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Erst als ich aus meinem Heimatdorf wegzog, verstand ich, was dort vor sich geht

22/11/2017 14:31 CET | Aktualisiert 22/11/2017 18:06 CET
Britus via Getty Images

Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben. Es geht um mein Zuhause, meine Heimat. Um den Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Ich habe mein Zuhause immer geliebt. Einen Ort zu haben, dem ich mich zugehörig fühle, an dem ich geliebt werde. Und doch weiß ich heute, dass ich nie wieder dort leben möchte.

Ich bin in einem 4000 Einwohner-Dorf irgendwo in Süddeutschland aufgewachsen, das an eine 120.000 Einwohner-Stadt grenzt. Und überall dort habe ich Hass erlebt. Euren Hass. Eure Wut, euren Unmut, eure Skepsis. Und das fast täglich.

Nur war mir das als Kind nicht bewusst. Auch später als Teenager hab ich es noch nicht richtig verstanden, sondern oft einfach nur akzeptiert und zugehört.

"Ja das sind unsere Dorf-Bimbos"

"Alleine solltest du nicht in die Fußgängerzone gehen, da hängen immer so Ausländer-Gruppen rum, das ist zu gefährlich", habt ihr gesagt.

"Habt ihr gesehen, wie der gerade mit seinem 3er BMW rumgeheizt ist? Das war bestimmt ein Kanake!", habt ihr geschimpft.

"Ja das sind unsere Dorf-Bimbos, sie sind die einzige afrikanische Familie hier. Das ist immer total lustig, wenn die auf dem Weinfest rumlaufen, dann fallen die total auf und alle gucken", habt ihr erklärt.

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"Unsere Nachbarn, also die Russen, die sind echt nett, und ich habe ja auch nichts gegen Ausländer oder so, aber wie lange die abends ihre Kinder draußen spielen lassen...", habt ihr erzählt.

"Schwarze sind eben eher handwerklich begabt", habt ihr gefachsimpelt.

Während ich immer älter wurde, habe ich mir viel zu lange nichts dabei gedacht. Es war ja völlig normal bei uns im Dorf.

Niemand wollte wissen, wo irgendwer herkommt oder warum irgendjemand so gut Deutsch spricht.

Dann bin ich weggezogen, in eine größere Stadt. Habe angefangen zu studieren und angefangen zu verstehen. Und plötzlich bin ich auf Weltoffenheit, Akzeptanz und Respekt gestoßen.

An der Uni saßen Studenten unterschiedlichster Kulturen mit unterschiedlichstem Migrationshintergrund nebeneinander und waren Freunde, liefen Händchen haltend durch die Innenstadt.

Niemand wollte wissen, wo irgendwer herkommt oder warum irgendjemand so gut Deutsch spricht.

Alle wollten wissen, welche Hobbys die anderen hatten, wo sie schon überall hingereist waren, was sie mit ihrem Leben planten.

Und plötzlich habe ich verstanden, wie viel Rassismus, Diskriminierung und Ablehnung in euren Aussagen und Ansichten steckt, liebe Dorfbewohner.

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Also habe ich - wenn ich mal wieder zu Besuch war - versucht, euch zu erklären, was falsch ist an dem, was ihr sagt und wie ihr es sagt. Aber ihr habt mich einfach nicht verstanden.

"Ich hab doch gar nichts gegen Ausländer!", habt ihr gesagt.

"Aber die sind doch aus Afrika, warum darf ich das nicht sagen?", habt ihr mich gefragt.

"Aber es sind doch echt immer die Türken, die da rumlungern und Leute anpöbeln", habt ihr euch verteidigt.

Ich habe irgendwann einfach aufgegeben

Ich habe euch gefragt:

Warum nennt ihr den einen Nachbarn Herr Müller - und den anderen Nachbarn nicht beim Namen, sondern Araber, Türke oder Russe, nur weil dessen Eltern in einem anderen Land geboren sind?

Stellt euch mal vor, ihr wäret die einzigen Weißen in eurem Dorf. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn alle darüber reden würden, dass ihr anders seid?

Was würdet ihr denken, wenn jemand zu euch sagt, dass ihr bestimmt ein guter Friseur seid, weil ihr blonde Haare habt?

Ich habe es immer wieder versucht. Aber ich habe gegen eine Wand angeredet und irgendwann einfach aufgegeben und akzeptiert, dass die Stigmatisierungen und Vorurteile tief in euch drin sitzen und ich es nicht schaffe, sie da herauszuholen.

Also wurde ich irgendwann einfach still und beschloss, dass meine Heimat kein Ort mehr ist, an dem ich leben möchte. Ich wollte nicht mehr an einem Ort sein, an dem "Andere" etwas Schlechteres oder Wertloseres sind, nur weil sie nicht so sind wie ihr, das vermeintlich "Normale".

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Die Sache ist: Ich kann es euch gar nicht übel nehmen, dass ihr seid, wie ihr seid. Wie sollt ihr auch weltoffen sein, wenn ihr es nicht anders kennt? Wer nie weg war, nie seine Heimat verlassen hat und nie die große weite Welt sehen wollte oder konnte, der kann vielleicht gar nicht anders.

26 Prozent der Deutschen wohnen ihr ganzes Leben lang dort, wo sie aufgewachsen sind, 30 Prozent im Umkreis ihres Geburtsorts, zeigen Studien. Gleichzeitig wird der Fremdenhass in ländlichen Regionen immer größer, hat das Landeskriminalamt beispielsweise in Bayern festgestellt. Wo am wenigsten Fremde leben, ist der Hass auf sie am größten.

Ich sollte einfach froh sein. Froh darüber, dass ich eine behütete Kindheit auf dem Dorf erleben durfte, mit viel Liebe, Unbeschwertheit, Natur und Draußensein. Aber nicht für immer. Weil meine Eltern mir später auch gezeigt haben, dass es sich lohnt, die Welt entdecken zu wollen.

So konnte ich Menschen von überall her begegnen. Verstehen, wie sie denken. Und lernen, dass sie alle genauso viel wert sind wie ich und die Menschen aus meinem Dorf.

Vielleicht hatte ich einfach Glück.

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