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Umut Ali Öksüz Headshot

Die Menschen hier in Deutschland sind gespalten und verunsichert

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MUSLIME IN MOSCHEE
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Ein ganzes Land verurteilen, diverse Moscheen verallgemeinern, Kinder und Jugendliche in die Identitätsstörung steuern, auch darüber müssen wir reden!

Die aktuelle Situation in der Türkei nimmt auch viele Deutschtürken mit. In Deutschland ist die Rede von Urlaubswarnungen, Anti - Medienkampagnen wie beispielsweise durch die Telecom und etlichen Fragen, die Kinder und Erwachsene verstören.

Die Spionagevorwürfe gegenüber die DITIB schrecken viele ab und stärken Vorurteile. Seit dem Putsch herrscht ein Ausnahmezustand in der Türkei und die Menschen sind gespalten. Doch was stimmt an den vielen negativen Berichtserstattungen wirklich? Und wie fühlen sich Menschen mit türkischer Biografie in Deutschland?

Migrationsexperte Umut Ali Öksüz arbeitet seit über zehn Jahren mit vielen türkischstämmigen Familien zusammen. Auch wissenschaftlich bringt er sich u. a. durch Buchprojekte ein, die der Pädagoge in Zusammenarbeit mit Verbänden wie der DITIB durchgeführt hat.

Das Interview führte Oksana Salik, Studentin der Literatur,- und Politikwissenschaften

Wie erleben Sie momentan die Stimmung innerhalb der türkischen Community?

Umut Ali Öksüz: Die Menschen hier in Deutschland sind gespalten und verunsichert. Die Medien berichten überwiegend einseitig und verallgemeinern diverse Situationen auf das gesamte Land. Das schadet nicht nur der türkischen Community selbst, sondern auch das generelle Zusammenleben miteinander leidet darunter.

Nun ist es ein Jahr her und der gescheiterte Putschversuch sorgt noch immer für den Ausnahmezustand. Finden Sie das berechtigt?

Umut Ali Öksüz: Wir reden hier ja nicht über einen Angriff auf eine Person oder auf eine Gruppe, sondern einen Angriff auf die gesamte Demokratie und somit auf alle Menschen, die in der Türkei leben. Diese furchtbare Tat ist für ein Land, wie die Türkei ein schreckliches Schicksal, das nicht in kurzer Zeit behoben werden kann.

Man muss auch den geschichtlichen Kontext der Türkei betrachten. Das war nicht der erste Putschversuch und die Menschen in der Türkei kennen diese Ängste und schrecklichen Gräueltaten. Die Türkei ist im starken Wachstum und niemand hat damit gerechnet, dass in der heutigen Zeit, Kampfhubschrauber und Panzer, Menschen attackieren und versuchen die Regierung zu stürzen.

Es sind Menschen ums Lebens gekommen, es gab etliche verletzte Frauen, Kinder und Männer, viele Menschen leiden noch heute unter Angstzuständen und der Überfall war nicht nur eine äußere radikale Handlung, sondern gleichzeitig ein giftiger innerer Angriff innerhalb der Justiz u. a. von den Menschen, die ihr Land eigentlich schützen sollten. Dass dadurch Vorsichtsmaßnahmen nicht in Monaten zu klären sind, ist meiner Meinung nach verständlich.

Doch viele Kritiker reden von einem selbst inszenierten Putsch, was halten Sie davon?

Umut Ali Öksüz: Ich beschäftige mich seit Jahren im Bereich der Pädagogik, der Migration und der ethnischen Subkulturen in Deutschland und muss dazu sagen, dass ich mich noch nie in der türkischen Politik eingebracht habe, aber auch nie in der Deutschen.

Meine Neutralität ist mir persönlich sehr wichtig, weil ich auch mit vielen jungen Menschen zusammenarbeite. Doch meine eigene Meinung zu dieser These ist, dass ich mir absolut nicht vorstellen kann, dass eine Regierung sich selbst, ihre Freunde, Familien sowie tausende Menschen in eine solch tödliche Gefahr bringt.

