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Armut ist sozialer Zündstoff

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Armut hat viele Gesichter. Ihre Gesichter sind oft alt und weiblich. Sie kommt jedoch in Großstädten wie Berlin oder Hamburg auch jünger, männlich und obdachlos daher. Armut ist in München anders als in Chemnitz.

Kann man in der einen Stadt mit Hartz IV schon nicht mehr mit Freunden ausgehen, ist das in der anderen noch möglich. Trotz der guten Konjunktur haben insbesondere junge Menschen Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg.

Verständlich: Prekäre Löhne bei nicht tarifgebundenen Arbeitgebern, befristete Arbeitsverträge oder Zeiten von Arbeitslosigkeit führen schnell ins soziale Abseits. Besonders gravierend sind die sich daraus ergebenden niedrigen Renten. Armut in ihren Schattierungen ist in unserem Land zwar eher unsichtbar, aber nicht weniger bedenklich. Und sie ist nicht nur "gefühlt", sondern real.

10 Prozent der Bevölkerung besitzen 52 Prozent des gesamten Volksvermögens

Laut der Einkommens- und Verbraucherstichprobe aus dem Jahr 2013, die die Grundlage des nächsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung bildet, besitzen die oberen zehn Prozent der Bevölkerung 52 Prozent des gesamten Volksvermögens. Zehn Jahre zuvor betrug der Anteil noch 49 Prozent.

Noch 1998 besaß die ärmere Hälfte der Bevölkerung noch 2,6 Prozent des Gesamtvermögens, 2013 schrumpfte dieser Anteil auf ein Prozent: sozialer Zündstoff! Trotz guter Konjunktur und allgemeiner Lohnsteigerungen bleibt ein großer Anteil der Bevölkerung also dauerhaft vom Wohlstand abgehängt.

Hinzu kommt, dass die Grundsicherung im Alter ("Sozialrente") seit gut zehn Jahren steigt. Im Jahr 2015 waren im Durchschnitt davon rund 500.000 Menschen betroffen.

Da deren Bevölkerungsanteil wächst, könnte sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vergrößern. Wer durch eine chronische Krankheit oder einen schweren Unfall aus dem Berufsleben gerissen wird, hat Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente. Sie ist aber oft eine Armutsfalle: Derjenige, der vorzeitig in Rente gehen muss, hat dafür lebenslang Abschläge von 10,8 Prozent hinzunehmen. Sie muss der Gesetzgeber abschaffen.

Ein Bündel an Maßnahmen

Um die Armut im Alter zu bekämpfen, brauchen wir ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Wir müssen vor allem das Rentenniveau von circa 48 Prozent auf dem heutigen Stand zumindest stabilisieren. Es könnte nach aktueller Gesetzeslage bis 2030 auf 43 Prozent sinken.

Dafür verantwortlich sind die so genannten Dämpfungsfaktoren in der Rentenformel, die endlich fallen müssen: Wir brauchen eine Rente, die wieder parallel zu Löhnen und Gehältern steigt.
Weitere Maßnahmen sind nötig, wie beispielsweise ein monatlicher Freibetrag im Bereich der Grundsicherung in Höhe von 100 Euro, damit die Verbesserung bei der Mütterrente auch bei den armen Rentnerinnen tatsächlich ankommt.

Die Bewertung von Zeiten der Arbeitslosigkeit oder die verbesserte Anrechnung von Zeiten der Kindererziehung und der Pflege von Familienangehörigen sollten weitere Maßnahmen sein. Und auch die geltenden Rentenformel muss auf den Prüfstand: Wer arbeitet noch durchgehend 45 Jahre? Nach dieser Dauer berechnet sich der so genannte „Eckrentner", der durch die Umbrüche in der Arbeitswelt mehr und mehr zum Fabelwesen wird.

Alleinerziehende Frauen

Neben der Rentenarmut bedroht vor allem die Einkommensarmut alleinerziehende Frauen. Fehlende Kinderbetreuung, die bei allen Müttern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwert, macht sich hier besonders gravierend bemerkbar.

Teilzeittätigkeiten und Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnbereich sorgen ebenfalls häufiger bei Frauen für ein höheres Armutsrisiko. Bis hin zur Rente, denn aus Niedriglöhnen entstehen Mini-Renten. Der derzeitige Mindestlohn von 8,50 Euro war ein Anfang dagegen vorzugehen.

Eine weitere Anpassung des Mindestlohns, der die Entwicklung der Lebensumstände der ärmeren Bevölkerungsgruppen berücksichtigt, ist unumgänglich. 8,80 Euro sind laut Mindestlohnkommission als Anhebung geplant: Gut gemeint, ist eben das Gegenteil von gut. Alles unter 10 Euro bewahrt niemanden vor der Grundsicherung im Alter. Und schließlich muss die unterschiedliche Bezahlung von Mann und Frau für die gleichen Tätigkeiten ein Ende haben: Wir schreiben das Jahr 2016 und nicht 1916.

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