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Einspruch: Arbeit macht nicht depressiv!

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"Depressionen nehmen zu, und die heutige Arbeitswelt ist ein Grund dafĂŒr" - dies ist eine verbreitete Überzeugung, oft verbunden mit Forderungen an Politik und Unternehmen, etwas dagegen zu tun. Doch schon die erste der beiden Aussagen ist falsch. Es erkranken heute nicht mehr Menschen an Depressionen als in frĂŒheren Jahrzehnten.

Dies zeigen ganz klar epidemiologische Untersuchungen in der Allgemeinbevölkerung. Was dagegen zugenommen hat, ist die DiagnosehĂ€ufigkeit. So erfolgten vor 30 Jahren ca. 9 Prozent aller FrĂŒhberentungen wegen Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen, heute sind es dagegen ca. 43 Prozent.

Auch die Zahl der ArbeitsunfĂ€higkeitstage wegen Depression oder anderen psychischen Erkrankungen hat drastisch zugenommen. Grund hierfĂŒr ist aber, dass mehr depressiv Erkrankte sich heute trauen, sich Hilfe zu holen, dass Ärzte Depressionen besser erkennen und dass Depressionen weniger hinter besser klingenden Ausweichdiagnosen wie chronischer RĂŒckenschmerz, Tinnitus etc. versteckt werden.

Es handelt sich also um eine sehr erwĂŒnschte Entwicklung, und dass dies so ist, dafĂŒr spricht der RĂŒckgang der Suizide in denselben 30 Jahren von jĂ€hrlich 18.000 auf heute 10.000. Mehr Menschen erhalten die richtige Diagnose, werden behandelt, und das Suizidrisiko sinkt. Mit ca. 5 Millionen erkrankten Menschen mit Depressionen war und ist dies eine der wichtigsten Volkskrankheiten in Deutschland. FĂŒr eine arbeitsbedingte Depressionsepidemie gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt.

Arbeit macht nicht depressiv

Auch die zweite Annahme, dass Stress am Arbeitsplatz eine hĂ€ufige Ursache fĂŒr Depressionen sei, ist nicht belegt. Depressionen sind bei BerufstĂ€tigen eher seltener als bei Nicht-ErwerbstĂ€tigen oder Menschen in Teilzeit. Auch gibt es keine HĂ€ufung von Depressionen in Hochleistungsbereichen.

Eine aktuelle, methodisch sehr sorgfĂ€ltige Langzeitanalyse des Max-Planck-Instituts fĂŒr Psychiatrie in MĂŒnchen (Titel "Der Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit", November 2015) bestĂ€tigt das: Zum einen wurde im Vergleich zu vor zehn Jahren keine Zunahme psychischer Erkrankungen und zum zweiten kein bedeutsamer Einfluss von Arbeitsmerkmalen auf das Auftreten von Erkrankungsphasen gefunden.

Die Autoren schließen, dass Merkmale des Arbeitsplatzes und der ArbeitstĂ€tigkeit bezĂŒglich des Erkrankungsrisikos keine oder höchstens eine untergeordnete Rolle spielen. Das Depressionsrisiko hĂ€ngt ĂŒberwiegend von in der Person selbst liegenden Ursachen wie der Veranlagung und nicht von den Belastungen durch die Arbeit ab.

Betriebsinterne Stress-PrĂ€ventionsprogramme können deshalb vielleicht die Arbeitszufriedenheit und andere gesundheitliche Aspekte gĂŒnstig beeinflussen, es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass dadurch Depressionen verhindert werden können. Liegt bei einem Menschen eine genetisch bedingte oder durch frĂŒhe traumatische Erfahrungen erworbene Veranlagung zu Depressionen vor, dann können schon kleine Lebensereignisse, wie sie das Leben immer und ĂŒberall bietet, als Auslöser wirken.

Entwickelt sich dann die Depression, so stellt sich regelhaft das GefĂŒhl der Überforderung und völligen Erschöpfung ein, und die Arbeit wird fĂ€lschlich als Ursache gesehen. Die Depression sucht sich jeweils ihre GrĂŒnde, indem sie alles Negative, was das Leben gerade bietet, in den Mittelpunkt rĂŒckt und vergrĂ¶ĂŸert, und das sind bei BerufstĂ€tigen oft Probleme am Arbeitsplatz.

Nach Behandlung der Depression ist die Arbeit zwar noch immer anstrengend, aber machbar. Wichtig: WĂ€hrend der depressiven Erkrankungsphase mit der schwarzen Brille der Depression sollten daher keine wichtigen Entscheidungen wie z.B. ein Arbeitswechsel getroffen werden.

Der Arbeitsmarkt wird eine immer grĂ¶ĂŸere Herausforderung

Nicht zu bestreiten ist, dass es bei den heutigen, immer schnelleren und verdichteten ArbeitsablĂ€ufe fĂŒr Menschen mit krankheitsbedingten Leistungseinbußen immer schwieriger wird, sich im Arbeitsmarkt zu behaupten.

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Auch kann es bei Menschen mit einer Veranlagung fĂŒr Depressionen vorkommen, dass sehr ungĂŒnstige ArbeitsverhĂ€ltnisse mit Überforderung, KrĂ€nkungen und Konflikten als Auslöser fĂŒr eine depressive Episode wirken.

Arbeit ist aber selten die Hauptursache. Die klinische Erfahrung zeigt dagegen, dass es Menschen mit leichteren Depressionen und unterstĂŒtzendem Arbeitsumfeld nicht selten vorziehen, bei reduziertem Pensum im Arbeitsprozess zu bleiben, statt grĂŒbelnd zu Hause im Bett zu liegen.

Unternehmen können viel fĂŒr ihre Mitarbeiter tun

Auch wenn die Möglichkeiten, Depressionen durch betriebsinterne gesundheitsfördernde Maßnahmen zu verhindern, beschrĂ€nkt sind, so kann hier aus Sicht der Unternehmen doch viel getan werden.

Durch Vermittlung von Basiswissen zu Depression inklusive GesprĂ€chs- und HandlungsleitfĂ€den fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte, Personalverantwortliche und auch BetriebsrĂ€te bzw. Ombudsleute kann erreicht werden, dass depressiv erkrankte Mitarbeiter rascher den Weg in eine konsequente Behandlung finden.

Hierdurch können nicht nur Leid, sondern fĂŒr die Unternehmen auch Kosten durch Absentismus oder PrĂ€sentismus (also Abwesenheit im Krankheitsfall oder Anwesenheit trotz Krankheit) verhindert werden. Gerade depressiv Erkrankte sind im Übrigen im gesunden Zustand oft LeistungstrĂ€ger. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet Unternehmen hierbei Beratung und UnterstĂŒtzung z.B. durch Schulungen und Hotlines an.

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