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Warum wir alle rassistisch sind - auch wenn wir es nicht wollen

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Jeden Morgen fahre ich mit der Münchner U-Bahn zur Arbeit, die Bahn ist voll, es riecht muffig, die Pendler stehen und sitzen eng gequetscht aneinander. Eine Armlänge Abstand halten? Unmöglich.

Eine Station nach mir steigt ein arabisch aussehender Mann mit Vollbart und Aktentasche ein und stellt sich neben mich. Ich lehne jetzt an der Tür zwischen dem Mann und einer jungen Frau mit Kinderwagen.

Direkt ertappe ich mich, wie sich in meinem tiefsten Inneren ein mulmiges Gefühl regt. Verstohlen werfe ich einen Seitenblick auf den Vollbärtigen.

Ich bin wütend auf meine Gedanken

Ich werde wütend. Wütend auf mich selber, dass sich in meinem Kopf derartige Gedanken abspielen.

Rational betrachtet weiß ich, dass solche Emotionen Unsinn sind. Ein Vorurteil hat sich in mein Gehirn gebrannt, das ich in keiner Weise nachvollziehen kann.

Und dennoch: Einen Sekundenbruchteil hege ich die Überlegung, ob der Mann ein Terrorist sein könnte. Woher kommt das?

Wir haben alle die Bilder der Anschläge in Paris, Berlin und London gesehen

„Wir haben alle die Bilder der Anschläge in Paris, Berlin und London gesehen. Das löst starke Emotionen in uns aus. Wegen der islamistischen Hintergründe der Attentäter werden diese Bilder mit einer bestimmten Menschengruppe in Verbindung gebracht", erklärt mir Diplom-Psychologin Lisa Gutenbrunner.

Das bedeutet, ob wir es wollen oder nicht werden die Emotionen, die mit den Anschlägen verbunden sind, mit bestimmten Personenmerkmalen, sogenannten Hinweisreizen, assoziiert.

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„Selbst die ‚neutrale' Beschreibung solcher stereotyper Bilder verfestigt solche Assoziationen", so die Sozialpsychologin der Philipps-Universität Marburg.

Trotzdem fühle ich mich schlecht, weil solche Gedanken in mir aufkommen.

In unserer Verantwortung liegt es, wie wir mit solchen Assoziationen umgehen

„Dass wir diese Stereotype kennen und in Folge dessen bestimmte Merkmale entsprechende Assoziationen in uns wach rufen, ist erst mal ganz normal und nicht als gut oder schlecht zu bewerten. Eine Bewertung sollte erst an dem Punkt stattfinden, wo es darum geht, wie wir auf solche unmittelbaren Gefühle reagieren", erklärt Gutenbrunner.

In unserer Verantwortung liegt es, wie wir mit solchen Assoziationen umgehen.

Die Sozialpsychologin rät, sich immer bewusst zu machen, dass derartig verkürzte und verallgemeinerte Aussagen über Menschengruppen falsch sind: „Sie machen vielen betroffenen Menschen das Leben zu Unrecht sehr schwer".

Es bleibt also meine bewusste Entscheidung, wie ich damit umgehe - abgekoppelt von der unmittelbaren Reaktion.

Am besten ist es, sich von der Realität und damit in aller Regel vom Gegenteil überzeugen zu lassen

Am liebsten wäre es mir dennoch, wenn solche Gedanken gar nicht erst aufkommen würden. Doch wie kann ich das erreichen?

„Am besten ist es, sich von der Realität und damit in aller Regel vom Gegenteil überzeugen zu lassen, indem man sich näher mit verschiedenen Kulturen auseinandersetzt, den Kontakt zu Menschen anderer Kulturen sucht und damit eigene positive Erfahrungen sammelt", rät die Sozialpsychologin.

Morgen werde ich den ersten Araber, der mir begegnet, freundlich anlächeln. Ich bin mir sicher, dass ich ein freudiges Lächeln zurückbekomme.

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