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Ulrike Hinrichs Headshot

Warum die Bürgerinnen und Bürger so wütend sind!

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GERMANY AFD DEMONSTRATION
Axel Schmidt / Reuters
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„Wie soll es aussehen, unser Land?" fragt Bundespräsident Gauck in seiner letzten Rede seiner Amtszeit. Diese Frage stellte er auch schon bei seinem Amtsantritt. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat er sich nun erneut dieser Frage genähert.

Vielleicht hat er sich erschrocken, als er die Zeit noch einmal Revue passieren ließ - fünf Jahre ist er im Amt. Fünf Jahre in denen fast nichts mehr so, ist wie es einmal war? Kein Trump, kein Brexit, keine Flüchtlinge, keine AfD!

Ganz so stimmt das natürlich nicht. Der Wirtschaft geht es weiterhin gut, nahezu Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt, der Staat macht keine Schulden mehr: kurz - der Wohlstand hat zugenommen in unserem Land. Man kann also getrost sagen, es geht uns insgesamt sogar besser als noch einige Jahre zuvor.

Doch woher kommt die ganze Wut und der Hass der Bürgerinnen und Bürger?
Alle stehen ratlos vor diesem Phänomen. Auch der Bundespräsident. Wut auf die Flüchtlinge, Wut auf Europa, Wut auf die Politik.

Niemand bleibt davon verschont. Parteien, die diese Wut aufnehmen und verstärken, haben Konjunktur. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa und in den USA. Betrachtet man das Umfragebarometer der Parteien, dann ist die jahrzehntelange Stabilität der bürgerlichen Volksparteien dahin.

Themen werden nicht mehr eingeordnet

Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren also mächtig verändert. Was immer so abstrakt unter „Digitalisierung" subsumiert wird, hat alle Lebensbereiche erfasst und ist ganz konkret. Vor kurzem erhielt ich die Nachricht, dass ich nunmehr acht Jahre auf Facebook aktiv bin. Facebook und andere soziale Netze haben die Deutungshoheit über wichtige Themen meines Lebens übernommen.

Meine Vernetzungen bestimmen meinen täglichen Wissensstand, manchmal meine Impulse. Im Prinzip habe ich ein thematisches Vollprogramm eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, nur ungefiltert, ohne Einordnung und Kommentierung.

Doch es geht viel weiter. Eine Mitarbeiterin finde ich auf Empfehlung im Netz, meinen Babysitter ebenso. Ich kommuniziere über die sozialen Netze mit meinem engsten Familienumfeld. Die sozialen Netze manipulieren meine Entscheidungen, mein Kaufverhalten und meine Kommunikation, ohne dass ich es merke.

Themen von Facebook, Twitter und YouTube verfestigen meine Meinung zur Politik und Gesellschaft, nicht die Kommentare und Reportagen der großen Tageszeitungen oder TV-Sender. Dabei bin ich aus „Social-Media-Sicht" ein Oldie. Will heißen, die coolen Blogger, neue trendige Netzwerke haben längst die Deutungshoheit der Generationen vor mir erobert mit Themen, die ich vermutlich gar nicht kenne.

Wutbürger schreiben ihre Wut mit Absender

Mit den sozialen Netzen wurde bei mir auch die Privatheit preisgegeben. Natürlich bin ich mit meinem Namen, meinem Wohnort und meiner Telefonnummer im Internet zu finden. Kommentare auf Twitter und Facebook schreibe ich unter Ulrike Hinrichs. Umso verwundert bin ich über die Diskussion, dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Wut auch mit ihrem Absender kommunizieren. Natürlich machen sie das, weil sie es jetzt ganz einfach können.

So wie es mir ergeht, ergeht es dem überwiegenden Teil der Gesellschaft. Nur schleppend reagiert der politische, kulturelle und mediale Betrieb auf diese Tatsache.

Über Twitter führt Donald Trump seit Wochen die ganze Welt am Nasenring durch die Manege. Es entsteht das Gefühl, Trump sitzt gleich im Büro neben uns und wir regieren „fast" mit.

Wütende Bürgerinnen und Bürger wollen mitgestalten, möchten aufrütteln und beteiligt werden. Sie sind eine Reaktion unserer gesellschaftlichen Veränderungen. Die etablierten Medien erreichen diese Menschen nicht mehr. Die Politik ebenso wenig.

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