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Die Finanzkrise kostet Billionen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FINANZKRISE
dpa
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An der jüngsten Finanzkrise erschreckt bis heute, wie groß die Naivität der Experten war. Noch 2006 verkündete der Internationale Währungsfonds in einer Studie begeistert, dass die "Finanzinnovationen" die "Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems erhöht" hätten.

Mit diesen "Finanzinnovationen" waren genau jene Derivate, Kreditausfallversicherungen und Verbriefungen gemeint, die sich ein Jahr später als toxische Schrottpapiere erweisen sollten. Die Experten irrten so einhellig, weil sie allesamt der falschen Theorie anhingen.

Sie waren überzeugt, dass die einzelnen Anleger stets "rational" und die Finanzmärkte immer "effizient" seien. Die Ökonomen vertraten eine radikalisierte Neoklassik, die ab etwa 1980 populär wurde, nachdem der Monetarismus gescheitert war. Man ging wieder davon aus, dass die Gesamtwirtschaft stets zum Gleichgewicht tendiert.

Der Name für diese Theorie lautete in voller Länge "Dynamic Stochastic General Equilibrium Models" (dynamische stochastische allgemeine Gleichgewichtsmodelle), gern auch zu DSGE abgekürzt. Diese DSGE-Modelle befassten sich mit der gleichen Frage, die schon Léon Walras umgetrieben hatte: Kann ein allgemeines Gleichgewicht entstehen, wenn sich jeder Haushalt nur für den eigenen Nutzen interessiert?

Die Ökonomen Kenneth Arrow und Gérard Debreu

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es den Ökonomen Kenneth Arrow und Gérard Debreu gelungen, eine mathematisch saubere Lösung zu formulieren - die allerdings nur unter Extrembedingungen galt. Beispielsweise mussten Konsumenten und Produzenten absolut rational handeln und durften sich für nichts anderes interessieren, als ihren wirtschaftlichen Vorteil zu maximieren.

Übersetzt: Der normale Mensch war nicht gemeint. Zudem musste es für jedes denkbare Produkt einen perfekten Markt geben, und alle künftigen Eventualitäten mussten schon jetzt mit einem Preis versehen und abgesichert werden. Übersetzt: Jeder einzelne Haushalt musste viele verschiedene Derivate kaufen, um für Krankheit, Arbeitslosigkeit, eine Scheidung oder ungeplante Kinder vorzusorgen. Solche Derivate gibt es bekanntlich nicht.

Außerdem musste absolute Transparenz herrschen. Jede Tatsache musste bekannt sein, und jeder Haushalt musste über diese Informationen auch verfügen. Übersetzt: Jeder einzelne Konsument musste noch mehr wissen, als im gesamten Onlinelexikon Wikipedia steht. Und schließlich musste perfekter Wettbewerb garantiert sein.

Es durfte keine Monopole oder Oligopole geben; steigende Skalenerträge waren ebenfalls auszuschließen. Übersetzt: Es handelte sich um eine Welt ohne Großkonzerne. Für diese Erkenntnisse erhielten Arrow und Debreu den Nobelpreis- zu Recht. Dank ihrer Analyse war nun deutlich, dass der real existierende Kapitalismus niemals zum Gleichgewicht tendieren würde.

Die Neoklassiker opferten die Realität

Denn keine der Bedingungen war erfüllt oder erfüllbar. Man hätte also erwarten können, dass sich die Ökonomen von der Fiktion des Gleichgewichts verabschieden würden. Weit gefehlt. Auf eine derartige Idee können nur "Laien" kommen.

Die Ökonomie hingegen entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung: Das "allgemeine Gleichgewicht" wurde verfeinert und zur geltenden "Makroökonomie" erhoben. Vor der Finanzkrise arbeiteten alle Zentralbanken mit den DSGE-Modellen, obwohl Banken und Kredite dort kaum vorkommen.

Wie schon in der alten Neoklassik wurde das Geld wieder zu einem "Schleier" degradiert, der über der Realwirtschaft lag. Die Zentralbanken konnten die Finanzkrise also unmöglich erkennen: In ihren Theorien hatten sie längst ausgeschlossen, dass es Crashs gibt.

