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Überinszeniert

30/07/2017 15:28 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 15:28 CEST

Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" bei den Salzburger Festspielen

SALZBURG. Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann - das war lange schon ein Projekt des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Jetzt kam die Premiere bei den Salzburger Festspielen heraus. "Rose Bernd" erwies sich als glückliche Wahl, obwohl das "Schauspiel", wie Gerhart Hauptmann das Drama einordnet, schon 1903 in Berlin uraufgeführt wurde. Auf den ersten Blick erscheinen die Vorurteile, die Rose in die Verzweiflung und zum Kindsmord treiben, ein geschlossenes System - tatsächlich aber wissen wir, dass dieses Elend überwunden werden konnte. Und was besonders optimistisch stimmt: Die Kunst hat daran ihren Anteil, sie hat die öffentliche Meinung mit zum Wandel bewogen.

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Lina Beckmann als Rose Bernd - Foto: Monika Rittershaus

Gespielt wurde, um genau zu sein, nicht in Salzburg, sondern im benachbarten Hallein, in einer ehemaligen Saline. Der Werkstattcharakter kommt „Rose Bernd entgegen, weil Hauptmanns Schauspiel in der Arbeitswelt spielt. Rose ist eine Bauernmagd, sie schindet sich für ihren Vater und ihre Schwester; die Mutter ist verstorben.

Überdeutlich

Regie führt Karin Henkel. Sie kennt sich mit Hauptmann aus, ihre Inszenierung der "Ratten" wurde 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Kenntnis Hauptmanns ist ein Vor-, aber auch gleichzeitig ein Nachteil. Die Regisseurin versteht alles und will dies alles dem Publikum mitteilen, neigt deshalb zur Überdeutlichkeit. Sie verstärkt Hauptmanns couragierten und klugen Angriff aufs Christentum, auf dessen menschen- und körperfeindliche Moral: Volker Hintermeiers Bühnenbild hat nicht nur ein Kreuz an zentraler Stelle, es müssen zwei sein und auch die Pfade, die die Schauspieler gehen, kreuzen sich. Eine Gruft überwölbt die Szene, sie ist schwarz - wie die meisten Kostüme, und auf einem schwarzen Gazevorhang steht auf Englisch, die Zukunft sei ein Albtraum. Hinten links brennen rot ewige Lichter, Hinweise auf das Kind Roses, das sie, gleich nach der heimlichen Geburt, verzweifelt erwürgen wird.

Diese Überdeutlichkeit wirkt unangenehm, als meine die Regisseurin, ihr Publikum sei schwer von Kapee - aber sie bildet eine solide Grundlage für die Darsteller.

Lina Beckmann spielt Rose Bernd - die Kindsmörderin, ähnlich Grete im "Faust". Eine große, eine schwere Aufgabe, die sie überzeugend löste. Lina Beckmann wusste leise Stellen zu setzen, aber auch grelle, wenn Rose sich gegen Angriffe, erotische Attacken oder üble Nachrede zur Wehr setzte. Beckmanns Exaltationen wirkten überzeugend und gipfelten in den Schlussszenen. Wenn Rose bekennt, dass sie sich geschämt habe, wirkt das wie eine Anklage gegen die Männerwelt - die ihr die Schuld zuweist, die sie selbst auf sich geladen hat.

Männer!

Die Herren der Schöpfung spielen keine rühmliche Rolle, Rose wird ihr Opfer. Michael Prelle spielt ihren Vater als bornierten Rechthaber, Markus John als Flamm, ihr Geliebter, stellt sich nicht seiner Verantwortung, lässt Rose im Stich. Am überzeugendsten spielt Gregor Bloéb Arthur Astreckmann, den Schürzenjäger und eitlen Gockel, der gern mit seinen Eroberungen prahlt. Das Ensemble ist vorzüglich und lässt nichts zu wünschen übrig. - Karin Henkel erfindet zwei Chöre hinzu, sechs kleine Mädchen verkörpern Roses jüngere Schwester, und fast zwanzig Männer „Kirchleute/Arbeiter". Das gehört zu den Übertreibungen, die den Anschein erwecken, Karin Henkel meine, sie wisse es besser als Gerhart Hauptmann. Moritz Rinke hat solche Theatermenschen, die unter schwerem Dünkel leiden, mal „Dramasseure" genannt - das passt.

Dass die Inszenierung trotz dieser Überdeutlichkeiten gelungen ist, liegt an den Schauspielern.

Das Publikum dankte den Hamburgern mit lautem Jubel. Als Lina Beckmann zum Schlussbeifall auf die Bühne trat, schwoll der Applaus an, erst standen einige Zuschauer auf, dann mehr und schließlich fast alle: Standing Ovations.

Lina Beckmann wirkte sichtlich bewegt.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 31. Juli; 1., 4., 5., 6., 8. und 9. August - Spieldauer: 3 Stunden.

Internet: www.salzburgfestival.at.

In der nächsten Spielzeit wird die Aufführung in Hamburg vom Deutschen Schauspielhaus übernommen.

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