sie hat ein Loch in der Herzscheidewand.

Für diese Operation haben die Kliniken in Afghanistan weder die entsprechenden Fachärzte noch die technische Ausrüstung. Ohne den Eingriff aber würde sie die Pubertät nicht überleben.

Eine Hamburger Stiftung ermöglicht Kindern, die in Kabul untersucht wurden und für eine solche Operation in Frage kommen, hier behandelt zu werden. Weil die Eltern nicht mitreisen können, bringt ein Team aus Pflegern und einem Dolmetscher die Kinder aus Afghanistan nach Hamburg.

Die Zeit vor und nach der Operation verbringen sie bei Gasteltern. So ist Sadia zu uns gekommen. Was mich von Anfang an fasziniert hat: Sie ist unglaublich selbstständig.

Sie hat ihren Rucksack selbst repariert

Sadia schneidet Zwiebel aus der Hand über der Salatschüssel, hat ihren Rucksack selbst repariert, indem sie einen Bindfaden so lange doppelt gelegt hat, bis er stabil genug war, um das dicke Material zusammen zu halten.

An ihrem Schnuppertag in der Vorschule sah ich, wie sie irritiert einen Jungen beobachtete, der kaum eine Banane schälen konnte. Sie hatte am Morgen vorher einen Granatapfel zerteilt, die Kerne aus den Hälften geklopft und in geduldiger Feinarbeit im Wasserbad die Überreste der Fruchtkammern von den Kernen gelöst.

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An vielem merkt man, dass dieses Kind in Afghanistan viel im Haushalt hilft: Sie wäscht ab, schält, schneidet, knetet Teig wie eine Erwachsene.

Die Strickliesel (danke Frieda, für dieses Geschenk!) schien ihr bekannt zu sein. Als ich mich damit abmühte, den Wollfaden durch die Holzfrau zu fädeln, verlor Sadia die Geduld mit mir und nahm die Sache selbst in die Hand.

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In vielen Situationen ist die Körpersprache der kleinen Paschtunin eindeutig: "Geht mal zur Seite, Leute, ich zeige euch, wie man das richtig macht!"

Als sie gestern in einem ihrer T-Shirts einen Flecken entdeckte, ließ sie Wasser ins Waschbecken, seifte den Flecken ein, bürstete den Stoff mit unserer Nagelbürste, schwenkte und wrang das Shirt, sprang vom Hocker und hängte es im Keller auf den Wäscheständer, während ich oben im Flur stand und wartete, bis mir jemand half, den Mund wieder zuzuklappen.

Ich habe gelernt, sie nicht mehr zu unterschätzen

Inzwischen gebe ich ihr unsere schärfsten Messer, im Garten die Kantenschere, bei der Körperpflege das Nagelnecessaire und für den gemütlichen Abend das Gasfeuerzeug für die Kerzen. Ich habe nach und nach gelernt, sie nicht mehr zu unterschätzen. Denn das macht sie wütend.

Ihr glaubt nicht, welches Stimmvolumen in diesem kleinen Mädchen steckt. Wenn wir gar nicht kapieren, wie etwas zu laufen hat, wird sie laut. So laut, dass unsere Nachbarn meinten, sie hätten auch schon gehört, wie gut es ihr wieder ginge.

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Sadias Geschick rührt sicherlich daher, dass sie als eines von acht Geschwistern zu Hause viel mithelfen muss. Inwieweit sie dabei noch Kind sein kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich sehe aber, dass ihre Fähigkeiten hier ein großer Trost für sie sind.

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Erster Besuch im Einkaufszentrum, Schuhe und Puppe gekauft, Franzbrötchen probiert

Es tut ihr sichtlich gut, sich einzubringen. Wenn sie etwas mithelfen darf, singt sie die ganze Zeit. Ihr große Selbstwirksamkeit gibt ihr Kraft für die Zeit in der Fremde und für die riesige Anpassungsleistung, die sie zu vollbringen hat.

Liebe Eltern, ich habe eine Botschaft

Lasst eure Kinder von klein auf helfen, auch wenn es anfangs mühsam ist. Es zahlt sich aus für ihre Feinmotorik und ihr Selbstbewusstsein. Begleitet sie im Umgang mit scharfen Messern, Scheren und anderen Werkzeugen, die man von Kindern gerne fern hält.

Ein Großteil des Kinderspiels besteht in der Nachahmung und Erprobung erwachsenen Verhaltens. Wenn wir sie hauptsächlich in "Kinderreservaten" (Kitas, Schule, Kinderbetreuung in Geschäften und Hotels ...) halten, statt mit uns zusammen zu sein und zusammen etwas arbeiten zu können, nehmen wir ihnen wichtige Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Nehmt euch Zeit dafür.

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Ich finde es gerade sehr beglückend, was man mit einem Kind erleben kann, wenn man sich mal ohne Termine durch einen Tag treiben lassen kann: Hier etwas werkeln, dort etwas kochen, auf der Terrasse einen Tee trinken und in Büchern blättern, Fotos machen, den Gartenweg fegen. Immer fröhlich die Kinder etwas schaffen lassen!

Eure Uta

Seit 2005 sind in Hamburg auf Initiative der Stiftung "Herzbrücke" 157 Kinder operiert worden, die in Afghanistan aufgrund ihres Herzfehlers nur geringe Chancen haben, das Erwachsenenalter zu erreichen. Die Behandlung eines „Herzbrücke"-Kindes kostet zwischen 10.000 und 25.000 Euro und wird aus Spenden finanziert.

Wenn ihr in Hamburg lebt und euch vorstellen könnt, bei einer der nächsten "Herzbrücken" ein Kind für etwa 8 Wochen in eurer Familie aufzunehmen, könnt ihr euch melden bei:

Dr. Sabine Pfeifer, Albertinen-Stiftung, Tel.: 040/5588-2348, herzbruecke@albertinen-stiftung.de

Weitere Infos hier: www.albertinen-stiftung.de

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

Bücher der Autorin:

Doch. Erziehen kann leicht sein.

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Die Fibel der Gelassenheit: Das kleine ABC eines entspannten Familienlebens

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(lk)

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