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Verharmlost

30/05/2016 18:36 CEST | Aktualisiert 31/05/2017 11:12 CEST

"Dreigroschenoper" in London als Musical

LONDON ist ein besonders guter Ort, Brechts "Dreigroschenoper" aufzuführen. Das National Theatre ist sich dessen wohl bewusst und betont schon im (ausgezeichneten) Programmheft, dass 200 Jahre vor der Dreigroschenoper (1928 in Berlin uraufgeführt) John Gays „Beggar's Opera" (1728) an der Themse gespielt wurde - auf der „Bettleroper" fußt die „Dreigroschenoper".

Es geht um Reichtum und Armut, um Verbrechen und Korruption. Rufus Norris, der Intendant des Nationaltheaters, führte selbst Regie im riesigen, über 1000 Zuschauer fassenden Olivier, dem großen Haus. Er legte den Schwerpunkt auf Musik und Gesang. Rosalie Craig, die Darstellerin der Polly, wurde stimmlich noch übertroffen von George Ikediashi, der eingangs die Moritat von Mackie Messer sang: „Und der Haifisch,/ der hat Zähne ....". Insgesamt singt das Ensemble besser als nur wacker, auch wenn es nicht die Souveränität von Ikediashi hat. Aber das ist nicht der Einwand, der am schwersten wiegt:

Norris inszeniert zu musicalmäßig, zu opulent, die Schauspieler müssen auch noch tanzen (Choreographie: Imogen Knight) - die Regie konfligiert hier mit der Musik. In der Interpretation von David Shrubsole klingen Kurt Weills Kompositionen nämlich oft höchst dissonant und erzählen von der Härte der Armut, die die Regie bagatellisiert. Vicki Mortimers Bühne lehnt sich an Brechts Überlegungen zum epischen Theater an, arbeitet mit großen, fahrbaren Treppen und der Drehbühne. Die Verwandlung vom Haus der Peachums, den Eltern von Polly, zum Puff ist über alle Maßen virtuos. Während Peachums Geschäft im Orkus verschwindet, steigt das Bordell, das Mackie zum Verhängnis wird, aus dem Kellergeschoss auf - ästhetisch anspruchsvoll, wunderbar, ein Zauber, ein Fluss an Bewegung.

In die gleiche Kerbe des Schönen schlug Simon Stephens, ein namhafter zeitgenössischer britischer Dramatiker der mittleren Generation, der die „Dreigroschenoper" neu übersetzt und bearbeitet hat. Er hatte viele glänzende Ideen: z.B. verwandelt Stephens den alten Bettlerkönig Peachum in einen Transvestiten. Nick Holder weiß mit der Idee zu wuchern und kann beim (begeisterten) Schlussbeifall den Löwenanteil verbuchen. Aber auch die Bearbeitung zielte mehr auf Unterhaltung als auf den gesellschaftskritischen Kern, die Schärfe der Attacke Brechts auf die soziale Ungerechtigkeit.

Die neue Inszenierung der „Dreigroschenoper" wurde bei der Premiere am Donnerstag ein umjubelter Publikumserfolg. Dem Vernehmen nach will Mackie sich demnächst eine Aufführung selbst ansehen. Er ist inzwischen Vorstandsvorsitzender einer großen Bank und ein großzügiger Mäzen. Die Queen will ihn, wie man hört, da er ja schon Ritter ist, zum Lord erheben.

Ulrich Fischer

Aufführungen bis Ende August - Spieldauer: 2 Std. 40 Min.

Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk

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