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"Dreigroschenoper" in London als Musical

LONDON ist ein besonders guter Ort, Brechts "Dreigroschenoper" aufzuf├╝hren. Das National Theatre ist sich dessen wohl bewusst und betont schon im (ausgezeichneten) Programmheft, dass 200 Jahre vor der Dreigroschenoper (1928 in Berlin uraufgef├╝hrt) John Gays ÔÇ×Beggar's Opera" (1728) an der Themse gespielt wurde - auf der ÔÇ×Bettleroper" fu├čt die ÔÇ×Dreigroschenoper".

Es geht um Reichtum und Armut, um Verbrechen und Korruption. Rufus Norris, der Intendant des Nationaltheaters, f├╝hrte selbst Regie im riesigen, ├╝ber 1000 Zuschauer fassenden Olivier, dem gro├čen Haus. Er legte den Schwerpunkt auf Musik und Gesang. Rosalie Craig, die Darstellerin der Polly, wurde stimmlich noch ├╝bertroffen von George Ikediashi, der eingangs die Moritat von Mackie Messer sang: ÔÇ×Und der Haifisch,/ der hat Z├Ąhne ....". Insgesamt singt das Ensemble besser als nur wacker, auch wenn es nicht die Souver├Ąnit├Ąt von Ikediashi hat. Aber das ist nicht der Einwand, der am schwersten wiegt:

Norris inszeniert zu musicalm├Ą├čig, zu opulent, die Schauspieler m├╝ssen auch noch tanzen (Choreographie: Imogen Knight) - die Regie konfligiert hier mit der Musik. In der Interpretation von David Shrubsole klingen Kurt Weills Kompositionen n├Ąmlich oft h├Âchst dissonant und erz├Ąhlen von der H├Ąrte der Armut, die die Regie bagatellisiert. Vicki Mortimers B├╝hne lehnt sich an Brechts ├ťberlegungen zum epischen Theater an, arbeitet mit gro├čen, fahrbaren Treppen und der Drehb├╝hne. Die Verwandlung vom Haus der Peachums, den Eltern von Polly, zum Puff ist ├╝ber alle Ma├čen virtuos. W├Ąhrend Peachums Gesch├Ąft im Orkus verschwindet, steigt das Bordell, das Mackie zum Verh├Ąngnis wird, aus dem Kellergeschoss auf - ├Ąsthetisch anspruchsvoll, wunderbar, ein Zauber, ein Fluss an Bewegung.

In die gleiche Kerbe des Sch├Ânen schlug Simon Stephens, ein namhafter zeitgen├Âssischer britischer Dramatiker der mittleren Generation, der die ÔÇ×Dreigroschenoper" neu ├╝bersetzt und bearbeitet hat. Er hatte viele gl├Ąnzende Ideen: z.B. verwandelt Stephens den alten Bettlerk├Ânig Peachum in einen Transvestiten. Nick Holder wei├č mit der Idee zu wuchern und kann beim (begeisterten) Schlussbeifall den L├Âwenanteil verbuchen. Aber auch die Bearbeitung zielte mehr auf Unterhaltung als auf den gesellschaftskritischen Kern, die Sch├Ąrfe der Attacke Brechts auf die soziale Ungerechtigkeit.

Die neue Inszenierung der ÔÇ×Dreigroschenoper" wurde bei der Premiere am Donnerstag ein umjubelter Publikumserfolg. Dem Vernehmen nach will Mackie sich demn├Ąchst eine Auff├╝hrung selbst ansehen. Er ist inzwischen Vorstandsvorsitzender einer gro├čen Bank und ein gro├čz├╝giger M├Ązen. Die Queen will ihn, wie man h├Ârt, da er ja schon Ritter ist, zum Lord erheben.
Ulrich Fischer

Auff├╝hrungen bis Ende August - Spieldauer: 2 Std. 40 Min.
Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk

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