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Der Daumen-Automatismus

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Wir sind ständig in Bewegung. Der Kopf ist gesenkt, die Augen beobachten Displays und die Hände scrollen, wischen oder tippen - Was ist nur mit dem schönen Nichtstun passiert?

In den vergangenen Tagen testeten wir eine App, bei der der Nutzer nichts anderes tun muss, als sich Bilder mit schöner Musik anzusehen: Earthlapse. Während wir dort saßen, an unserem Schreibtisch, zur Untätigkeit verdammt, bemerkten wir, wie unsere Hände zuckten. Hin in Richtung Smartphone, Display entsperren, Apps öffnen, Apps schließen.

Eine Bewegung, die uns in der Vergangenheit immer wieder bei uns auffiel. Vor dem Fernseher, in der Werbepause, in die Serien, den Film, die Talkshow hinein. Es fällt uns immer schwerer, uns auf eine Sache zu konzentrieren - und vor allem: die Hände still zu halten. Wie häufig wurden auf dem iPhone alle Apps geschlossen ("Heute aber kein Twitter mehr."), um nach drei Minuten in einer beinahe automatisierten Bewegung die App aufzurufen - ohne dass wir es wollten, das Rutschen des Fingers ist inkorporiert, ein Automatismus.

Als wir weiter vor der App saßen, das Smartphone auf das nächste Regal gelegt hatten, dachten wir darüber nach, dass es ständig so ist. In der Straßenbahn wird der Kommunikationsstand auf allen Ebenen überprüft. Und auch wenn bei Whatsapp keine kleine "1" zu sehen ist, wird dennoch geguckt - als ob die App uns Informationen vorenthalten wollte. Twitter wird an der Supermarktkasse aktualisiert, weil wir einen Tweet verpassen könnten. Und hin und wieder - siehe oben - beobachten wir unseren Daumen, wie er beinahe automatisch zum Aktualisieren einmal über das Display wischt.

Ein wenig Ablenkung fördert die Konzentration und die Kreativität, das ist seit einigen Studien bekannt. Aber was ist mit viel Ablenkung? Push-Nachrichten, die jede noch so gute To-Do-Liste in Gefahr bringen, Anrufe, Mails... Und dann noch der ständige Griff zum Smartphone, um Dinge zu überprüfen, die nicht überprüfenswert sind.

Wir sind in einer Spirale aus Wichtigem, Unwichtigem und absolut Unnötigem gefangen. Wie sehr, zeigt der Daumen-Automatismus zum Aktualisieren von Seiten. Vor einiger Zeit verließen wir ohne das Smartphone das Haus; fortan waren wir beseelt von dem Gedanken, etwas zu verpassen. Der Mund wurde rund zehnmal nachgeschminkt, die Bierflasche verlor das Etikett komplett und die Zeit verging schleppend. Unser Daumen zuckte.

Am 15. Dezember ist der Offline-Tag. Der dritte Advent, ein Sonntag. Und wir fragen uns: Was machen wir denn, wenn wir nicht online sind (nein, niemand zwingt uns, daran teilzunehmen)? Die Familie wohnt 500 Kilometer weit weg, wir leben allein. Das Smartphone ist Medien- und Kommunikationszentrum. Noch vor wenigen Jahren wären diese Gedankengänge weit weg gewesen: Endlich mal Zeit zum Lesen all der Zeitungsartikel, die sich im Korb stapelten, endlich einmal den Krimi lesen, der seit Wochen auf uns wartet! Mal wieder in Ruhe mit den Freunden brunchen gehen!

Dabei ist es nichts, was wir verpassen. "Ich muss erreichbar sein" ist in den meisten Fällen eine Ausrede. Nur in sehr wenigen Fällen gibt es den Notfall, den wir immer wieder vorschieben.

Eine Freundin sagte mal, sie würde nicht ihr Telefon besitzen; das Gegenteil wäre der Fall. Sie verspüre eine ständige Unruhe in sich, einem Magenkribbeln ähnlich, das man verspürt, wenn wir Dinge vor uns herschieben und wissen, dass wir es nicht tun sollten.

Das trifft es sehr gut. Das Rasen der Finger über das Display, das Schauen nach Nachrichten, Kommentaren und Likes hat das Nichtstun vertrieben. "Endlich einmal nichts tun" ist nicht mehr auf-dem-Sofa-liegen-und-eine-Serie-gucken. "Nichtstun" ist auf-dem-Sofa-liegen-eine-Serie-gucken-Apps-angucken-Facebook-öffnen-Füße-instagramen-Ninja-trainieren-Mais-ernten-Whatsapp-checken.

Wir teilen Ihnen natürlich mit, wie der 15. Dezember bei uns abgelaufen ist. Ganz ohne Apps, ohne Spiele, ohne Push-Benachrichtigungen. Mal gucken, was der Daumen an diesem Tag macht.