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Muslime sprechen oft über Rassismus. Dieser entsteht jedoch schon oft innerhalb ihrer eigenen Kultur

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SALAFISTEN
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Mit dem Finger auf andere zeigen, ist immer einfach.

Es ist jedes Jahr dasselbe. Jedes Jahr taucht ein Fanclub von Herrn Sarrazin oder anderen "Intellektuellen" auf. Eine Zeitlang war es der "Genexperte" selbst, heute ist es die AFD, die versucht, Menschen zu spalten.

Deutschland ist multikulturell, das müssten nun auch die meisten soweit verstanden haben, auch, wenn die Gesellschaft 40 Jahre zu spät dran ist, was das praktische umsetzen vom Lieblingswort der Bundesrepublik Deutschland „Integration" angeht. In der ersten Generation der Gastarbeiter ist das Experiment „Integration" wohl gescheitert, doch jetzt hat auch die Gesellschaft dazu gelernt, kein Thema ist so heiß begehrt wie die Flüchtlingskrise.

Wenn Muslime öffentlich über Rassismus klagen, entsteht oft eine Interessendebatte um die Kritikfähigkeit des eigenen Glaubens. Wir Menschen hinterfragen viel zu wenig, nehmen Gedachtes einfach so hin und interpretieren wie die Weltmeister.

Wieso müssen Kinder unter so einem Rassismus leiden?

Jeder spricht darüber, wenn eine andere Kultur oder ein anderer Glaube den Islam angreift, doch keiner redet darüber, wenn es die eigenen Subkulturen machen. Und davon gibt es wie im Christentum auch im Islam eine Brandbreite an Angeboten. Ich merke es selbst im Unterricht. SchülerInnen mit türkischer Migrationserfahrung diskutieren schon darüber, welche "Glaubensethnie", die wahrhaftige ist, wo ihre Eltern aktiv sind und welche Ethnie die totalen "Loser" sind.

Die eine Gruppierung hält Distanz zur Anderen, die nächste Gruppe öffnet einen Raum für Hetzerei. Und alles wohl gemerkt unter MuslimInnen. Wie kann es sein, dass Menschen, die den selben Glauben haben, untereinander separieren, differenzieren, die Gesellschaft spalten und, was mich besonders trifft und worüber ich mich am meisten sorge, die Kinder und Jugendlichen manipulieren und einander immer weiter entfremden.

Wenn ein Kind in die Moschee x geht oder zur Familie y und an einem dieser Orte einen guten Freund hat, aber die Eltern unterschiedliche politische oder ideologische Interessen verfolgen, lassen sie es die Kindern spüren. Wieso müssen Kinder unter so einem "Rassismus" leiden?

Machtkämpfe, ideologische Kontexte und politische Interessen - wir sollten uns lieber gegenseitig stärken

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Bevor ich anfange, andere Kulturen und Menschen zu beurteilen, fange ich immer mit mir selbst an. Wenn ich meine eigene Religion ständig auf Machtkämpfe, ideologische Kontexte oder politische Interessen herabstufe, dann muss ich mich doch nicht wundern, wenn ich für andere angreifbar bin.

Im Islam ist es natürlich so, dass sich der Glaubensinhalt in viele verschiedene Richtungen aufgeteilt hat. Aber im Kern ist es derselbe Glaube. MuslimInnen, egal welcher Ethnie sie nun angehören, haben alle drei Hauptquellen im Islam, doch auch das scheint immer weiter in den Hintergrund zu rücken.

Anstatt immer auf Unterschiede aufmerksam zu machen, zu schauen, was die eine Gemeinde hat und die andere nicht, sollten wir uns gegenseitig stärken. Wir sollten gute Vorbilder für die nächste Generation sein, die in einer multiethnischen Gesellschaft groß wird. Wir lassen Kinder in die Gesellschaft los, die schon gespalten aus den Elternhäusern kommen und erwarten Respekt und Toleranz vor anderen Glauben und Kulturen?

Religion ist Privatsphäre und nur zwischen Mensch und Gott vereinbar.

So einfach ist es nicht. Der Fisch stinkt immer von oben. Wir müssen endlich anfangen, Gemeinsamkeiten zu stärken, aufhören nur im eigenen Kreise aktiv zu sein, unseren Tee auch mal in einer anderen Gemeinde trinken, über den Tellerrand hinweg schauen und Hand in Hand zusammenarbeiten.

Religion ist kein Kirmesstand, den man auf einem Rummelplatz zur Schau stellt und versucht, Kunden zu locken. Religion ist viel mehr, Religion ist Nächstenliebe, es ist Intimität, Religion ist Privatsphäre und nur zwischen Mensch und Gott vereinbar. Psychologen haben bestätigt, dass Religionen Menschen helfen können, mit bestimmten schwierigen Situationen im Leben besser klar zu kommen.

Sie jedoch als Waffe und Spielzeug zu formen, das verdirbt den Charakter. Was interessiert es denn den Herrn Müller von nebenan oder Familie Öztürk, wie ich meine Religion praktiziere? Mache ich es zum Schein nach außen oder für mich und mein Inneres? Braucht man immer ein Publikum, um zu zeigen, welcher Ethnie man angehört?

Die altbekannten Antworten auf solche Themen werden auch langsam langweilig. Ja, eine Gemeinde stärkt das Zusammenleben usw. Was bringt sie mir, wenn ich gleichzeitig meine eigene Zukunft spalte und keine Transparenz vorlebe?

Deshalb sollten alle Subkulturen im Islam da draußen endlich aufwachen: Schließt euch endlich zusammen und arbeitet gemeinsam und nicht gegeneinander, vielleicht hört dann das Gemeckere über "andere" auf und wir fangen endlich mal an, kritisch zu denken und umgehen diese festgefahrenen Einbahnstraßen des Lebens.

Dazu passt: "Jeder Ali gilt als fanatisch": Diese Probleme haben Muslime in Deutschland

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