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Wer hat uns verraten?

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Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" auf der Bühne

Didier Eribon hatte mit seiner „Rückkehr nach Reims" einen so durchschlagenden Erfolg, weil er plausibel den Niedergang der Linken (nicht nur) in Frankreich erklärte - mit einer Mischung aus Roman, (Auto)Biographie und Soziologie. Er stammt aus der Arbeiterklasse und ihm gelang, Abitur zu machen, zu studieren und eine Karriere als Akademiker. Das entfremdete ihn von seiner Familie - er hatte kaum noch Kontakt. Eribon untersucht, welche Enttäuschung das bei seinem Vater, seiner Mutter und seinen Brüdern hervorgerufen hat - wie sie, weil das keine vereinzelte Erfahrung war/ist, dazu führte, dass sich die Arbeiter von ihren Parteien, insbesondere den Sozialisten und Kommunisten, enttäuscht (in des Wortes verwegenster Bedeutung) abwandten - sie fühlten sich verraten (getäuscht). Sie suchten nach Ersatz - der Grund, weshalb der Front National in Frankreich so enorm Wähler gewann.

Erstens

In der Theaterfassung der Schaubühne in Berlin wird dieses Narrativ eine Grundlage - ein Regisseur ist dabei, einen Film (mit vielen Dokumentarszenen) über Eribons Roman zu collagieren und trifft sich mit seinem Toningenieur und einer berühmten Schauspielerin im Studio, um seinen Film mit Text zu unterlegen.

Dieser erste Teil ist wohl der beste: Die Bilder des Films erscheinen typisch für Frankreichs Misere: Industrieruinen, schlichte Arbeitersiedlungen, runtergekommen, nur noch Reste von Farben, zerschlagene Fensterscheiben, Elend. Frauen im Kittel. Zerarbeitete Hände. Die stärkste Szene zeigt einen Fleischer (ein Bruder Eribons ist Metzger) in der Schlachterei beim Zerlegen. Das wirkt roh und trägt die Anklage: Die Welt ist ein Schlachthaus, der Klassenkampf geht weiter, das Verhältnis von Bourgeoisie und Arbeiterschaft ist nach wie vor Krieg.

Zweitens...

Im zweiten Teil mischt sich die Schauspielerin ein. Nina Hoss spielt sie als kluge, scharfsinnige Frau. Die Aktrice hat Einwände gegen den Text ihres Regisseurs - die beiden erörtern die Frage: Wollen die herrschenden Klassen diesen Krieg, oder entbrennt er hinter ihrem Rücken, nehmen die Reichen das Elend der arbeitenden Mehrheit nur (billigend?) in Kauf - ist gewissermaßen niemand Schuld, bestenfalls das System? Hier kommt der philosophische Tiefgang des Texts zu seinem Recht.

... und Drittens

Der Schluss erscheint zunächst verblüffend, dann folgerichtig. Nina Hoss spielt Nina Hoss - sie erzählt von ihrem Vater, der Klassenkampf in Deutschland betrieb: als Parteimensch, Parlamentarier, als Gewerkschafter und Aktivist. Man kann etwas tun. Man darf nicht bei der Kritik der Fehler verbleiben. Wer das linke Projekt fördern will, findet seinen Platz - wenn er eben nur will.

Regisseur Thomas Ostermeier und sein Ensemble machen es vor - ihre Inszenierung ist ein Beispiel für ein linkes Projekt - es gelingt nicht zuletzt wegen Nina Hoss. Die Schauspielerin ist nicht nur aufregend schön - sie ist intelligent, wirkt engagiert und findet genau den richtigen Ton - er ist oft elegisch. Aber genau die aus diesem Ton entspringende Schwermut lähmt. Nina Hoss sucht einen Ausweg aus der Lähmung mit der Beschreibung des Lebens ihres Vaters. Action brings satisfaction.

Mit den Mitteln konventioneller Theaterkritik kann man von einem geglückten, durchdachten Abend sprechen. „Die Rückkehr nach Reims" ist aber mehr: Politisches Theater - nicht nur didaktisch, sondern eindeutig agitatorisch:

Wer wenn nicht wir?! Und wann, wenn nicht jetzt?!


Ulrich Fischer

Aufführungen am 1., 11., 12., 13., 14. und 15. Okt.; in englischer Sprache mit der Premierenbesetzung aus Manchester am 22., 25., 26., 27. und 28. Nov. -Aufführungsdauer: ca. 2 Std.
Theaterkasse: 030 30 890023 - Internet: www.schaubuehne.de