Die Neoklassiker opferten die Realität, weil sie auf jeden Fall vermeiden wollten, dass sie zur Makroökonomie von Keynes zurückkehren mussten. Denn aus ihrer Sicht hatte Keynes' Theorie einen fatalen Fehler: Es gab in ihr keine Verbindung zwischen der Mikround der Makroebene.

"Theorie der rationalen Erwartungen"

Bei Keynes waren nur die "Gesamtaggregate" wichtig, also die Summe aller Investitionen oder die allgemeine Sparquote. Der einzelne Haushalt war unbedeutend und bildete nur eine kleine Ziffer in der Gesamtstatistik. Damit wollte sich die Neoklassik nicht abfinden.

Sie bestand auf einer "Mikrofundierung". Die Gesamtwirtschaft sollte die Summe ihrer Einzelteile sein. Also bastelte man sich eine Makroökonomie, die sich "mikrofundieren" ließ: das allgemeine Gleichgewicht. Jede Unwucht musste prinzipiell ausgeschlossen werden, weil sonst nicht mehr gegolten hätte, dass die einzelnen Haushalte den Zustand der Gesamtwirtschaft spiegeln.

Dies führt nun zum zweiten Theorieelement, das Laien staunen lässt: Es wurde eine "Theorie der rationalen Erwartungen" postuliert. Robert Lucas und seine Mitstreiter behaupteten, dass jeder Mensch in jedem Moment seines Lebens nur darauf sinnen würde, seinen Nutzen zu maximieren.

Diese Theorie ist sogar noch extremer, als sie zunächst klingt. Lucas setzte voraus, dass die Menschen die Zukunft kennen. Ereignisse in - sagen wir - zehn Jahren sollten genauso bekannt sein wie die Gegenwart.

Der Mensch ist nicht rational

Zu dieser ebenso drastischen wie absurden Annahme war Lucas gezwungen, weil es für die DSGE-Modelle nicht reichte, wenn Menschen rational sein wollen - sie müssen es objektiv sein. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sie die Zukunft kennen.

Natürlich ist es Unsinn, dass die Zukunft bekannt wäre, wie jeder weiß, der sich schon einmal mit dem Brotmesser geschnitten hat. Wenn man wüsste, dass gleich ein Unfall droht, würde dieses Missgeschick nicht passieren. Man schneidet sich ja nicht freiwillig in den Finger.

Auch abseits dieser banalen Alltagsweisheit hätte das Theorem von Lucas die erstaunlichsten Konsequenzen: Beispielsweise könnte es die Spekulation an den Börsen gar nicht mehr geben. Wenn jeder alles über die Zukunft weiß - wie soll man dann noch auf Aktienkurse wetten?

Zudem ist der Mensch nicht rational. Diese Beobachtung machte schon Adam Smith, der ein Beispiel auswählte, das die "Theorie der rationalen Erwartungen" schlagend widerlegt: das Lottospiel. Dort ist nämlich der seltene Fall gegeben, dass die Zukunft tatsächlich genau kalkulierbar ist.

Ökonomie will zu volkswirtschaftlichen Gesamtaussagen kommen

Mühelos lässt sich berechnen, dass man beim Lotto höchstwahrscheinlich verliert. Doch obwohl die allermeisten Teilnehmer garantiert draufzahlen, lassen sie sich nicht davon abhalten, ihr Glück zu versuchen, wie Smith erstaunt notierte: "Dass die Gewinnchancen meist überschätzt werden, können wir vom allgemeinen Erfolg der Lotterien lernen."

Inzwischen hat auch die Verhaltensökonomie unzählige Beispiele geliefert, dass "Rationalität" keine Eigenschaft ist, die den Menschen besonders auszeichnen würde. Man hätte also erwarten können, dass die "Theorie der rationalen Erwartungen" einen raschen Tod sterben würde. Doch erneut passierte genau das Gegenteil - die Theorie wurde ins irrwitzige Extrem getrieben.

Das größte Problem der Neoklassik taucht nämlich dort auf, wo man es zunächst gar nicht vermuten würde: bei ihrem "Fundament", also bei den Konsumenten und Produzenten. Denn es ist ja uninteressant, nur einen einzelnen Haushalt zu betrachten.

Die Ökonomie will zu volkswirtschaftlichen Gesamtaussagen kommen - dafür muss man aber die Summe aller Konsumenten bilden. Man muss deren Nutzenkalkül "aggregieren". Dies ist jedoch unmöglich, wie bereits ein einfaches Beispiel zeigt: Konsument A isst lieber Bananen als Kekse - eigentlich.