Ja, ich betrachte bestimmte Situationen auch kritisch und weiß, dass die Regierung nicht immer alles richtig macht. Doch welche Regierung macht denn alles richtig? Man lernt aus Fehlern dazu und die Türkei wurde schon in der Vergangenheit vor parallelen Strukturen gewarnt.

Sie reden von einer Anti- Türkei Haltung in Deutschland. Merken Sie diese Haltung auch in der pädagogischen Praxis?

Umut Ali Öksüz: Türkischstämmige Menschen hatten es ja nie wirklich einfach in Deutschland, was Schule, Ausbildung oder Arbeitsplatzsuche angeht. Das Belegen ja genug Studien und auch aktuelle Studien sehen da nicht besser aus. Der Obsthändler und die Putzfrau waren leicht zu bändigen und wurden nicht als Problem wahrgenommen. Heute kennzeichnet sich die Vielfalt in Deutschland auch mit der neudeutschen Gesellschaft, also Akademikern oder Kaufleuten mit kulturellem Kontext aus.

Man muss sich nur die Entwicklung mal anschauen. Früher waren es z. B. Tatsachen wie schlechte Notengebungen, Fließband - Sonderschulverfahren, Hauptschulverweisungen, nicht berechtigte Empfehlungen für die weiterführende Schule etc. Neben den Statistiken, die diese Abläufe belegen, begleite ich Eltern seit Jahren, um diese o. ä. Probleme zu lösen.

Als ich Eltern bei Schulgesprächen begleitete, konnten über solche „Zufälle" noch gesprochen werden und es gab zumindest eine Basis zum Sprechen. Heute kommen Jugendliche zunehmend zu mir und erzählen mir, dass ihre Lehrer sie mitten im Englisch- oder Kunstunterricht nach der Todesstrafe in ihrer Heimat ihres Bundespräsidenten fragen. Und selbstverständlich ist es de facto so, dass junge Menschen, also teilweise noch Kinder mit solchen Aussagen überfordert sind und nicht wissen, was sie sagen sollen, weil sie doch in Deutschland ihre erste Heimat sehen.

Die deutsche Gesellschaft diskutiert viel über das schlimme Referendum Ergebnis. Doch warum reden denn keiner über die trivialen und verstörenden Aussagen von Fachkräften und anderen Akteuren? Ich erhalte wöchentlich solche Aussagen von Kindern aus der Grundschule und von erwachsenen Jugendlichen. Eine Identitätsstörung ist das Ergebnis einer negativen Dauerberichtserstattung, Mobbing von Fachkräften und anderen Mitwirkenden über das Land, womit sich viele Menschen auch identifizieren. Ist das Zufall? Ich glaube nicht.

Außenminister Gabriel sagte doch vor kurzem, dass die Deutschtürken nach Deutschland gehören. Ist das so oder nicht?

Umut Ali Öksüz: Natürlich sagte er etwas, was kurz vor den Bundestagswahlen gern gehört wird. Doch wichtige essenzielle Aussagen sollten nachhaltig präsent sein. Nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten. Die Gesellschaft selektiert die Menschen doch schon im Kindergarten. Danach wird von einer sogenannten gelungenen Integration gesprochen, die eine verschleierte Assimilation suggeriert.

Genau dann, wenn man versucht einem Menschen etwas zu nehmen, was zu ihm und seiner Persönlichkeit gehört. Menschen egal, welcher Herkunft müssen sich per Gesetz auch nicht für einen Ursprung entscheiden. Eine Identität macht mehr aus und erfüllt das Ganze nur dann, wenn man sich mit seiner gesamten Herkunft identifizieren darf. Deshalb bringe ich gerne in meinen Workshops einige Gesetze mit, die in unserem Land gelten. Wie z. B. im Art. 8 KRK: Schutz der Identität des Kindes.

Was oder wo ist Ihre Heimat? In Deutschland oder in Der Türkei?

