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Ulrike Graeber Headshot

Kunst: Paula Urbano - Das sind Wir

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Zehn Meter hoch ragt die Silhouette und verschmilzt mit dem Abendhimmel. Ein kraftvolles Spiel mit Licht und Schatten am Ufer des Motala Ström in Norrköping am letzten Samstagabend im Oktober 2013.

Oscillating Absence - Performance Installation

Ein Blickfang dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Kunstwerk, welches mich zum Stehenbleiben und Nachdenken animiert. Und nicht nur mir geht es so, sondern auch fast allen anderen Passanten. Wir bleiben stehen, wir sind neugierig, wir sind aufmerksam und wir sind offen.

Auf den ersten Blick sieht es bedrohlich aus, doch die Hand ist geöffnet und die Bewegungen sind sanft.

Denke ich an eine Skulptur, denke ich an etwas Starres, Festes, etwas in Stein gemeißelt und für immer und ewig. Diese Skulptur jedoch ist aus einem weichen dunklen Material, aus 70 Denier Nylon Taffeta und ist gefüllt mit Luft.

Es ist die Veränderung von Form, Farbe und Ausdruck im Spiel mit Wind, Licht und Schatten. Leben ist Veränderung, ist ein ständiger Wandel, ein Prozess dem wir unterliegen und die damit verbundenen Ängste und Spannungen und deren Reaktionen. Wie reagieren wir auf unsere Ängste? Reagieren wir mit Gewalt, mit Ignoranz, mit Stille, mit Einsamkeit, mit Ungerechtigkeit oder mit Offenheit, Neugierde und Toleranz? Sind wir schwach oder stark oder manchmal auch beides?

Paula Urbanos Worte zu Ihrer Performance:

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Lieber Fremder!

Frage mich nicht, wo ich herkomme.
Frage mich nicht, wo ich eigentlich herkomme.
Frage mich nicht, wo ich ursprünglich herkomme.
Frage mich nicht, von woher ich eingewandert bin.

Frage mich nicht, ob ich mich als Chilene sehe.
Frage mich nicht, ob ich mich als Schwede sehe.
Frage mich nicht, ob ich mich schwedisch oder chilenisch fühle.
Frage mich nicht, ob ich das eine oder andere bin.

Frage mich nicht, was ich normalerweise für Essen koche.
Frage mich nicht, was ich am Heiligabend esse.
Frage mich nicht, wie ich Heiligabend feiere.
Frage mich nicht, was in Chile gegessen wird.
Frage mich nicht, ob ich chilenisch spreche.
Frage mich nicht, ob ich chilenisch denke.

Frage mich nicht, was in Chile zu Ostern gegessen wird.
Frage mich nicht, wie man in Chile Ostern feiert.
Frage mich nicht, wie meine Familie Ostern in Schweden feiert.
Frage mich nicht, ob ich hierher gehöre.
Frage mich nicht, ob ich mich hier zu Hause fühle.

Entschuldige Dich nicht, wenn Du langweiliger bist als ich.
Entschuldige Dich nicht, wenn Du schlechter tanzt als ich.
Entschuldige Dich nicht, wenn Du nicht so locker bist wie ich.
Entschuldige Dich nicht, wenn Du grösser bist als ich.
Entschuldige Dich nicht, wenn Dein Haar dünner ist als meins.

Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen.

Du musst mir nicht sagen, dass ich klein bin.
Denke nicht, dass ich schönes Haar habe.
Sage nicht, dass Du Dir mein Haar wünschst,
wenn Du es nicht möchtest.

Ich will nicht hören, dass ich in Ordnung wäre aus Eurer Sicht.
Ich will nicht hören, ich sei in Ordnung.
Ich habe nicht um Deine Zustimmung gebeten.

Nenne mich nicht Einwanderer.
Nenne mich nicht Einwanderer der zweiten Generation.
Nenne mich nicht Ausländer.
Nenne mich nicht ausländischen Konkurrenten.

Sieh mich an.
Sieh über meine Haarfarbe hinweg.
Realisiere, dass ich Deine Sprache akzentfrei spreche.
Höre, dass ich die Konsonanten respektiere,
die Vokale betone, die kurzen und die langen.

Höre meine Geschichte.
Ich bin auf die gleiche Schule gegangen.
Ich habe die gleichen geriebenen Karotten und Milch bekommen.

Ich bin weder noch.
Ich bin beides.
Ich bin alles und ich bin nichts.
Ich bin ich.
Du bist du.
Du bist ich.
Ich bin wir.
Wir sind wir und
Das sind wir!

(Übersetzung: Ulrike Graeber)

Danke Paula Urbano!

http://paulaurbano.com/

http://paulaurbano.com/oscillating-absence/

http://vimeo.com/68909169