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An den Mann an der Ampel, der mich fragte, ob ich Sex mit ihm will

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An den Mann an der Ampel, der mich gefragt hat, ob ich Sex mit ihm will:

Es ist Mittwoch 22.30 Uhr, ich bin auf dem Nachhauseweg von einem Abend mit Freunden, will einfach nur entspannt nach Hause radeln und fahre an der Münchner Theresienwiese vorbei. Eine denkbar schlechte Uhrzeit, denn es ist Ende September und gerade haben die Zelte ihre Pforten geschlossen und Massen an Oktoberfest-Besuchern strömen auf die Straßen.

Unter ihnen bist auch du, sichtbar betrunken. Du sprichst mich an, während ich an der Ampel warte, bis das Licht wieder auf Grün springt.

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"Hey, weißt du, wie ich zum Hauptbahnhof komme?", fragst du mich. Schon da hätte ich stutzig werden sollen. Denn das riesige richtungsweisende Schild "Hauptbahnhof" an der Kreuzung kann man eigentlich nicht einmal höchst alkoholisiert übersehen.

"Bist du keine Frau oder was ist mit dir los?"

"Da lang", sage ich zu dir und zeige nach rechts. "Und wo geht's zum Puff?", fragst du und ich antworte dir: "Das weiß ich nicht..." und will eigentlich weiterfahren.

Doch du willst mich nicht gehen lassen.

"Ich muss nicht in den Puff. Wir können auch zusammen um die Ecke gehen?", schlägst du vor.

"Nein", sage ich bestimmt. "Warum?", gibst du dich irritiert. "Weil ich keine Lust habe." "Wie du hast keine Lust auf Sex? Bist du keine Frau oder was ist mit dir los?", fragst du mich.

Ich werfe dir Wörter an den Kopf, die ich hier nicht niederschreiben möchte und fahre weg. Zum Glück wird die Ampel endlich Grün.

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Ich würde wirklich gerne von dir wissen: Was denkst du dir dabei, wenn du eine fremde Frau ansprichst und sie fragst, ob sie mit dir schlafen will? Einfach so, weil du gerade Lust hast.

Und wie kannst du auch noch die Respektlosigkeit besitzen, mir zu unterstellen, ich sei keine "richtige Frau", wenn ich das nicht möchte?

Ist sexuelle Belästigung alltäglich geworden?

Das Schlimme daran: Du bist nicht allein mit deinem Verhalten. Sexuelle Belästigung ist in unserem Alltag allgegenwärtig. Und das ist nichts Neues. Sondern das ist schon immer so.

Und um schon einmal vorab den Wutbürgern da draußen den Wind aus den Segeln zu nehmen: Der Mann, der mich belästigt hat, war kein Flüchtling, er war auch kein Deutscher mit Migrationshintergrund. Er war einfach nur ein deutscher Mann.

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Ich hatte Glück, mir ist körperlich nichts passiert. Was mich dennoch erschrocken hat: Ich stand nicht allein an der Ampel mit dem Mann. Um mich herum standen zahllose andere Menschen, jung, alt, männlich, weiblich. Ganz egal.

Ist Belästigung schon so alltäglich, dass sich niemand mehr darum schert und das als normal empfunden wird?

Das darf nicht sein.

Immerhin: Immer mehr Frauen zeigen sexuelle Belästigungen an. In Bayern beispielsweise ist laut Kriminalstatistik die Zahl der Vergewaltigungen in den ersten sechs Monaten von 2017 um 48 Prozent gestiegen. 222 mehr Fälle wurden angezeigt. Was nicht bedeutet, dass zwingend mehr Frauen belästigt wurden.

Denn zum einen ist seit November 2016 der Paragraph 177 verabschiedet worden, der den Grundsatz "Nein heißt nein" im Strafrecht verankert und damit die Bedingungen senkt, wann eine Tat als Vergewaltigung angezeigt werden kann.

Sexuelle Belästigung kann ständig jedem überall passieren

Zum anderen hat die öffentliche Debatte um sexuelle Belästigung seit geraumer Zeit zugenommen. Auch das könnte Betroffene ermutigt haben, sich bei der Polizei zu melden.

Und das ist auch gut so!

Und ja: Unter den Tatverdächtigen sind auch Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Aber es sind - je nach Bundesland und Stadt unterschiedlich - im Schnitt mindestens genauso viele Deutsche, wie die Statistik des Bundeskriminalamts zeigt.

Sexuelle Belästigung ist nichts Neues - es gibt sie schon viel zu lange.

Und es kann jeder Frau überall passieren. Egal ob in einer dunklen Ecke in Düsseldorf, am Ostbahnhof in Berlin oder an einer Ampel in München. Und viele schauen zu.

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