Makroökonomie auf einzige exemplarische Person reduziert

Aber wenn Konsument B auch Bananen kauft, dann steigt der Preis für die Tropenfrüchte. Daher könnte es für Konsument A doch besser sein, Kekse statt Bananen zu kaufen, um den eigenen Gesamtnutzen zu optimieren.

Man stelle sich dieses Prozedere mit Milliarden von Menschen vor, die Billionen von Kaufentscheidungen treffen. Es geht nicht. Daher entwickelte die Neoklassik ein Modell, das diese Theorieprobleme umging, indem es die Makroökonomie auf eine einzige exemplarische Person reduzierte.

Das Modell ähnelte also dem Roman Robinson Crusoe: Die gesamte Weltwirtschaft soll aus nur einem einzigen Konsumenten bestehen, der zugleich der einzige Produzent ist. Selbst Freitag darf dieses Eiland nicht betreten, da die Theorie mit zwei Menschen schon überfordert wäre.

Dieser Robinson Crusoe ist zudem kein normaler Mensch - sondern lebt ewig. Die Neoklassik kann nämlich nicht modellieren, wie das Altern den Konsum verändert. Außerdem stellt Robinson lebenslang nur eine einzige Ware her, weil schon zwei Güter die Theorie ebenfalls ins Chaos treiben würden.

Banken, Kredite oder gar Geld sind in diesem Modell überflüssig

Das Leben in dieser neoklassischen Theoriewelt nimmt also sehr merkwürdige Konturen an: Der einsame Konsument, der ewig lebt, verbraucht alle Waren, die aber nur aus einem einzigen Produkt bestehen, das in einer einzigen Firma hergestellt wird, die der einzige Konsument selbst besitzt und in der er auch der einzige Angestellte ist.

Banken, Kredite oder gar Geld sind in diesem Modell überflüssig. Mit Kapitalismus hat diese Fiktion nichts zu tun. Der Nobelpreisträger Ronald Coase merkte 1992 bissig an, die Neoklassik sei nur in der Lage, "Einzelgänger" zu analysieren, "die am Rande eines Waldes mit Beeren und Nüssen handeln".

Die Neoklassik nennt ihren "Einzelgänger" etwas pompöser einen "repräsentativen Agenten", was einmal einen intelligenten Studenten zu der Frage animierte: "Wen oder was repräsentiert denn dieser repräsentative Agent?"

Darauf gibt es keine Antwort. Die Neoklassik behauptet zwar, dass sich die unterschiedlichen Bedürfnisse der Haushalte gegenseitig aufheben würden, weswegen es legitim sei, nur von einem einzigen "repräsentativen Konsumenten" auszugehen. Doch das ist reine Tautologie. Das makroökonomische Gleichgewicht wird bereits vorausgesetzt, das die "Mikrofundierung" erst beweisen soll.

Markteffizienzhypothese

Obwohl die DSGE-Modelle so bizarr sind, wurden sie trotzdem von den Zentralbanken benutzt. Die Finanzaufsicht war entsprechend lasch, denn die fiktive Robinsonade schien ja zu beweisen, dass Banken und Kredite für das Gesamtsystem irrelevant sind. Makroökonomisch hatte man also ausgesorgt, und auch in der Mikroökonomie gab es keine Zweifel, dass die Finanzmärkte stets effizient seien.

Dies wurde durch eine Theorie "bewiesen", die ebenfalls höchst seltsam anmutete: die "Efficient Market Hypothesis" (Markteffizienzhypothese). Drei Annahmen sollten belegen, dass die Finanzmärkte immer recht haben und jederzeit den "wahren" Wert von Aktien und Anleihen abbilden.

Erstens: Die Anleger sind rational. Zweitens: Sollten die Anleger nicht rational sein, macht das auch nichts. Denn ihre irrationalen Entscheidungen würden sich gegenseitig aufheben, so dass der Markt als Ganzes wieder rational sein würde. Drittens: Sollte der Markt tatsächlich einmal irrational sein, dann gäbe es garantiert Spekulanten, die sofort erkennen, dass die Aktien und Anleihen von ihrem "echten" Wert abweichen - und entsprechende Wetten abschließen.

