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Zukunft denken

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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Thomas Barwick via Getty Images
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Zukunftsvisionen teilen sich zumeist in eindeutig utopische oder dystopische Szenarien auf. Sie spiegeln dabei tiefsitzende √Ąngste oder Tr√§ume von einer besseren Welt. In diesem Beitrag sollen keine Inhalte unserer Zukunftsvisionen, keine konkreten Ausblicke auf die Welt von morgen thematisiert werden, sondern es soll um das Wunder des ‚ÄěDie-Zukunft-denken-k√∂nnen" gehen, um unsere menschliche F√§higkeit, uns √ľberhaupt ein Morgen und √úbermorgen vorstellen zu k√∂nnen.

Wer sich einmal mit Meditation befasst hat und sich der Herausforderung gestellt hat, mit den Gedanken nur im Augenblick zu sein, sich dem Hier-und-Jetzt des eigenen Atems zu widmen und alles andere außen vor, aus den Gedanken ausgeschlossen zu lassen, der wird vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass dies - auch wenn es einfach klingt - eine recht schwere Aufgabe ist, die viel Übung erfordert. Warum ist das so?

Die Antwort liegt in unserem Gehirn - oder genauer: In unserer kognitiven Haltung zur Welt. Unser tagtäglicher Umgang mit unserer Umgebung fordert uns viel ab: Wir machen Pläne, wir erledigen unsere Aufgaben, lösen dabei auftauchende Probleme, und versorgen uns und unsere Familien mit dem, was wir brauchen.

Wir sind Probleml√∂semaschinen, wenn man so will, die im Gegensatz zu ihren tierischen Verwandten eine enorme kognitive Energie darauf verwenden an zuk√ľnftige Ereignisse und deren Bew√§ltigung zu denken. Erst wenn wir Mu√üe und Zeit haben, widmen wir uns der Erinnerung an das Getane, an das Gestern oder an den Urlaub vom letzten Jahr.

Wir sind nicht gut darin, im Hier-und-Jetzt zu sein

Weil wir zumeist also entweder √ľber das gerade oder auch weit Vergangene nachdenken oder √ľber das, was als n√§chstes geschieht, geschehen k√∂nnte oder geschehen soll, sind wir aus reiner Gewohnheit nicht gut darin, nur im Hier-und-Jetzt zu sein.

Um diese Leistung vollbringen zu können, muss unser Gehirn eine ganze Reihe von voneinander abhängigen und aufeinander aufbauenden kognitiven Funktionen miteinander verschalten und es bedarf hierzu der Aktivität gleich mehrerer Gebiete und Strukturen des Großhirns und auch der innen liegenden Hirnstrukturen.

Eine ganz wesentliche Rolle √ľbernimmt der pr√§frontale Cortex, der Teil unserer Gro√ühirnrinde, der sich ganz vorne direkt hinter unserer Stirn befindet. Hier laufen die vielen informationstragenden Kan√§le zusammen, also Sinnesempfindungen aber auch Erinnerungen, und werden auf ihre Relevanz f√ľr unsere aktuellen Handlungspl√§ne gepr√ľft.

Was uns gerade nicht hilft, wird beiseite geschoben, und sollte ein wichtiges St√ľck Information fehlen, wird von hier aus initiiert, dass danach gesucht wird. Die st√§ndige Repr√§sentation des gew√ľnschten Zielzustandes aber auch der eigenen Person und der uns zu Verf√ľgung stehenden Ressourcen sind dabei ebenso wichtige kognitive Teilleistungen wie die Zerlegung von komplexen Vorg√§ngen in einzelne Handlungsschritte.

All diese F√§higkeiten k√∂nnen wir in Teilen des pr√§frontalen Cortex lokalisieren. Doch wir sind noch zu weit komplexeren Dingen in der Lage als schn√∂de Alltagsprobleme zu bew√§ltigen. Denken wir an unser kreatives Potential, Fiktionen zu erzeugen und Geschichten zu erz√§hlen. Hierzu bedarf es der Vorstellung des blo√ü M√∂glichen, das Fortspinnen des Bekannten in bis dato nicht erlebte Ereignisse und Handlungsstr√§nge, die Personen und Ereignisse evozieren, deren √Ąhnlichkeit mit der Realit√§t zunehmend weniger werden kann.

Die Zukunft ist ein Möglichkeitsraum

Diese Kopf-Szenarien, mentale Simulationen, und die Verortung der eventuellen eigenen Rolle darin machen die Zukunft f√ľr uns Menschen zu einem M√∂glichkeitsraum, in dem wir uns selbst eine gestalterische Rolle zugestehen k√∂nnen.

Was unsere Disposition zur Zukunft betrifft ist gerade diese gestalterische Einflussnahme ein ganz entscheidender Faktor denn es handelt sich um einen wesentlichen Mechanismus zur Emotionsregulierung.

Das Gef√ľhl, Herr der Lage sein zu k√∂nnen, Kontrolle zumindest partiell und potenziell dadurch zu erlangen, dass man das Zuk√ľnftige hat kommen sehen und im Kopf bereits durchgespielt hat, beugt dem Eindruck vor, von den Ereignissen √ľberrollt zu werden. Vorbereitet sein hilft uns, dem √úberraschungsmoment zuvor zu kommen und dadurch √Ąngste abzubauen.

Kontrolle, genauer, das Gef√ľhl der Kontrolle, ist also wichtiger Bestandteil unseres Sicherheitsgef√ľhls. Zukunftsangst entsteht immer dann, wenn ein Kontrollverlust droht oder die Lage zu komplex wird, um eindeutige Szenarien durchspielen zu k√∂nnen.

Dar√ľber hinaus mussten wir auch in den letzten Jahren die Erfahrung machen, dass unsere Vorstellungen manchmal durch die Realit√§t √ľbertroffen werden, wie es z.B. die Katastrophe von Fukushima, die gro√üe Migrationswelle und der Brexit gezeigt haben, sodass unsere √ľblichen Praktiken der Prognostik einen gewissen Vertrauenseinbruch verbuchen mussten.

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Was machen nun Zukunftsvisionen mit uns?

Dystopien evozieren zumeist das Schlimmste, Utopien das Beste. Beide sprechen tiefsitzende Emotionen an, und es ist diese emotionale Färbung, die unseren Ausblick auf die Zukunft, aber auch - und hier liegt eine wichtige Feinheit - unser Erleben der Gegenwart bestimmt.

Wichtig wird dies deshalb, weil die Weichenstellung f√ľr unsere Zukunft im Jetzt geschieht. Blicken wir also mit negativen Vorahnungen auf die Zukunft, sehen unsere Entscheidungen und Handlungspl√§ne im Heute ganz anders aus.

Es macht also f√ľr unsere emotionale und kognitive Grundhaltung einen gro√üen Unterschied, ob wir die Parole ‚ÄěWir schaffen das!" oder ‚ÄěWir k√∂nnen das nicht schaffen!" ausgeben. Um dies nicht zu einer leeren Utopie oder Dystopie verkommen zu lassen, m√ľssten die Vertreter der jeweiligen Standpunkte uns jedoch helfen, das jeweilige Szenario nachvollziehbar, simulierbar, verstehbar zu machen.

Unsere Gehirne verlangen nach mehr als Parolen, sie brauchen ein ‚ÄěWie" und auch manchmal ein ‚ÄěWarum". Denn ohne aktive kognitive Beteiligung verbleiben wir passive Zuschauer, denen sicher angst und bange wird, und damit wird das Negative eine sich selbst erf√ľllende Prophezeiung.

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