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"Eltern geben zu schnell nach": Die Abrechnung eines Lehrers mit dem iPhone-Wahn an Schulen

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SMARTPHONE KIDS
Getty
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In Deutschland wird die Schere zwischen arm und reich immer größer. Die Kinderarmut steigt und steigt, sie wird auch nicht dadurch unsichtbar oder besser, wenn ein Herr Cem Özdemir öffentlich dazu wortwörtlich bei diesem Thema abhebt und es von oben herab betrachtet. Ignoranz hilft nämlich keinem!

Laut einer aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit lebten über 1,9 Millionen Menschen unter 18 Jahren Ende 2015 in Hartz-IV-Haushalten, 52.000 mehr als 2014. Somit waren 14,7 Prozent aller Heranwachsenden auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Bereits im Kindergarten oder in der Grundschule gibt es Kinder, die viel schlechter dran sind als Andere. Dann gibt es natürlich die "iPhone-Kids", die in den Grundschulen bereits von ihren Eltern gut geschmückt und gestylt werden.

Wir leben im Zeitalter der sozialen Medien und der Digitalisierung. Alles gut und schön - doch wieso muss es in der Grundschule schon ein iPhone für knapp 400 € sein? Wieso soll es als Geschenk für eine gymnasiale Empfehlung ein "neueres" iPhone für 600€ sein? iPhones sind weltweit sehr gut etabliert. Apple allgemein ist mittlerweile fast jedem Kind ein Begriff und wenn das alles so weiter geht, dann wahrscheinlich auch das erste Wort, sobald das Kind anfängt zu sprechen.

Auswirkungen auf die Entwicklung

Doch nur weil Kinder etwas wollen, kennen und wissen, wie sie ihre Eltern überrumpeln. Nur, weil sie solange nerven, bis sie das bekommen, was sie wollen. Nur, weil es der Nachbarssohn hat oder alle in der Klasse ein iPhone besitzen, müssen Eltern doch nicht sofort nachgeben und einem Kind, ein Gerät zur Verfügung stellen, was mehr Auswirkungen auf die Entwicklung beisteuert, als nur das "Stillirisieren" des Gejammers.

Mehr zum Thema: Wie wir unsere Kinder zu Materialisten erziehen

Für den ersten Moment gibt es vielleicht weniger Kopfschmerzen, doch nachhaltig betrachtet, lässt die Migräne unmittelbar in Zukunft grüßen.

Eltern wissen nach Außen hin gut zu argumentieren, wenn so ein teures Luxusgut zur Verfügung gestellt wird.

Aus meiner jahrelangen Praxiserfahrung in der Schule, im Kindergarten, bei Jugendträgern und diversen Elternvereinen oder pädagogischen Einrichtungen sind folgende "typische Elternausreden" entstanden:

  • "Mein Sohn hat die gymnasiale Empfehlung erhalten. Ein iPhone hat er sich dafür gewünscht."
  • "Mein Kind ist auf einem Elite Gymnasium. Wir haben Angst, dass er ausgegrenzt wird, denn alle in seiner Klasse haben min. ein iPhone 4"
  • "Seit Wochen erzählt unsere Tochter von ihrer Freundin, die auch ein iPhone hat. Wir wollten sie nicht länger quälen."
  • "Vorher hatte unser Kind nur ein Samsung. Als wir merkten, dass er die Schule vernachlässigte, machten wir einen Deal mit ihm. iPhone gegen gute Leistungen. Seitdem klappt es viel besser."
  • "In der Grundschule haben fast alle ein iPhone. Nicht, dass unser Kind denkt, dass wir es nicht mehr lieb haben."

Materialistische Liebe

"Materialistische Liebe" oder Aufmerksamkeit schenken, muss nicht mit einem knapp 1000€ Handy geschehen. Natürlich ist es einfacher und bequemer, wenn man nachgibt und die Kids "gut" beschäftigt werden. Gleichzeitig glänzt man nach Außen und jegliche Diskussion wird vermieden. Eltern geben zu schnell nach und sind meist verunsichert. Sie wählen den simplen Weg und nehmen ihren Kindern ein Stück Realität und ihre Wahrnehmungsfähigkeit weg.

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Der deutsche Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann erklärt sich die Probleme mit einer tiefreichenden Verunsicherung und bringt es auf den Punkt: "Die modernen Eltern sind in Erziehungsfragen unentschlossener, als es je eine Generation vorher war. Sie wissen unheimlich viel, und sie wissen nichts." - Quelle: www.ksta.de ©2016

Es muss kein iPhone sein. Es muss auch mit 18 kein dickes Auto sein. Kinder wollen meistens Liebe, Aufmerksamkeit und Respekt und das in allen Facetten. Sie wollen keine "halben Sachen" - keine halbe Aufmerksamkeit. Jedes Kind kann verstehen, wieso ein 1000€ Handy in dem Alter keine Option sein sollte. Dafür müssen aber Eltern erst einmal verstehen, wieso es manchmal doch mehr Sinn macht, Tag für Tag sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und es dem Kind zu erklären.

Wieso es eben tatsächlich mehr Sinn macht, auch wenn andere Kinder mit Gucci Taschen herumlaufen, selbstbewusst aufzutreten, dem entgegen zu stehen und zu wissen: Materialistische Dinge sind nicht das Wichtigste im Leben. Klar gehört dazu viel Geduld, Feingeschick und ein starkes Auftreten seitens der Eltern. Gerade deshalb sollte ganz deutlich werden, dass Eltern und Kinder keine Freunde sein können, auch wenn sie dieselben Luxusartikel besitzen und lieben.

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