Prompt würde sich der Markt wieder einpendeln. In dieser schönen Plastikwelt war die Zukunft so bekannt wie die Gegenwart. Spekulanten folgten nie der Herde, und es war auch nicht denkbar, dass sich eine Spekulationsblase aufpumpte, weil ständig Kredite ins System flossen.

Die Finanzkrise war extrem teuer

Die Ökonomen konnten die Finanzkrise gar nicht vorhersehen - denn sie hatten Crashs theoretisch ausgeschlossen. Blind vertraute man der Effizienz des Markts, was so absurd war, dass selbst Ökonomen schon Witze machten.

Einer ging so: "Ein Ökonom und ein Freund laufen die Straße entlang. Plötzlich sehen sie einen 100-Dollar-Schein auf dem Gehweg. Als sich der Freund bückt, um den Schein aufzuheben, sagt der Ökonom: 'Lass es - wenn es ein echter 100-Dollar-Schein wäre, hätte ihn schon jemand aufgehoben.'"

Es wäre lustig, wenn es nicht so tragisch wäre. Denn die Finanzkrise war extrem teuer. Weltweit summierten sich die Schäden auf viele Billionen. Verantwortlich waren auch jene Ökonomen, die liberalisierte Finanzmärkte forcierten, weil sie an die "Theorie der rationalen Erwartungen" glaubten.

Ihre Hybris hat Robert Lucas perfekt zum Ausdruck gebracht. Vor der Krise sagte er: "Ich glaube, Keynes' gegenwärtiger Einfluss als Ökonom ist ziemlich nah bei null, und war bei null in den vergangenen fünfzig Jahren. Keynes war kein besonders guter Ökonom. Er hat nicht viel zur Entwicklung des Fachs beigetragen." So kann man sich irren.

Nach der Krise ist vor der Krise

Die Mainstream-Ökonomen hatten den Crash zwar produziert, aber deuten konnten sie ihn nicht - und Lösungen hatten sie auch keine zu bieten. Achtzig Jahre Forschung erwiesen sich als weitgehend überflüssig.

Da die Neoklassiker ratlos waren, orientierten sich die Regierungen wieder an Keynes: Banken wurden gerettet, Konjunkturprogramme angeschoben und gigantisches "deficit spending" betrieben.

Diese Rettungsmaßnahmen waren enorm erfolgreich; eine Dauerdepression wie 1929 konnte vermieden werden. Doch es hatte seinen intellektuellen Preis, dass es nicht zu einer furchtbaren Krise kam: Die Neoklassik wurde nicht gezwungen, sich mit dem eigenen Scheitern auseinanderzusetzen.

Nach einer kurzen Schockstarre erholte sich der Mainstream wieder und postulierte unbeirrt die alten Gewissheiten. Ben Bernanke etwa sagte selbstbewusst: "Ich denke, dass die Forderung übertrieben ist, dass das ganze Fach neu überdacht werden muss. Ich würde argumentieren, dass die Finanzkrise im Wesentlichen ein Versagen der ökonomischen Steuerung und des ökonomischen Managements war - aber nicht der ökonomischen Wissenschaft."

Bernanke scheint also zu glauben, dass die "ökonomische Steuerung" in einem luftleeren Raum stattfindet und die Theorie keinerlei Einfluss darauf hat, wie die Banken beaufsichtigt werden. Wäre dies wahr, wären die Wirtschaftswissenschaften überflüssig. Tatsächlich ist es umgekehrt: Da die Neoklassik bei ihren alten Theorien verharrte, hat sich auch auf den Finanzmärkten nicht viel geändert.

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Nach der Krise wurden zwar neue Vorschriften erlassen, die inzwischen viele tausend Seiten umfassen - aber an den zentralen Stellschrauben des Systems wurde nicht gedreht. Der Derivatehandel läuft fast unverändert weiter und kommt immer noch, wie schon dargestellt, auf ein Volumen von 493 Billionen Dollar.

Nach der Krise ist also vor der Krise. Der Kapitalismus entwickelt sich völlig ungesteuert, weil der Mainstream eine Theorie vertritt, in der dieser Kapitalismus nicht vorkommt. Es ist eine Theorie ohne Großkonzerne, ohne Produktion, ohne Kredite - ja ohne Geld. Zur Neoklassik zählen sich etwa 85 Prozent aller Ökonomen. Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können" von Ulrike Herrmann. Das Buch ist beim Verlag Westend erschienen.

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