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Theatergold im Dreck

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John von Düffels "Martinus Luther" in Münster uraufgeführt

MÜNSTER. John von Düffel ist einer der meistgespielten deutschen Dramatiker. Seine Bearbeitung von Thomas Manns Jahrhundertroman "Buddenbrooks" wird landauf landab gespielt. Als er von einem Theatermann gebeten wurde, ein Stück über Martin Luther zu schreiben - wegen des Gedenkjahres 2017 -, willigte er ein.

Die Uraufführung ging gestern über die Bretter, die die Welt bedeuten - ausgerechnet in Münster, einer erzkatholischen Stadt. Münsters Theater liegt im schwarzen Schatten des mächtigen Doms. Als der Vorhang aufging, drehte sich alles um den Reformator.

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Foto: Oliver Berg


Der Untertitel "Anfang und Ende ...

Der erste Akt dreht sich um den jungen Luther: Martin will Mönch werden - gegen den Willen des Vaters. Der Vater ist nicht nur eine Autorität, er ist autoritär. Martin soll Jurist werden, soll ein reiches Mädchen aus guter Familie heiraten - der Vater wünscht gesellschaftlichen Aufstieg. Der Junge kann ja gar nicht wissen, was gut für ihn ist. Außerdem ist der väterliche Wille Gesetz.

Martin hat seine liebe Not sich durchzusetzen.

Düffels Entscheidung, die Figuren nicht das Hochdeutsch unserer Tage, sondern Lutherdeutsch sprechen zu lassen, ist folgenreich. Das Deutsch des 15. und 16. Jahrhunderts wirkt nicht nur alt und betont den zeitlichen Abstand - es klingt in unseren Ohren auch komisch - und naiv. Luther erscheint als Kind seiner Zeit, er ist kein Mann mit großem Überblick. Mit dem Kunstmittel, den Reformator dieses altfränkische Deutsch sprechen zu lassen, holt John von Düffel Luther vom Sockel.

Diese künstlerische Entscheidung wird gestützt von einer zweiten, ebenso folgenreichen. Düffel überspringt Luthers heldenhafte Auftritte vor dem Reichstag, die Flucht, die Bibelübersetzung - auf den jungen folgt sofort der alte Luther.

... und Ende eines Mythos'" ist ebenso ironisch wie mehrdeutig

Der alte Luther ist autoritär wie sein Vater. Es gibt keinen Fortschritt hin zur Liberalität. Um das zu unterstreichen, hatte Düffel eine brillante, höchst theatralische Idee, die einmal mehr die Komik betont, die das ganze Drama grundiert. Der Darsteller, der im ersten Teil den Vater spielte, verkörpert im zweiten Teil den alten Luther. Und der spricht jene Vorurteile unmissverständlich aus, z.B. gegen Juden, die heute evangelische Theologen in Verlegenheit und Begründungsnot bringen.

John von Düffels Porträt ist wenig schmeichelhaft, dafür umso überzeugender: Martin Luther war selbst keine überragende Persönlichkeit, die Zeitumstände haben ihn bedeutsam gemacht. Er war autoritär, ebenso engherzig wie engstirnig und sollte von uns - Anfang des 21. Jahrhunderts - kritisch betrachtet werden. Düffels Kommentar zum heraufziehenden Lutherjahr ist ein skeptisches Lächeln. Bitte nicht überschätzen! John von Düffel war als junger, feuerköpfiger Dramatiker antiautoritär. Er ist es bis heute geblieben.

Dramenökonomie

Das Stück kommt mit sage und schreibe nur drei Schauspielern aus, genauer: eine Dame, zwei Herren. Ein Geniestreich. Aber das Theater, das sich für diese hochkonzentrierte Geschichtslektion entscheidet, sollte über erstklassige Darsteller verfügen. Und entsprechendes Leitungspersonal.

Regisseurswillkür ...

Max Claessen führt Regie. Seine Entscheidungen sind willkürlich. John von Düffel notiert ein altertümliches Lutherdeutsch - in Münster sprechen die Akteure das Deutsch unserer Tage mit leicht sächsischem Anklang - mitunter. - Der Dramatiker beschränkt sich auf das Allernotwendigste - drei Spieler. Der Münsteraner Regisseur fügt einen großen Chor hinzu. Der singt. Evangelische (?) Kirchenlieder. Aus konzentriertem Theater mach Opulenz. - Bei Düffel geht es um unsere Geschichte, die Reformation vor fünfhundert Jahren - in Münster fährt ein Darsteller Fahrrad auf der Bühne, es wird geraucht, gibt Dosenbier ... statt Konzentration auf Geschichtsbewusstsein ein paar Anachronismen.

... und die desaströsen Folgen

Max Claessen weiß es besser. Er ist zwar nicht wie Düffel Mitglied des Ensembles des Deutschen Theaters, aber er weiß es besser. Claessen hat keinen Doktor, aber er weiß es besser. Düffel ist zwar Professor und Dozent an einer der angesehensten Kunsthochschulen des Landes, Claessen nicht, aber er weiß es besser. Er ist ja Regisseur, nicht so ein popeliger Dramatiker wie Düffel.

Das Herz des Kritikers blutet, während auf der Bühne die Kontur von Düffels Porträt des Reformators an Kontur ins Beliebige zerfließt, die Mitte sich in Einzelheiten verliert. Düffel malt das konsistente Bild eines autoritären Charakters, in unserm Land eine (leider immer noch) weit verbreitete Persönlichkeit, die einige für das Unglück unserer Nation und der Welt verantwortlich machen - davon bleibt nichts. Ein paar Liedchen.

Hat denn das Stadttheater Münster, doch immerhin eine mittelgroße Bühne, Theater in einer Universitätsstadt, keinen Dramaturgen? Natürlich. Für "Luther" war Michael Letmathe dramaturgisch verantwortlich. Warum ist er seinem Regisseur nicht in den Arm gefallen?

So platschteklatschte Düffels Theatergold in den Münsteraner Matsch. Gedankenfaulheit, Geschichtsvergessenheit, Mangel an sittlichem Ernst. Und schlicht und einfach schlechter Geschmack.

In Deutschland ist es verboten, Geld zu fälschen. Dramen darf man ungestraft fälschen, in Umlauf bringen...

Fünfhundert Jahre nach Luther - und nichts dazugelernt.


Ulrich Fischer

Aufführungen am 29. Sept.; 11., 21. und 29. Okt.; 30. Nov. -Aufführungsdauere 150 Min.
Theaterkasse: 0251 5909100 - Internet: www.theater-muenster.de