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Tief geschürft

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Tief geschürft
Hilary Mantels "Hilfsprediger" auf Deutsch

"Der Hilfsprediger" ist die Geschichte einer Befreiung. Hilary Mantel beginnt ihren Roman englischgrau und lässt ihn strahlend hell enden.

In den fünfziger Jahren des Zweiten Weltkriegs herrschen in einem Kaff in Nordengland Lähmung, Langeweile, Engherzigkeit und Engstirnigkeit. Vater Angwin, der Hirte der katholischen Gemeinde, hat sich eingerichtet und trägt seinen Teil zum Elend redlich bei. Zentrum der Misere aber ist ein kleines Frauenkloster mit angeschlossener Schule. Dort unterrichtet unter anderem Schwester Philomena. Sie ist jung und es macht ihrer Oberin Freude, sie zu schikanieren. Hilary Mantel exzelliert darin, die Mechanismen der Schurigelei so überzeugend zu schildern, dass der Leser sich an "La Religieuse" ("Die Nonne", Denis Diderot,1796) erinnert.

Ein Hilfsprediger kommt, ebenfalls jung, scharfsinnig, und unterstützt Schwester Philomena dabei, sich zu befreien. Das geschieht Schritt für Schritt und gibt Raum für die Darstellung der alleralbernsten Verstrickungen, die der Glauben und eine fehlgeleitete Theologie bereithalten, um junge Mädchen (und nicht nur sie) in die Irre und Abhängigkeit, Unfreiheit, ins Elend und in Depressionen zu führen. Hilary Mantel überzeugt durch Detailgenauigkeit. Allein die Schilderung der Kleidung und der Wäsche der jungen Nonne sind ein Meisterinnenstück und weisen auf ein ausgeklügeltes System körperfeindlichkeitsgestützer Unterdrückung.

Auf dieser Folie strahlen die kurzen, wenigen Seiten der Befreiung aus diesem Gespinst um so heller.

Obwohl der Kosmos des englischen Katholizismus gezeichnet wird, hat man den Eindruck, dass Hilary Mantel den Puritanismus (als Wesen der Engländer) beschreibt und dabei in die Tiefe geht. Das Wetter trägt zur Depression bei, der Regen, der Mangel an intellektueller Redlichkeit, die Dürftigkeit - und die Anlehnung an die besten Traditionen der englischen Literatur. Hilary Mantel verflicht den realistischen Handlungsstrang mit mythischen und fantastischen Fäden - der Hilfsprediger, der dem Roman im Deutschen den Titel gibt (engl.: "Flood", der Name des Mannes, der sich als Theologe ausgibt), ist mutmaßlich der Teufel: und er ist nicht der einzige in Fetherhoughton (so der Name des fiktiven Ortes der Handlung). Fetherhoughton ist die Hölle, das Zentrum das Kloster und die Oberin verschwindet aus dieser Welt in einem rätselhaften Feuer, über das man nur raunen kann.

Wie Hilary Mantel Analyse und Unterhaltung, Kenntnis und Einfühlung verbindet, das ist meisterhaft. Als männlicher Leser habe ich so viel über Frauen erfahren wie lange nicht. Die Attacke gegen den Katholizismus und die Theologie überhaupt sind kraftvoll und werden von englischem Humor so sehr verstärkt, dass die Lektüre eine Lust ist.

Der Verlag hat für den Buchumschlag eine dicke Kerze gewählt. Eben ist sie ausgeblasen - schwarzer Schwalch steigt vom Docht empor. Das trifft das Zentrum des Buches. In Zeiten einer Gleichgültigkeit gegenüber religiösem Wahn, der sich als Toleranz gibt, ist es gut, dass DuMont dieses Buch veröffentlicht - und dann in einer so kompetenten, flüssigen Übersetzung wie der von Werner Löchner-Lawrence.

Hilary Mantel gilt als hervorragende Erzählerin unserer Epoche, sie ist mit Lorbeer überhäuft. Zwei ihrer historischen Romane über die Tudor-Zeit ("Wölfe", "Falken"), gleich zwei Mal mit dem Booker-Preis ausgezeichnet, sind atemberaubend . "Der Hilfsprediger" erscheint als Studie über das Bewusstsein von Menschen, die, in Glauben und Aberglauben verstrickt, sich zu befreien suchen - als Vorarbeit über die Studien zu den Religionskriegen. Hilary Mantel wirbt nachdrücklich dafür, die Erkenntnisse, die wir inzwischen zugewonnen haben, die Aufklärung, energisch zu verteidigen. Mit dem hellen Ende verbindet sie den Optimismus, dass Befreiung möglich und beglückend ist.

Trotz alledem.
Ulrich Fischer

Hilary Mantel: Der Hilfsprediger, DuMont 2017, 207 S., gebunden, ca.23,00 €

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