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Aktuelle Philosophie vieler Deutschtürken: Und in welchem Lager sitzt Du?

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GEMUESE
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In Deutschland wird oft über Kulturen gesprochen. Einige Kulturen bringen natürlich auch weitere Subkulturen mit. Diese Subkulturen -„Lager" - sind seit Jahren unter den Deutschtürken präsent.
 
Als Deutschtürke hat man nur zwei Optionen: Entweder Du gehörst zum Lager X oder Du gehörst zu „den Anderen". Warum jedoch ist es so ein Weltwunder, wenn man zu keinem Lager gehören will und mit jedem kommunizieren möchte? Es ist doch extrem auffällig, dass auch die sozialen Kontakte innerhalb aller Lager eingeschränkt bleiben und kaum jemand in der Lage ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Jeder kocht sein Süppchen für sich und alle plädieren u.a. für Vielfalt, für den Dialog, für die Nächstenliebe und für die Demokratie.
 
Dann wäre es doch der erste Schritt untereinander erst einmal damit anzufangen, bevor man versucht, anderen etwas zu präsentieren und sich zur Show zu stellen.
 
Politik, Geld, Macht, Ideologie und soziale bzw. psychologische Aspekte spielen eine große Rolle, wenn man einer Gruppierung nachläuft. Das Nachlaufen ist nicht das eigentliche Problem, sondern das Vermeiden des Kontaktes mit den „Andersdenkenden". Das Lustige ist, dass die meisten Lager von sich dann behaupten, dass sie für alle offen sind und wieder „die Anderen" die Probleme verursachen. Schaut man sich die Vereine, Verbände oder sonstigen Initiativen an, die einem Lager angehören, wird man schnell merken, dass die obere Etage nur mit Lagerdenkern besetzt ist - und das manchmal nach außen offen oder intern versteckt.
 
Deutschland ist ein Land im ständigen Wandel. Blicken wir 40 Jahre zurück, dann wird deutlich, dass die ersten sogenannten Gastarbeiter nicht so aufgenommen worden sind, dass ihnen ein Weg einer erfolgreichen Etablierung offenstand, sondern wurden in ihre ganzen Lager geradezu hingelotst. Alle dachten am Anfang, dass „der Türke" von nebenan wieder zurück in die Heimat reisen wird.

Dieses Desinteresse oder diese Ignoranz war damals schon der direkte Wegweiser in die jetzigen Lager. Doch Moscheen oder andere „Dialogzentren" werden nun mal nur von den jeweiligen Gruppen besucht, manchmal ist es auch gemischt, aber eher selten. Man kommt zusammen, trinkt seinen Tee und hat ein stabiles soziales Umfeld.
 
Und heute werden die sog. Flüchtlinge mit Angeboten im Bildungs- oder Kulturbereich überflutet. Es wird  selbstverständlich aus Fehlern gelernt, doch bringt es sehr wenig, wenn die Fehler der Vergangenheit mit in die Zukunft genommen werden.
 
In den sozialen Netzwerken wird es ganz klar und deutlich vorgemacht und unter den Kindern und Jugendlichen ist es immer eine Thematik. Jedes Lager hat seinen eigenen Sprecher. Namen müssen hier nicht erwähnt werden, die „Lagersprecher" sind weit bekannt, einige agieren auch in offiziellen Parteien.

Sobald ein Lagersprecher gegen andere Lager hetzt und Hasspredigen verbreitet, was aktuell ja anscheinend zur Mode geworden ist, liken oder teilen diese Beiträge überwiegend die Menschen aus dem eigenen Lager. Somit sind Informationsquellen wieder einseitig.
 
Zusammengefasst: Soziales Umfeld einseitig, soziale Netzwerke einseitig, Lagertreffen einseitig. Kurz und bündig wird es unter einem leckeren „Zuckerwattemantel" den Menschen serviert unter den Begriffen: Demokratie, Menschenrechte, Nächstenliebe und Vielfalt. Für ein neues Projekt wurde eine Befragung unter deutschtürkischen Jugendlichen durchgeführt. Und eines wird ganz deutlich: Die Heranwachsenden lehnen das Lagerdenken ab, doch es wird ihnen vorgelebt, sodass sie meistens keine andere Wahl haben. 

Es entsteht untereinander eine Mobberei und auch Kindern nimmt man mit etwaigen Denkmustern das selbstständige Denken und Handeln.  "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit."(SGB VIII § 1 Abs.1)
 
Solange aus der „Lagerwortwahl" und dem „Lagergedanken" kein fokussiertes und gemeinsames „Wir" entsteht, solange leiden Kinder und Jugendliche unter diesen antiken Denkmustern. Das Schreiben, Labern und Werben über diverse Lager und die Hetzparolen über 
'die Anderen', das treibt uns alle nur noch mehr zurück.
 
Wann werden die Lagerdenker endlich merken, dass viele der Handlungen und Lagerdenkweisen definitiv nicht demokratisch sind - sondern menschenverachtend und einfach radikal selektiv.

Allein die Wortwahl ist ein Phänomen für sich: Entweder heißt es "Wir / jemand von uns " oder die "Anderen", wenn man es aus dem Türkischen wortwörtlich übernimmt.
 
Es mag sein, dass jedes Lager „versucht", gute Arbeit zu leisten. Doch eines  ist ALLEN gemeinsam: Ihr hetzt, Ihr selektiert, Ihr sucht nach keinen Gemeinsamkeiten, nach keinem gemeinsamen Weg.

Lieber bleibt Ihr unter Euch.  Ist das Vielfalt? Ist das moralisch korrekt? Ist das religiös der Weg, der die Beziehung zwischen Mensch und Gott stärkt? (Viele Lagergedanken werden merkwürdigerweise religiös untermauert.)

Ist das moralisch und ethisch vertretbar und definiert Ihr so einen „guten" Menschen?

Das Einzige, was so ein Verhalten auslöst, ist Hass und Gift. So verbreitet es sich wie ein Virus und den Schaden haben die Menschen, die vielen Kinder und Jugendlichen.

Vielleicht wollen Kinder und Jugendliche offen, transparent und ohne vorgefertigte Gedanken über andere Menschen aufwachsen. Dazu gehört es auch, Freundschaften selbst frei wählen zu dürfen und nicht nach Vorlieben von Eltern oder symbolischen „Vorbildern", die einer Ideologie oder einer Machtfigur folgen.