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So gefährlich ist der türkische Wahlkampf für Kinder und Jugendliche in Deutschland

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NRW UNTERRICHT
Dpa
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Die aktuellen religiösen und politischen Entwicklungen spalten Menschen.

Vor allem Kinder werden von der Stimmung beeinflusst.

Wie kann man sie davor bewahren? Eine schwierige Frage, der ich nachgehen möchte.

Ideologien, Lagerdenken und Machtkämpfe auf Kosten von Religion und Politik spalten alle Menschen. Kinder und Jugendliche stecken mitten in diesem Machtkampf und das nicht nur aufgrund von Facebook und Medien.

„Wer sitzt in welchem Lager?" "Wo gehen Deine Eltern beten?" "In welcher Moschee bist Du am Wochenende?" Fragen, die nicht seit gestern zwischen türkischstämmigen Kindern und Jugendlichen diskutiert werden. Medien tragen diese Schuld nicht ganz alleine.

Für die Spaltung der türkischstämmigen Bürger, sollte man nicht nur eine Gruppe oder eine einzelne Personen verantwortlich machen. Vielmehr sollten wir uns auch alle selber an der Nase packen.

Wer "Recht" hat, ist völlig nebensächlich

Ein Schüler fragte mal: „Was ist eigentlich das Ziel, wenn alle Seiten hetzen? Hat das überhaupt noch mit dem Islam zu tun?"

Diese Fragen sollten sich auch die Großen stellen, denn Hetze hat viele Folgen. Kinder und Jugendliche dürfen sich ihre Freunde nicht selbst aussuchen. Es ist wichtig, in welcher Gemeinde, die Eltern engagiert sind. Familien streiten tagtäglich, weil ideologische und soziale Netzwerke der einzelnen Gemeinden, Gruppen oder Lager Vorrang haben.

Das läuft dann unter dem Motto: Erst die Ideologie, dann die Freunde der Ideologie, dann die Familie. Die Meinung einzelner „Anführer" werden in der islamischen Theologie mit den primären Quellen vertauscht und oft ersetzt.

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Kinder und Jugendliche wachsen mit Fragezeichen auf und das kritische Denken wird nicht geduldet, vor allem darf man keine „Anführer" in Frage stellen. Kritik führt nur zu Ausgrenzungen innerhalb der Community.

Unter den Jugendlichen geht es dann darum, wer die „Wahrheit" sagt und wer nicht. Sachliche Diskussionen können selbstverständlich nicht geführt werden, da aktuell politische Themen bei den Meisten im Fokus stehen und das Umfeld der Kinder dementsprechend aufgebaut ist.

Blick auf die aktuelle Situation

Das Paradoxe in der Bundesrepublik Deutschland ist, dass alle dafür werben und „warnen", dass außenpolitische Umstände in Deutschland nichts zu suchen haben. Doch in der Realität sieht es nicht so aus. Viele Deutschtürken, die sich aktuell gerne in der Opferrolle sehen, mischen seit Jahren aktiv in der Politik mit. Sowohl hier, als auch in der Türkei.

Mehr zum Thema: An alle Deutschen, die "Ausländer Raus!" fordern: So viel würde es euch kosten, mich loszuwerden

Gleichzeitig schwören sie hoch und heilig, dass sie mit der Politik nichts am Hut haben. Jahrelang fehlende Transparenz kann auch keine Publikation mehr aus der Welt schaffen.

Bekannte Politiker hetzen fleißig weiter und das Ziel ist jedem kein Rätsel mehr: offensive Spaltung.

Selbst titulierte liberale Deutschtürken wirken nicht seit gestern in der türkischen Politik mit. Eine bestimmte Partei kann nicht von alleine wachsen und so mächtig werden. Da waren mehr als nur die „eigenen" Leute aus der einen Gruppe am Werk.

Sie wählten fleißig ihre Lieblinge, weil Befehle von Oben dies für richtig erklärten. Plötzlich läuft es nicht mehr so, wie sie es sich wünschen, die obere Etage kippt und alles ist auf einmal böse und nicht mehr demokratisch.

Jetzt heißt es: schließt alle DITIB Moscheen, die DITIB ist kein Ort für Spionage, Hetze und Politik!

Dass solche Umstände natürlich nicht zu entschuldigen und tolerieren sind, muss in keiner Weise erwähnt werden.

Aber trotzdem gehen seit über 40 Jahren ältere Damen und Herren in die Moscheegemeinden, haben dort ihre sozialen Netzwerke aufgebaut und sind in verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen erfolgreich etabliert.

Soll der „Hadschie" (umgangssprachliche Bezeichnung für einen älteren türkischstämmige Herren) von nebenan, der vor 40 Jahren nach Deutschland kam und seinen Tee in der Moschee trinkt, sich ehrenamtlich in den Gemeinden engagiert, plötzlich zuhause bleiben und sich nicht mehr einbringen?

Auch Kinder und Jugendliche finden in den Moscheen religiöse und soziale Zugänge, die ihre Entwicklung prägen. Klar ist auch, dass politische Themen in keiner Moschee erwünscht sind. Darüber sollte nicht gesprochen werden und ich kritisiere jede Art von Intransparenz, ob in Moscheen oder Bildungseinrichtungen.

Kinder sollen unbeeinflusst aufwachsen

Jedoch sollte darüber gesprochen werden, ob überhaupt diverse politische Themen in der Nähe von Kindern und Jugendlichen erwünscht sind. Eigentlich sollten doch sie und ihre Entwicklung im Fokus stehen.

Es gibt genug Heranwachsende, die mit diesem Thema nichts mehr zu tun haben wollen! Sie möchten in Frieden gemeinsam leben ohne sich ständig darüber zu streiten, wer aus welchem Lager denn Recht hat.

Wer also ein wirkliches Interesse an der Entwicklung von türkischstämmigen Kindern und Jugendlichen verfolgt, sollte die Energie auch präzise dafür nutzen.

Mehr zum Thema: Blind, Muslimin, erfolgreich: "Der Islam hat mir die Augen geöffnet"

Dafür gibt es tausende Möglichkeiten: Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche anbieten, ganz egal welcher Religion, Kultur oder Ethnie. Mit ihnen reden, sie begleiten, aber sie nicht biegen und formen!

Für sie da sein, aber aus dem Herzen und nicht nur, weil es die höhere Etage möchte. Ihnen dabei helfen, sich zu entfalten.

Denn was aus Herzen kommt, kommt auch bei Herzen an.

Das klappt ganz gut ohne politische oder ideologische Interessen und Hasspredigten.

Wir leben in Deutschland und können uns auch in der deutschen Politik engagieren.

Für unsere Heimat und unsere Zukunft dürfen persönliche Machtinteressen keinem Kind in Deutschland schaden.

Kindern helfen

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