Umut Ali Öksüz: Diese Masterfrage höre ich täglich. Die Antwort ist ganz klar für mich: Heimat ist für mich im Herzen. Wenn ich in meiner Heimat Neuss bin, bin ich mit Herzen dabei, wenn ich in der Türkei bin, dann bin ebenfalls mit Herzen vor Ort. Heimat ist für mich eine Herzensangelegenheit. Deshalb kann Heimat für mich nicht mit einem einzigen Ort definiert werden. Macht das Heimatgefühl nicht das Verständnis von Vielfalt und unsere Persönlichkeit als Individuum aus?

Als Religionspädagoge werden Sie wahrscheinlich oft auf die DITIB Moscheen angesprochen. Aktuell werden diese verdächtigt Spionage zu betreiben. Wie stehen Sie zu diesen Vorwürfen?

Umut Ali Öksüz: Die DITIB Moscheen sind wichtige Akteure in Deutschland, die vor über 40 Jahren für viele ältere Menschen eine soziale Plattform gebildet haben. Ich bin froh, dass mein Vater diese Möglichkeit hatte. Ehrenamtliche Gemeindearbeit wäre sonst für diese Zielgruppe kaum denkbar gewesen.

Als größter Islamverband Deutschlands ist es wahrscheinlich, dass es in einigen Moscheen auch Menschen gibt, die sich einer Spionage zu verantworten haben. Diese müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Auch hier sind bereits die notwendigen Schritte eingeleitet worden.

Im Jahre 2013 habe ich durch das bundesweite Projekt „Bildungsbrücken" wo u. a. auch DITIB als Kooperationspartner mitgewirkt hat, gute Erfahrungen mit dem Verband gemacht.

Kritik gibt es immer: auch ich finde, dass der Jugendbereich gestärkt werden muss, dass die Imame auch in deutscher Sprache unterstützt werden bei den Predigten, damit mehr junge Menschen in die Moscheen gehen. Mit einigen Moscheen stehe ich in Kontakt, damit ich diese Prozesse auch unterstützen kann.

Ercan Karakoyun, Sprecher der Gülen Bewegung sagte in einem Focus Interview: „Jeder Imam fungiert derzeit gleichzeitig als Spitzel für die Türkei"

Umut Ali Öksüz: Das finde ich zu pauschalisierend. Es gibt vereinzelte Moscheen, die bestimmt seiner These folgen. Ich kenne viele Imame aus den Moscheen, die selbst Spionage verurteilen und ablehnen. Auch Kinder erzählen mir oft von ihren Moscheebesuchen. Man sollte auch unterschiedliche Quellen einholen, bevor man alles pauschalisiert.

Herr Karakoyun gießt mit seinen Aussagen der türkischen Regierung und den DITIB Moscheen in Deutschland massenweise Öl ins Feuer. Was erreicht er denn damit? Die fehlende Transparenz, für die er selbst wirbt? Aufklärung? Im Gegenteil, ich nenne ein solches Verhalten gezielte „Hetze".

Bevor man über andere urteilt und selbst im Glashaus sitzt, sollte man die jahrelang verlangte Transparenz in Taten umsetzen. Warum man diese beispielsweise „versteckt" hat, würde mich sehr interessieren.

Die Anti-Türkei Stimmung zu heizen und weiter zu verbreiten, nur weil es aktuell eine Plattform für die eigenen ideologischen Interessen bietet, ist weder religiös noch moralisch vertretbar. Dank Menschen wie ihm sprechen mich täglich etliche Personen auf die Moscheen an und fragen mich, ob man sie ohne Denunzierung und Gefahr betreten kann.

Ich rate jedem dazu, wenn man Fragen hat oder Antworten sucht, stehen einem die Moscheen in Deutschland offen gegenüber. Man muss aber auf sie zugehen, denn Begegnungen entstehen nicht in den Medien oder in selbstverfassten subjektiven Büchern, sondern direkt vor Ort.

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