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An den erbärmlichen Wirt, der uns rausgeschmissen hat, weil wir nichts mehr trinken wollten

30/11/2017 12:18 CET | Aktualisiert 08/12/2017 10:01 CET
HuffPost

Endlich. Freitagabend. Wochenende. Weil die gemeinsame Arbeitswoche so anstrengend war, wollten wir Kollegen noch etwas trinken gehen. Also haben wir uns den ersten Glühwein des Jahres auf dem Weihnachtsmarkt gegönnt. Aber leider machen Weihnachtsmärkte viel zu früh zu. Also ab in die Eckkneipe. Und da warst du.

Am Anfang haben wir dich gar nicht gesehen. Es ist deine Kneipe, aber du hattest dich unter die gut gelaunten Gäste gemischt. In einer Kneipe, wie sie an jeder Ecke in Köln, Berlin, Hamburg oder eben München sein könnte.

Eine Kneipe, die Stil hat, weil sie keinen hat und es dort nicht um Schnickschnack, fancy Möbel, loungige Musik oder ausgefallenes Ambiente geht. Sondern einfach nur darum, mit Freunden an der Theke zu stehen und Bier zu trinken. Genau das haben wir getan.

Eigentlich wollten wir gar nicht so lange bleiben, aber dann haben wir uns so gut unterhalten, Bier getrunken, gelacht, die leeren Biergläser auf die Theke gestellt, weiter geredet und weiter gelacht und eigentlich wollten wir nach Hause. Aber es war so nett.

Das war's. Hiermit war der Abend für uns gelaufen

Nett war's aber nur, bis du plötzlich auf der Bildfläche erschienen bist. "Warum habt ihr kein Bier mehr?", hast du uns gefragt, nein angepöbelt von hinter der Theke. Mit müden Augen, verschwitzter Haut, grimmigem Blick.

Noch bevor wir auch nur dazu ansetzen konnten, dir zu antworten, hast du mit bebender Stimme hinterher geschoben: "Wenn ihr nur zum Aufwärmen hier seid, könnt ihr auch verschwinden! Draußen isses zwar kalt, aber da kann ich auch nichts für."

Das war's. Hiermit war der Abend für uns gelaufen. Vielleicht hätten wir uns noch ein Bier bestellt. Aber du hast dafür gesorgt, dass uns die Lust vergangen ist. Abend gelaufen, danke dafür.

War das dein Plan, ein paar junge Gäste so zu vergraulen, dass sie keine Lust haben, in nächster Zeit wieder vorbeizuschauen? Geht es deiner Kneipe im Gegensatz zu so vielen anderen, denen die Stammgäste wegsterben, noch besser? Ein Wirtshaus nach dem anderen macht in Deutschland dicht. Von mehr als 70.000, die das Statistische Bundesamt noch 1994 verzeichnete, gibt es heute weniger als die Hälfte.

Wie ein Typ, dessen Gäste seinen Lebensunterhalt garantieren, sich so unmöglich verhalten kann, war uns unerklärlich. Dein Verhalten war unmöglich, es machte uns wütend.

Dein Job kann die Hölle sein

Aber vielleicht ist das falsch. Vielleicht hattest du recht. Vielleicht konntest du auch nicht anders reagieren. Was du tust, ist mutig. Du hast deine eigene Kneipe eröffnet, vielleicht war es dein großer Traum. Aber das Geschäft ist hart. Und vielleicht läuft es gerade nicht gut. Mal wieder.

9-to-5-Job? Kennst du nicht. Am Ende des Monats Gewissheit, wie viel Geld auf deinem Konto landet? Hast du nicht. Nach der Arbeit noch etwas unternehmen? Kannst du nicht, weil deine Muskeln schmerzen, wenn du irgendwann ins Bett fällst.

Feierabend gibt es für dich ohnehin nicht. Dort, wo du arbeitest, verbringen andere ihren. Übers Wochenende wegfahren? Machst du nicht, weil du dann am meisten Geld verdienen kannst.

Dein Job kann die Hölle sein. Wenn dir deine Stammgäste von ihren Problemen berichten - wer gerade wieder Krebs bekommen, einen Menschen verloren oder Liebeskummer hat - dann nimmst du ihre Sorgen auch mit nach Hause.

Es gibt für alles Gründe. Sicher auch für dein Verhalten

Dass das belastend ist, zeigt auch eine Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Demnach haben Angestellte im Gastronomiegewerbe mit das größte Risiko, alkoholabhängig zu werden.

Aber der Grat ist schmal. Wenn sich ein Gastronom seinen Gästen gegenüber schlecht verhält, gehen sie beim nächsten Mal woanders hin. So einfach ist das. Du warst nicht nett zu uns. Du warst ziemlich unverschämt.

Es gibt für alles Gründe. Sicher auch für dein Verhalten.

Aber in deine Kneipe werden wir vermutlich trotzdem nie wieder kommen. Das ist deine Schuld.

Jeder muss sein berufliches Handwerk verstehen. Wenn ein Arzt bei der Operation pfuscht, interessiert auch niemanden, ob er gerade Probleme zuhause hat. Dann verliert er wahrscheinlich seinen Job.

Und wenn ein Wirt seine Gäste beleidigt, ist er sie los. Das Leben ist hart.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(jds)

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