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Wie Sie einen Shitstorm antreiben

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Wer schon einmal eine Sau durchs Dorf getrieben hat, der wei├č, dass es ganz sch├Ân anstrengend sein kann. Die Kondition muss stimmen, die Waffen und dann muss man noch gen├╝gend Leute finden, die mit einem rennen - ansonsten ist man nur der amoklaufende Irre auf der staubigen Dorfstra├če. Das ist so im wahren Leben - aber auch im Internet. Und w├Ąhrend heute kaum noch einer wirklich eine Sau treibt, geschieht es im Internet umso h├Ąufiger. Politiker, Lebensmittelskandale, Ismen aller Richtungen - nachhaltig sind all die Hatzen nicht.

Nachdem das Tier das Dorf verlassen hat, bleiben alle rat- und rastlos zur├╝ck, machen weiter wie vorher und suchen sich das n├Ąchste Tier. Damit auch Sie bei der n├Ąchsten Jagd nicht fragend herumstehen, haben wir hier einmal die f├╝nf Punkte f├╝r eine erfolgreiche Jagd zusammengefasst.

1. Die Sau
Betreffen muss das Thema, die Sau, jeden. Sei es, weil man - wie im Fall von Br├╝derle - eine Frau ist, die angesprochen werden k├Ânnte, oder aber ein Mann, bei dem die M├Âglichkeit besteht, dass er aufgrund einer plumpen Anmache unangenehm auff├Ąllt. Sei es, weil man noch nie Tiefk├╝hlkost zu sich nahm und vorgibt, nur BIO zu kaufen - oder aber ohne die TK-Lasagne nicht kann. Der Themen gibt es viele, man muss nur klar dagegen oder daf├╝r sein und auch mit Halbwissen punkten k├Ânnen. Spezialthemen wie juristische Findigkeiten oder komplexe technische Zusammenh├Ąnge z├╝nden kaum und eignen sich nur bedingt. Bedenken Sie auch: Im Grundkern muss die Sau tats├Ąchlich ein wichtiges Thema ber├╝hren; so tief wird aber nie jemand in dieser Diskussion vordringen. Bei der Jagd geht es immerhin mehr um das gemeinschaftliche Emp├Âren als um das gemeinschaftliche Ver├Ąndern.

2. Die Verbreitung
Ist die Sau erst einmal gefunden, muss man sie nur noch antreiben. Sehr gut eignen sich daf├╝r Twitter und Blogs. Nat├╝rlich muss man daf├╝r bereits ein breites Standing haben, es ist also angeraten, sich schon h├Ąufiger als Teilnehmer einer Hatz hervorgetan zu haben. Vielleicht mit einem besonderen Post zum Thema oder aber durch besonderen Eifer. Erst dann gibt es die M├Âglichkeit, die Menge der Menschen anzusprechen, die ben├Âtigt wird, um den Text, mit dem alles beginnt, zu teilen, zu kommentieren, zu versenden.

3. Das Rennen
Nun geht es endlich los. Hoffentlich haben Sie gen├╝gend Puste. Eine Sau durch das Dorf zu treiben, dauert vielleicht nur eine Woche, daf├╝r ist das Tempo aber umso rasanter. Wenn Sie Gl├╝ck haben, springen die gro├čen und kleinen Medien mit auf, werden Talkshows auf die Problematik aufmerksam. Da m├╝ssen die Kr├Ąfte gespart und Informationsh├Ąppchen sorgsam eingeteilt werden. Verpulvern Sie nicht zu Beginn alle Informationen - man muss den st├╝rmischen Eifer aller Beteiligten zumindest wenige Tage befeuern k├Ânnen - da die meisten Teilnehmer sich nur durch Halbwissen auszeichnen, m├╝ssen diese Informationen nur in rund 50 Prozent der F├Ąlle auch wirklich aus Fakten und Daten bestehen. Setzen Sie auch immer wieder auf Emotionen - die werden nie hinterfragt.

4. Wohin eigentlich mit der Sau?
Irgendwohin soll solch eine Treibjagd durch das Dorf ja f├╝hren. Fr├╝her brachte die Hatz die Sau direkt zur Schlachtbank, aber heutzutage sind ja so viele Menschen Vegetarier und ohnehin! Also: Raus das Tier, das Thema! Irgendjemand wird Sie fr├╝her oder sp├Ąter fragen, was denn ├╝berhaupt die L├Âsung f├╝r das Problem sein k├Ânnte. ├ťberlegen Sie sich schon vorher gewichtige aber wertlose Worte wie "sch├Ąrfere Kontrollen", "mehr Sorgfalt" oder "Es muss ein Umdenken stattfinden". Kaum jemand wird weiter nachfragen. Worin die Kontrollen, die Sorgfalt oder das Umdenken bestehen sollen - egal.

5. Die Nachbereitung

Wichtig: Ist die Sau aus dem Dorf, wird sich nichts, aber auch gar nichts ├Ąndern. Die Emp├Ârung hallt kurz nach und verschwindet mit dem Auftreten einer neuen Sau. M├Âglich ist die R├╝ckkehr der Sau nach einigen Jahren, deshalb ist es von gr├Â├čter Wichtigkeit, alle Argumente gut zu behalten und auch nach Dekaden neu herunterpredigen zu k├Ânnen. Weisen Sie dann darauf hin, dass Ihre L├Âsungsvorschl├Ąge (siehe Punkt 4) offenbar nicht beherzigt wurden und sparen Sie nicht an "Ich habe es schon immer gewusst" - eine der Standardfloskeln f├╝r jedwede moralische Emp├Ârung.

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Der obige Text wurde geschrieben und einem Freund zur Korrektur vorgelegt - daraus entspann sich eine lange und immer wieder aufkommende Diskussion, wie denn dieses "Sau durchs Dorf treiben" nicht nur kurzfristig das Bewusstsein sch├Ąrfen k├Ânnte - sondern nachhaltig. Was muss passieren, damit Diskussionen ├╝ber Sexismus oder Betr├╝gereien mit Lebensmitteln eine langfristige Wirkung haben, die Sexismus vergessen und Lebensmittel sicher macht? Zwischen M├Ânchengladbach und Leipzig wurden die Telefondr├Ąhte hei├č. Es wurde geredet, diskutiert, eine Liste von Shitstorms erstellt und wissenschaftlich auseinandergenommen. Nur: Am Ende fand sich keine L├Âsung, kaum ein L├Âsungsansatz. Einig waren wir uns im Punkt: Diskussionen sind wichtig, Probleme m├╝ssen offen angesprochen werden. Nur: Wie ist es zu schaffen, dass all die Aufregung, die guten Ans├Ątze und die Ideen nicht in den Weiten des Internets lautlos verhallen? Wir zuckten mit den Schultern.┬á

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