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Wer Flüchtlinge gegen Arbeitslose ausspielt, hat das Problem nicht verstanden

02/12/2017 12:27 CET | Aktualisiert 04/12/2017 10:03 CET

Ständig höre ich denselben Satz: Die Flüchtlinge bekämen viel mehr Geld vom Staat als die Deutschen. Ständig gefolgt von dem Lamento: Das sei doch unfair.

Fast jedes Mal brauche ich nur eine einzige Nachfrage zu stellen, um das Schimpfen als grundlos zu entlarven. Und jedes Mal frage ich mich, ob die Leute eigentlich verstehen, dass sie mit dem Schimpfen nicht nur den Flüchtlingen schaden. Sondern auch den Deutschen.

Viel Geschimpfe, keine Ahnung

Vorletztes Wochenende zum Beispiel: Da habe ich den Text "Wie Jobcenter-Mitarbeiter dafür sorgen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren" veröffentlicht. In den Kommentaren darunter behaupteten User, Arbeitslose würden gezielt auf die Straße gesetzt, um mehr Geld für Flüchtlinge ausgeben zu können.

Im Video oben: Wie Jobcenter Hartz-IV-Empfänger im Stich lassen

Beweise? Hat mir bislang keiner gezeigt.

Als Mitglied des Vereins aufRECHT e.V. berate ich seit vielen Jahren Erwerbslose, begleite sie zum Jobcenter und erkläre ihnen, wie sie fehlerhafte Bescheide anfechten können. Die Rechnung einiger Klienten scheint einfach: Das Geld, das die Regierung für die Unterbringung von Flüchtlingen ausgibt, sei das Geld, das die Jobcenter den deutschen Arbeitslosen vorenthalten.

Mehr zum Thema: Ex-Mitarbeiterin packt aus: In Jobcentern geht es nicht darum, Menschen zu helfen

Wie genau das zusammenhängt? Kann keiner sagen, weil der Zusammenhang schlicht nicht existiert.

Erst neulich kam ein Mann zu mir, der sich darüber beschwerte, wie viel mehr Geld ein Flüchtling kassiere.

Ob er denn wisse, wie viele Familienmitglieder sich die von ihm genannte Summe teilen müssten? Er hatte keine Ahnung.

Man sieht also, wie schnell der Vorwurf der Bevorzugung von Flüchtlingen in sich zusammenstürzt, wenn man ihm mit einer einzigen Nachfrage begegnet.

Die heikle Sache mit dem "Geld fürs Nichtstun"

Den meisten, die so schimpfen, ist nicht klar, dass sie mit solchen Aussagen allen sozial Schwächeren in Deutschland schaden - also oft auch sich selbst.

Allen Hartz-IV-Empfängern, die die behaupten, die Flüchtlinge bekämen alles fürs Nichtstun, muss doch eines klar sein: Genau das gleiche sagen viele Deutsche über euch! Sie sagen, dass ihr faul seid und der Staat euch fürs Nichtstun auch noch ein angenehmes Leben mit Hartz IV beschert!

Die wirklich Schuldigen werden nur stärker

Die Wut über die Jobcenter ist zwar mehr als verständlich, aber sie geht in die falsche Richtung. Kein Flüchtling ist schuld daran, dass die Jobcenter Hartz-IV-Empfängern zustehendes Geld nicht zuverlässig auszahlen.

Mehr zum Thema: Wie Jobcenter-Mitarbeiter dafür sorgen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren

Aber statt sich zu verbünden und sich dagegen gemeinsam zu wehren, scheint es vielen einfacher, auf die Schwächeren einzutreten. Das ist leider nichts anderes als Feigheit.

Viele trauen sich eben an die Großen nicht heran, denn die könnten ja zurückhauen, also wenden sie sich gegen diejenigen, die noch eine Stufe unter ihnen stehen und sich noch schlechter wehren können als sie selbst.

Die wirklichen Schuldigen, das sind unter anderem die Großkonzerne. Arbeiter werden als Humankapital ausgebeutet und dann fallen lassen, sobald Gewinneinbrüche zu befürchten sind. Auf diese Weise wird die Gier der Börsianer befriedigt, die wie ein Waldbrand die Arbeitsleistungen der Wertschaffenden plündern. Aber auch diejenigen tragen Mitschuld, die die Mächtigen gewähren lassen.

Solange sich die Bedürftigen gegenseitig beschuldigen, schwächen sie beide Positionen und sabotieren selbst den Kampf gegen das unsoziale Hartz-IV-System.

Wo bleibt die eigene Solidarität?

Ich habe oft genug Folgendes beobachtet: Häufig schimpfen Leute auf die Flüchtlinge, die selbst wenig Solidarität mit ihren deutschen Mitbürgern zeigen. Diese Menschen interessieren sich genauso lange für die Probleme der sozial Schwachen, wie sie selbst betroffen sind.

Betroffene kommen in die Beratung, weil sie Ärger mit dem Jobcenter haben. Dabei schimpfen sie erstmal auf die Flüchtlinge und sagen, die Deutschen sollten sich erstmal um die anderen Deutschen kümmern, die Hilfe brauchen.

Aber sobald ihr eigenes Problem gelöst ist, ziehen sie sich wieder in ihren Egoismus zurück. Die "anderen Deutschen" sind ihnen plötzlich wieder völlig egal. Sie lassen genau diejenigen im Stich, die ihnen angeblich so viel bedeuten.

Wenn wir alle gegen die wahren Schuldigen mehr zusammenstehen und mit einer Stimme sprechen würden, könnten wir auch viel mehr erreichen im Kampf gegen die Willkür der Jobcenter.

"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier."

Mahatma Gandhi


Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Veit Lindner.

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